Kreis Kaiserslautern Von „Nickelos“ zu „Santa Claus“

Der amerikanische „Santa Claus“ hat den heimischen Belzenickel längst vertrieben.
Der amerikanische »Santa Claus« hat den heimischen Belzenickel längst vertrieben.

ie Profanisierung der Populärkultur hat längst auch die europäischen Volksbräuche ergriffen. Farbig blinkende Lichtermeere erinnern eher an Las Vegas denn an christliche Heilige; an die Stelle von stiller Besinnlichkeit und Einkehr trat die Hysterie des Konsums; der gute alte Weihnachtsmann wurde von „Santa Claus“ abgelöst. Die Comicfigur im roten Pelzmantel, die vom fliegenden Rentierschlitten herunter ihre „Ho-ho-ho“-Rufe durch die Heilige Nacht klingen lässt, verdankt die Welt ausgerechnet einem Pfälzer. Der in Landau geborene Thomas Nast kam anno 1846 als Sechsjähriger mit Mutter und Schwester in die Vereinigten Staaten, wo er als Grafiker und Zeichner berühmt wurde. Bis heute gilt er als Vater der politischen Karikatur. Dauerhaften Nachruhm bescherte ihm seine erstmals 1863 erschienene Zeichnung des „Santa Claus“. Als nach Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg Begriffe wie „Brauchtum“ und „Heimat“ negativ besetzt waren, gerieten viele jahrhundertealte Sitten und Rituale sowie Aberglaube und heidnisch-christliches Sittengemisch aus der Mode. So verdrängte der amerikanische „Santa Claus“ den guten alten Pfälzer „Belz(e)nickel“, den der kleine Thomas Nast vermutlich selbst noch gekannt – und gefürchtet – hatte. enn der „Nickelos“ oder „Belzenickel“ ist ja nicht nur Freund und Wohltäter der Kinder, sondern ermahnt sie unerbittlich zu einem „braven“, also gehorsamen Lebenswandel. In einem Büchlein über „Sitten und Gebräuche“ schrieb der Lehrer Hugo Vogelsgesang 1925: „Schon einige Tage vor Weihnacht getraut sich kein Kind mehr auf die dunkle Straße. Gehen doch der ,Nickelos’ (…) und das Christkindchen durch die Dörfer, lauschen und spähen, ob die Kinder auch schön brav sind. Sie poltern in manches Haus und bringen Äpfel, Nüsse, Lebkuchen den Braven, Schläge den Bösen.“ er nichts mitzubringen hatte, münzte den Besuch kurzerhand zum Heischegang um und bat seinerseits um milde Gaben. Dieser Brauch war noch im frühen 20. Jahrhundert in Steinwenden und Rodenbach verbreitet, wo man sich den unerwünschten Besuch mit einem Reim verbat: „De Bettel-Belzenickel, was schafft’ er dann bei meer?/ Ich nemm’ ne an de Zippelkapp und setz’ ne vor die Deer.“ Dass die Symbolfigur des Weihnachtsfests ihr historisches Vorbild im Heiligen Nikolaus hat, weiß buchstäblich jedes Kind. Der Gottesmann wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, damals Teil des römischen und später des byzantinischen Reichs, heute unter dem Namen Demre in der Türkei gelegen. er bedeutende Lauterer Wirtschaftswissenschaftler und Volkskundler Werner Weidmann zeichnete die Legende des Heiligen 2001 in einem RHEINPFALZ-Artikel nach: „In seiner überaus langen Amtszeit als Bischof verschaffte er sich eine außerordentliche Popularität, (…) die ihn zu einem der volkstümlichsten Heiligen machte. In der Ostkirche erscheint er seit dem 12. Jahrhundert in zahlreichen Ikonen. Das Ansehen und die Popularität von St. Nikolaus war so groß, dass die Kurie in Rom im 11. Jahrhundert durch gedungene Piraten in einem Handstreich die Gebeine in Lykien wegnehmen und nach Bari bringen ließ, wo umgehend eine St.-Nikolaus-Wallfahrtskirche entstand, zu der alljährlich auch viele Pilger aus unserem Landkreis strömten.