Ramstein-Miesenbach
Wie in Ramstein ein Schulversuch die Behindertenarbeit revolutionierte
Andreas Fröhlich, Professor für Sonderpädagogik, und die Historikerin Evelyn Weiß haben eine Schau kuratiert, die für ein Heimatmuseum ebenso ungewöhnlich ist wie sie interessante Einblicke in ein gesellschafts- und sozialpolitisch bedeutsames Kapitel Ramsteins gibt. Damals Pionierarbeit, haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Projekt, das vor 45 Jahren im Ramsteiner Schwesternhaus startete, längst internationale Bedeutung gewonnen.
In einer Glasvitrine sammeln sich Quadrate und Kugeln mit unterschiedlich gestalteten Oberflächen. Ein Stück weiter dreht sich ein schwarz-weißes zylinderförmiges Objekt, daneben liegt eine farbige Schaumstoffrolle. Von der Decke hängt ein Quadrat, an dem unzählige Wollfäden baumeln, die als „Trockendusche“ über die Haut gleiten. Am anderen Ende des Raums findet sich ein kunterbuntes Bällebad, das heute in keiner Kita und keinem Spielparadies fehlen darf. „So etwas gab es Anfang der 1970er noch nicht. Damals mussten die Mitarbeiter der neuen Einrichtung alltägliche Dinge nutzen und dabei sehr kreativ sein“, erklärt Evelyn Weiß, die zehn Jahre das Museum im Westrich geleitet hat.
Keine Lobby für Behinderte
Damals, das war zu einer Zeit, als behinderte Kinder noch keine Lobby hatten. Sie wurden von der Gesellschaft als „Schandfleck“ abgestempelt und deshalb meistens vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten. „Sie galten als krank und fristeten ihr Leben im Bett, zuhause oder in einer Kinderklinik. Da sie nicht sprechen oder sich fortbewegen konnten und bei allem auf fremde Hilfe angewiesen waren, hielt man sie für bildungs- und beschulungsunfähig“, erinnert Weiß an längst revidierte Einstellungen. Denn dann begannen die Eltern, sich für ihre behinderten Kinder einzusetzen, forderten, dass diese gefördert werden sollten.
Aus dieser Initiative ging die Einrichtung im früheren Ramsteiner Schwesternhaus hervor. „Hier begann man unter Leitung von Andreas Fröhlich, der auf Sonderpädagogik spezialisiert war, im Rahmen eines Schulversuchs neue Wege zu gehen. Sie hatten mit Schule im herkömmlichen Sinn nichts zu tun, sondern verfolgten den Ansatz, die verkümmerten Sinne der Kinder anzusprechen, sie zu wecken und zu aktivieren“, so die Historikerin.
Das Konzept habe nicht auf Leistung gesetzt, sondern darauf, den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Umgebung zu entdecken. Durch Fühlen, Spüren, Riechen, Schmecken, Tasten, Hören. „Dazu dienten zum Beispiel eine Schüssel mit Erbsen, Stoffe, die rau, glatt, seidig oder kratzig waren, Gegenstände mit unterschiedlichen Formen.“
Da viele Kinder nicht sitzen konnten, wurden sie langsam daran gewöhnt, mit eigens für sie konstruierten Sitzmöbeln, deren Entstehung in der Ausstellung dokumentiert ist. Das Experimentieren mit verschiedenen Materialien, optischen und akustischen Reizen sowie die genaue Beobachtung der Reaktionen der Kinder ermöglichten im Laufe der Zeit, ein pädagogisch-therapeutisches Konzept zu erarbeiten.
Maßgeblich von Andreas Fröhlich entwickelt, erhielt es den Namen Basale Stimulation. „Es ist heute in vielen Ländern der Welt eines der am meisten verbreiteten Förderkonzepte für Menschen mit schwersten Behinderungen und wird ebenso in Altenheimen und Kliniken eingesetzt.“
Recht auf Schule erstritten
Außerdem sei den damaligen Pionieren, deren Projekt wissenschaftlich begleitet wurde und später in der Landstuhler Reha-Westpfalz zu weiteren Forschungsarbeiten führte, der Nachweis gelungen, dass beeinträchtigte Kinder keineswegs „bildungsunfähig“ sind. „Daraufhin hat Rheinland-Pfalz 1980 anerkannt, dass alle Kinder das Recht auf Beschulung haben, auch bei schwersten Behinderungen“, sagt Evelyn Weiß. Ein Erfolg, der das Leben unzähliger Menschen veränderte, die Wahrnehmung beeinträchtigter Personen stärkte und zu ihrer Inklusion beitrug.
So gibt die Ausstellung – ergänzt von informativen Texttafeln – einen deutlichen Einblick, wie sich erste Ideen weiterentwickelt haben, hin zu wichtigen Hilfsmitteln, die Therapeuten, Pädagogen und Pflegenden heute wertvolle Fördermöglichkeiten bieten.
Info
Die Schau läuft noch bis Ende Oktober im Museum im Westrich, Ramstein-Miesenbach, Miesenbacher Straße 1. Es ist mittwochs und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.