Enkenbach-Alsenborn
Von Paraguay nach Enkenbach: Buch von Corina Roth beschreibt das Leben von Abram Enns
„Zuversicht der Menschen“ heißt Roths kürzlich veröffentlichtes Erstlingswerk, das sich am ehesten als Sachbuch mit biografischen Elementen beschreiben lässt. Zum einen war es ihr wichtig, dass die Erinnerungen ihres Vaters nicht verloren gehen. Von den ersten Interviews bis zur Fertigstellung des 153 Seiten fassenden Buches vergingen rund zehn Jahre. Das lag aber keineswegs am Tempo der Niederschrift – Roth brauchte für das Umwandeln der Interviewaufnahmen in den Buchtext nur sechs Monate. „Wir, mein Vater und ich, sind bei den Interviews emotional an unsere Grenzen gekommen“, gesteht Roth. Frühzeitig habe sie deswegen das Führen der Interviews in die Hände von Marlies Klassen, eine Cousine ihrer Mutter, abgegeben. Jahrelang fristeten die Dateien mit den Aufnahmen dann ein Dasein in einer Schublade – so sehr habe sie die Konfrontation gescheut.
Schwere Arbeit in der Landwirtschaft
„Soweit es ging, haben wir die Sträucher mit dem Beil zerkleinert, den Rest untergepflügt… Nach Regen konntest du nur barfuß drauf gehen. Dann war alles im Boden versteckt – Dornen, Splitter. Das war schlimm. Man hatte ständig was im Fuß. Furchtbar“, heißt es in der Buchmitte, wo Abram Enns über die schwere Arbeit in der Landwirtschaft berichtet, die sie als Kinder leisten mussten. Seine Eltern waren von Russland nach Paraguay geflohen, wo ihnen als Landwirte Ländereien zugeteilt wurden. Als siebtes von zehn Kindern wurde Enns 1936 in der mennonitischen Kolonie geboren. Corina Roth war fasziniert von der ihr fremden Welt und Lebensweise, die ihr Vater in seinen Erinnerungen preisgab. „Da war auf der einen Seite das Aufwachsen mit einem strengen Glauben, der alles regelte und entschied“, beschreibt sie des Vaters Kindheit. Dem entgegen habe die große Freiheit gestanden, wenn er als Kind tagelang auf der Jagd oder mit den Pferden unterwegs war. Dabei entwickelte Enns eine enge Bindung zu Tieren – vor allem zu Pferden. Sehr gefühlvoll seien auch seine Ausführungen bezüglich der Nähe zu der indigenen Bevölkerung gewesen.
Obwohl es in der Kolonie kein Fernsehen, Telefon oder Radio gab, habe er als Junge schon gewusst, dass da noch mehr sein muss. Er wollte in die große, weite Welt. Um aus der Kolonie ausbrechen zu können, musste er Pfarrer werden. Die Alternative wäre gewesen, im Dorf zu bleiben und als Landwirt zu arbeiten. Er ließ sich taufen und verließ zum Verdruss seiner Eltern mit 21 Jahren die Gemeinde, um sich in Uruguay zum Pfarrer und Lehrer ausbilden zu lassen. Es folgten Stationen in Brasilien, eine Heirat und die Geburt mehrerer Kinder, bevor es ihn 1971 nach Deutschland verschlug. Nach seinem Aufenthalt in Frankfurt und einer weiteren Heirat landete er schließlich in Enkenbach, wo er jahrelang die Pfarrstelle innehatte und als Chorleiter aktiv war.
Den Glauben nie wirklich angenommen
Corina Roth kam in Enkenbach auf die Welt. „Wie schon mein Vater damals in Paraguay, so verspürte auch ich einen Freiheitsdrang. Ich wollte raus aus Enkenbach, meinen Horizont öffnen“, sagt die Autorin. Bei verschiedenen Lebenswegen gehe es nicht um eine Bewertung im Sinne von besser oder schlechter, sondern um eine weitere, andere Erfahrung. Für Roth war es als Kind einer mennonitischen Familie obligatorisch, den sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen. Den Glauben habe sie jedoch nicht wirklich für sich angenommen.
Sie verließ ihren Geburtsort und wirkte jahrelang im Rhein-Main-Gebiet, bevor sie sich Anfang 2025 wieder in Alsenborn niederließ. Den mennonitischen Kontext habe sie hinter sich gelassen. Ihr Vater habe ihr das nie vorgeworfen. Corina Roth leitet die Suchtprävention Rheinland-Pfalz in Mainz. Außerdem betreibt sie ihr Unternehmen „Liebensqualität“. Sie begleitet Menschen, Tiere und Unternehmen dabei, in ihre „authentische Energie“ zu kommen.
Zwei wesentliche Erkenntnisse
Abram Enns begrüßte das Vorhaben seiner Tochter, seine Erzählungen und Erfahrungen in Form eines Buches weiterzutragen. Allerdings erlebte der 2019 Verstorbene die Fertigstellung nicht mehr. So ist das Buch ein Vermächtnis, das zwei seiner wesentlichen Erkenntnisse weitergibt: „Die Masse mag sich irren. Nur weil alle Schäfchen in eine Richtung rennen, heißt das nicht, dass es richtig ist.“ Und: „Die Wahrheit wohnt nicht immer dort, wo sie verkündet wird – manchmal muss man einen Umweg gehen, um sich selbst treu zu bleiben.“
Info
Die Autorin gibt am Mittwoch, 10. Juni, um 19 Uhr eine Lesung mit anschließendem Austausch in der Praxis Schoßraum in der Kerzenheimer Straße 19 in Eisenberg.