“ Weidmann beleuchtet auch die „Palatinisierung“ des Namens des Heiligen: „Wir kennen im Landkreis Kaiserslautern den Nikolaus in mindestens sieben sprachlichen Abwandlungen: ,Nikeloos’ in Miesau, Hütschenhausen und Ramstein; ,N’kloos’ etwa in Olsbrücken, Frankelbach, Unter- und Obersulzbach; ,Nikelaus’ in Kottweiler und in Schwanden; ,Niklaus’ in Kindsbach; ,Niklas’ in Miesenbach (im Gegensatz zu ,Nikeloos’ in Ramstein); ,Nikolaa’ in Linden; ,Nikolan’ in Hochspeyer und Frankenstein. In Obermohr und Weltersbach gibt es den Gaben heischenden ,Pelznickel’, das heißt die Abart, die bettelt und hausiert.“ Nach Westen in Richtung Glan kannte man bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zudem den „polnischen Bock“. Das war eine Maske, für die ein Tuch über eine Schüttgabel gezogen wurde, deren Zinken ein Paar Bockshörner darstellten und damit eigentlich zum furchteinflößenden Begleiter des Nikolaus, dem Knecht Ruprecht, gehören. uprecht (auch Krampus genannt) ist der Büttel des Nikolaus, eine Art Kinderschreck mit vorchristlichen Wurzeln, der den bösen Kindern ihre Strafe angedeihen lässt und auch sonst wenig zimperlich auftritt. Im Seefahrerstaat Holland, wo man bereits ab dem 17. Jahrhundert mit gewaltsam herbeigeschafften „Mohren“ konfrontiert war, wurde dem „Sinterklaas“ der „Zwarte Piet“ (Schwarze Peter) zur Seite gestellt. Sein französischer Name lautet „Père Fouettard“ und spielt auf die „fouet“ genannte Peitsche an, während der Pfälzer „Belzenickel“ sich bei der Bestrafung der unartigen Kinder auf den „Malkolwes“ verlässt, der dafür eigens ein „Bergge Rietche“ – also eine Birkenrute – mit sich führt. Noch schauriger ist das Treiben des alemannischen „Chindli-Frässers“. ikolaus aber bleibt der Wohltäter des Nachwuchses. Im saarpfälzischen Ostertal zwischen Homburg und St. Wendel war übrigens noch um 1900 der Nikolaustag der Tag der Geschenke für die Kinder. So merkte 1925 Lehrer Vogelsgesang an: „Nur den Ostertälern bringt der Tag (…) Geschenke. Der 6. Dezember, der eigentliche Nikolaustag, wird nicht mehr gefeiert.“ Zum Weihnachtsfest notierte Vogelsgesang: „Nur in wenigen Häusern hängt man noch vergoldete Nüsse, Äpfel, Lebkuchen, Hutzeln und Zuckerdings an (den Baum), wie zu Großmutters Zeiten. Am Glan und am oberen Ohmbach schmückt man auch noch mit den ,Rotäppelcher’, (…) kleinen rotbackigen Äpfeln, die in der Glangegend häufiger wachsen als sonstwo. Zu Großvaters Zeiten war (…) alles essbar, was an das Bäumchen kam. (…) Eine Spitze, wie sie heute üblich ist, kannte man damals nicht. Dafür nahm man die Schale eines Hühnereis. Doch man ließ derselben nicht die schöne weiße Farbe, sondern man wälzte sie wie die Nüsse in Eiweiß, um dann Schaumgold oder Schaumsilber darüber zu ziehen. (…) Auch gar seltsame Lichtlein verwendete man: In Nussschalen tat man Rüböl und einen kleinen Docht, der angezündet wurde.“ ieser Zauber des Schlichten ist weitgehend verschwunden, ebenso der naive Glaube an die Wundertaten heiliger Männer. Das Andenken an den Bischof von Myra immerhin wird in Ramstein besonders gepflegt, wo der Neustadter Architekt Wilhelm Schulte zwischen 1901 und 1903 im neuromanischen Stil die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus errichtete. Das Grab der „Basilisa San Nicola“ im süditalienischen Bari wurde 1957 geöffnet und von Wissenschaftlern untersucht. Und was fanden sie heraus? Dass hier ein 70 bis 80 Jahre alter Mann begraben liegt, der 1,67 Meter groß war und unter chronischer Arthritis gelitten hat. Wie er ausgesehen haben könnte, führte vor drei Jahren der Fernsehsender Discovery Channel vor. Wie der Weihnachtsmann aussieht, entscheidet ohnehin jede und jeder von uns ganz für sich allein.

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