Kreis Kaiserslautern
Wie der Krieg in der Ukraine die Menschen im Kreis bewegt
Wenn es irgendwo auf der Welt brennt, rückt Ramstein in den Fokus und Bürgermeister Ralf Hechler ist ein gefragter Mann. Statt den Narren beim großen Westricher Fastnachtsumzug zuzuwinken, stand der CDU-Politiker am Dienstag der ARD für die Tagesthemen Rede und Antwort: Vom Landstuhler Aussichtspunkt Herrengärtchen aus schilderte er mit Blick auf die Air Base, wie sich die Menschen rund um das mögliche strategische Kriegsziel fühlen, was sie denken und was sie bewegt: „Wir haben hier schon viele Sachen erlebt. Aber so was noch nicht. Weil man nicht weiß, was kommt“, bringt er die Sorgen der Westpfälzer in dem bundesweit ausgestrahlten Fernsehbeitrag auf den Punkt.
„Ich bin während des Kalten Kriegs aufgewachsen. Da war die Angst vor einem Atomkrieg immer präsent“, sagt er der RHEINPFALZ und kann daher verstehen, dass gerade ältere Menschen in großer Sorge sind. Aber auch viele Kinder hätten große Angst – nicht zuletzt seine eigenen. Als es bei der gerade laufenden Routineübung auf der Air Base am Dienstag laut geknallt habe und danach Lautsprecherdurchsagen ertönten, sei sein neunjähriger Sohn sehr erschrocken. „Er war gerade auf dem Bolzplatz. Von dort ist er schnell zum Rathaus geradelt und hat gerufen, dass ich ihn reinlassen soll“, erzählt er, dass der Junge nur schwer zu beruhigen gewesen sei. Nicht besser gehe es seiner 17-jährigen Tochter, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg habe. „Schlimme Zeiten“, so Hechlers Fazit. „Ich hätte nicht geglaubt, dass wir so was noch mal erleben.“
„Freien Wohnraum melden“
Der Kreisvorstand sieht das genauso: „Mit Entsetzen und Empörung verfolgen wir den russischen Angriff auf die Ukraine. Wir sind fassungslos, dass Europa zu einem Kriegsschauplatz geworden ist“, so Landrat Ralf Leßmeister (CDU). „Wir sehen bedrückende Bilder von Menschen, die auf der Flucht sind und vom verzweifelten Kampf zur Verteidigung der Heimat. Es war unvorstellbar, dass so etwas passieren kann.“ Die Kriegssituation zeige „mehr denn je, wie wichtig es ist, in Europa auf Zusammenhalt und Solidarität zu bauen“, betont Leßmeister und freut sich „über die vielfältigen Hilfsangebote für die Ukraine, die mich bereits seitens der Kreisbevölkerung erreicht haben“.
Erwartet er eine große Flüchtlingswelle und wie bereitet sich der Landkreis darauf vor? „Zurzeit kann über die Zahl der Schutzsuchenden nur spekuliert werden“, sagt der Landrat. Noch sei nicht absehbar, wie viele Menschen aus der Ukraine Rheinland-Pfalz und seinen Kommunen zugeteilt würden. Umso wichtiger sei es, bereits jetzt Vorbereitungen zu treffen, um die Aufnahme der Geflüchteten sicherzustellen. Kurzfristig könne der Landkreis Flüchtlinge über seine Katastrophenschutzeinheiten für zunächst 72 Stunden in Notunterkünften aufnehmen. „Im Anschluss daran wäre dann eine dezentrale Unterbringung zu organisieren.“
In diesem Zusammenhang appelliert Leßmeister an alle Bürger im Landkreis, freien Wohnraum – egal welcher Art – bei der Kreisverwaltung zu melden und zwar zentral über die E-Mail-Adresse asyl@kaiserslautern-kreis.de. Die Kreisverwaltung koordiniere die Angebote und melde die Unterbringungsmöglichkeiten sowohl an die Verbandsgemeinden als auch an die Trierer Aufsichtsbehörde ADD weiter. „Die ADD hat zugesichert, alle Unterbringungsmöglichkeiten zentral zu bündeln, um einen schnellen Transfer zielgerichtet sicherstellen zu können.“
Der Katastrophenschutz des Landkreises habe für den Notfall Übergangsmöglichkeiten für die Unterbringung vorbereitet. Leßmeister zeigt sich zuversichtlich: „Wir werden diese Aufgabe als kommunale Familie meistern und ich weiß, dass wir alle auf das ehrenamtliche Engagement sowohl der Zivilgesellschaft als auch auf die Unterstützung durch die Hilfsorganisationen bauen können“.
