Kreis Kaiserslautern „Wichtig ist, dass das Kind sich wohl fühlt“

Während ihre Brüder am ersten Ferientag ausgiebig an der Matratze horchen, ist Jana schon putzmunter. Sie hat es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht und ist in ihr derzeitiges Lieblingshobby vertieft: Eine Bügelperle nach der anderen fügt sie zu fantasievollen Motiven zusammen; mit dem Bügeleisen werden sie später verschmolzen. Ein hübsches Mädchen in Leggings und T-Shirt, die Locken im Nacken gebändigt. Nichts deutet darauf hin, dass die Zwölfjährige ein Handicap hat. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Und doch ist sie beeinträchtigt. „Jana hat eine Lernschwäche, ihre Entwicklung ist verzögert“, erklärt ihre Mutter Margarete Kaldi. Die Ursachen liegen bereits in den ersten Lebenstagen. „Sie kam sieben Wochen zu früh auf die Welt. Schon nach ein paar Tagen gab es Anzeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist.“ Die Ärzte diagnostizieren eine Leberstörung, die zu einer fortschreitenden Vergiftung des Körpers führt. Das einzige, was Jana retten kann, ist eine Lebertransplantation. Ein Ärzteteam des Hamburger Universitätsklinikums wagt den riskanten Eingriff an dem Säugling. Die Transplantation gelingt, doch der Organismus hat bereits Schaden genommen. Auch das Gehirn. „Ob und welche Folgen das haben sollte, konnte uns niemand sagen. Erst mit der Zeit hat sich gezeigt, dass sich Jana langsamer entwickelt als andere Kinder ihres Alters.“ Als sie drei ist, stellt sich die Frage eines Kindergartenbesuchs. Unterstützung finden die Kaldis bei der Reha Westpfalz in Landstuhl. „Die Gespräche dort haben uns sehr geholfen. Danach stand für uns fest, dass wir Jana nicht in einen Schwerpunktkindergarten geben, sondern in den Otterberger Regelkindergarten.“ Dort ist man skeptisch, der Anforderung gewachsen zu sein. Denn Jana kann noch nicht sprechen, ist motorisch längst nicht so fit wie ihre Altersgenossen. „Doch dann hat sich eine Erzieherin bereiterklärt. Das gab den Ausschlag.“ Und es funktioniert. „Es gab keine Probleme mit den anderen Kindern. Die haben sogar erst nach vier Wochen gemerkt, dass Jana sich nur mit Gesten verständigen kann.“ Zum Erfolg trägt auch eine Integrationskraft bei, die dem Mädchen zur Seite gestellt wird. Mit ihrer Unterstützung wird es in die Gemeinschaft integriert, nimmt seinen Fähigkeiten entsprechend an allen Aktivitäten teil, lernt mit der Zeit auch sprechen. Nach der Kindergartenzeit, die die Eltern um ein Jahr verlängern, steht eine weitere Entscheidung an. Förderschule oder Regelschule? „Wir haben uns viele Gedanken gemacht und Gespräche geführt, bevor unsere Wahl auf die Schwerpunktschule in Otterbach fiel“, sagt Stefan Kaldi, selbst Lehrer an der IGS Otterberg. Den Entschluss haben weder die Eltern noch Jana selbst bereut. „Anfangs hatten sich zwar einige Kinder beschwert, dass Jana immer leichtere Hausaufgaben bekam. Aber nachdem die Lehrerin den Grund erklärt hatte, war das Thema vom Tisch.“ Noch immer polarisiert das Thema Inklusion. Stefan Kaldi geht es realistisch an. „Sicher gibt es Hürden, die genommen werden wollen, und kein Kind ist wie das andere. Aber wir persönlich haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht.“ Für ihn und seine Frau ist das Miteinander behinderter und nichtbehinderter Kinder eine Chance, voneinander zu lernen und sich aufeinander einzulassen. „Es stärkt die Sozialkompetenz der Kinder, davon profitieren alle.“ Mittlerweile besucht Jana eine weiterführende Schwerpunktschule in Kaiserslautern. Auch dort fühlt sie sich wohl, wird akzeptiert und hat Freundinnen gewonnen. Die helfen ihr, wenn es mal mit der Orientierung in dem großen Gebäude hapert. Alle sechs Monate wird ein Hilfeplan erstellt, in dem Umfang und Art der Unterstützung geregelt sind, die die Schülerin braucht. Auch die Lerninhalte sind auf ihre individuellen Möglichkeiten abgestimmt. „Wenn das Thema zu schwierig ist, bekommt Jana eine an ihre Fähigkeiten angepasste Lerneinheit“, sagt Margarete Kaldi. „Außerdem steht für sie dreimal in der Woche das Unterrichtsfach lebenspraktische Tätigkeiten auf dem Stundenplan. Darin lernt sie vom Kochen über das Bügeln alles, was im Alltag gefragt ist.“ Für die Eltern ein wichtiger Pluspunkt. „Jana soll alle Chancen bekommen, um später ein möglichst eigenständiges Leben führen zu können. Denn Selbstständigkeit bedeutet Lebensqualität.“ Deshalb werden auch alle nötigen Therapien aufeinander abgestimmt. „Trotzdem muss man immer am Ball bleiben, sich schlau machen, welche Möglichkeiten es gibt, wer die Kosten trägt oder sich zumindest daran beteiligt.“ Jetzt kommt Jana in die sechste Klasse. „Solange sie auf ihrer jetzigen Schule gut klar kommt, bleibt sie dort. Sollte sich das ändern, haben wir auch kein Problem damit, unsere Tochter auf eine Förderschule zu geben“, sagt Stefan Kaldi und lässt keinen Zweifel an der Existenzberechtigung dieser Schulart. „Man muss realistisch bleiben und die Dinge annehmen, wie sie sich entwickeln. Und das Wichtigste ist doch, dass ein Kind sich wohl fühlt. Ob auf der Regel- oder der Förderschule. Hauptsache, das Paket passt.“