In Enkenbach wird gesammelt
Konkrete Hilfe ist bereits in der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn angelaufen. Wie Erster Ortsbeigeordneter Alexander Roth (CDU) auf RHEINPFALZ-Anfrage berichtet, sei die Junge Union von der Friedenskundgebung in Kaiserslautern „sehr betroffen, aber hoch motiviert“ zurückgekommen und habe die „Jugendinitiative – Hilfsgüter für die Ukraine“ gestartet. Gesammelt werden Hilfsgüter der Kategorie Schlafen (isolierende Wärmedecken, Schlafsäcke, Isomatten, Decken, Matratzen, Kissen, Mikrofaserhandtücher), der Kategorie Hygiene (Seife, Shampoo, Zahnpasta und -bürsten, Windeln und Einlagen, Papierhandtücher, Wundantiseptika, Desinfektionsmittel, wiederverwendbare und Einwegmasken), haltbare Lebensmittel (Wasser, Fertiggerichte, Energieriegel, Trockenfrüchte, Nüsse, Konserven, Nudeln, Instant-Cerealien) sowie (nach Terminvereinbarung) Zelte, Feldbetten, Öfen und Kessel.
„Keine Kuscheltiere“
„Wir orientieren uns dabei an einer Liste der deutsch-ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar, die in Heidelberg ein Verteilzentrum auf die Beine gestellt hat und einen Konvoi bis in die Nähe von Kiew organisiert“, berichtet Roth. Kleiderspenden seien im Moment nicht vorgesehen. „Und auch keine Kuscheltiere oder Spielsachen“, betont er, weil er darauf schon öfter angesprochen worden sei. „Wir wollen die Vorgaben einhalten, damit wir bei der Einfuhr der Waren in die Ukraine diese Listen vorweisen können und nicht alle Pakete auch noch aufgemacht werden müssen, denn das würde die Hilfe ja verzögern“, erklärt er den Hintergrund. Hilfreich sei es zudem, wenn die Spender ihre Hilfsgüter nach Kategorien geordnet verpacken könnten. „Das erleichtert uns die Arbeit.“
Abgegeben werden können die Spenden am Freitag, 4. März von 18 bis 19.30 Uhr in der Hauptstraße 40 in Enkenbach-Alsenborn. Laut Roth ist auch die Initiative „Aktiv in Hochspeyer“ mit im Boot und beteiligt sich am Spendensammeln.
Auch die Pfälzische Kinderhilfe – Leben nach Tschernobyl ist derzeit am Überlegen, ob sie ihre eigentlich für Weißrussland vorgesehenen Hilfsgüter angesichts der Not im Kriegsgebiet nicht lieber der Ukraine zur Verfügung stellt. „Wir haben Möbel, Matratzen, Kinderbetten und -wagen sowie Kleidung in unserem Lager, alles verpackt in Bananenkisten“, berichtet Vorsitzender Wolfgang Spangenberger auf Anfrage. Das Problem des Vereins ist allerdings, dass er für die vier bis fünf Tonnen schweren Güter keine Transportmöglichkeit zur Verfügung hat. „Wir bräuchten einen kleinen Lkw.“ Außerdem müsse erst geprüft werden, ob die Vereinssatzung zulässt, dass die Hilfe nicht nach Belarus, sondern in die Ukraine geht. Sonst drohten Probleme mit dem Finanzamt. „Am Freitagabend werden wir im Vorstand darüber sprechen und dann eine Entscheidung treffen.“