Sembach
Visionen für ein attraktiveres Dorf
Rüdiger Schmitt ist überzeugt, dass durch wirtschaftliche Attraktivität Ressourcen geschaffen werden können, mit denen ambitionierte Ziele zu erreichen sind. Auch im stetig kleiner werdenden Sembach mit seinen aktuell knapp 1170 Einwohnern, in dem er seit vier Jahrzehnten lebt. „Mir ist aufgefallen, wie viel Potenzial in diesem Dorf steckt, die Ortsgemeinde ist sehr aktiv, hat ein enormes ehrenamtliches Engagement“, erläuterte der parteilose Bürger der RHEINPFALZ. Er habe viel Zeit und Energie investiert, um ein Zukunftskonzept zu entwickeln. Es sei das erste seiner Art. In einem ganzheitlichen Ansatz habe er alle relevanten Themen betrachtet, von Bildung über Infrastruktur, Landschaftsplanung und soziale Aspekte bis zur energetischen Transformation. Dem Gemeinderat präsentierte er nun die Ergebnisse seiner Arbeit.
Leerstände mit Leben füllen
„Dabei geht es um bestehende und künftige Herausforderungen“, sagte Schmitt, der seit 1995 bei der US-Air-Force für den Umweltschutz zuständig ist, dadurch viele Kontakte zu Behörden und politisch Verantwortlichen hat. „Früher war ich Leistungssportler, auch hab ich mal zehn Jahre lang ein Jugendzentrum geleitet, war Suchthilfebeauftragter, hab Basketball in Mehlingen etabliert und betreibe eine internationale Spielervermittlungsagentur für diesen Sport“, stellte sich Schmitt im Rat vor und betonte: „Ich möchte meine breiten Erfahrungen weitergeben.“
Als Probleme, die es zu lösen gilt, nannte er unter anderem Abwanderung und demografischen Wandel. „Sembachs Bevölkerung schrumpft“, erklärte der 64-Jährige. „Dem müssen wir entgegenwirken, ebenso wie den Leerständen.“ Verwaiste Geschäftsräume und Firmengebäude sowie leere Baugrundstücke im Gewerbegebiet sollten aber mit Bedacht belebt werden. Schmitt sieht einen Mangel an Diversifizierung in der örtlichen Wirtschaft. „Wichtig ist zu schauen, was für Betriebe sich ansiedeln“, hob er hervor, dass das Leistungsspektrum ausgeweitet werden sollte. Beispielsweise fehlten Unternehmen der Grundversorgung, Ärzte und Pflegeanbieter.
Mehrgenerationentreff und Repaircafé
Für den Tower, einen zentralen Bau auf dem 1995 stillgelegten Militärflugplatz, der aktuell nur durch seine Höhe beeindruckt, sollte ein Investor gefunden werden, der etwas daraus macht. Zum Dorfgemeinschaftshaus umgestalten könnte man nach Schmitts Vorstellung das Haus Hauptstraße 17 bis 19, das am 10. Februar versteigert wird. Sinnvoll nutzen ließe sich auch das brach liegende Grundstück vis-à-vis des Kindergartens, schlug er eine weitere Immobilie vor. Um die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhöhen und das Dorf insgesamt attraktiver zu machen, seien Freizeitmöglichkeiten und die Naherholung in den Blick zu nehmen, ebenso wie die Weiterbildungsangebote und die sozialen Strukturen. Zu denken seien hier etwa an eine Tafel, an Nachhilfe, an einen Mehrgenerationentreff, ein Repaircafé, eine Sembach-App und einen Second-Hand-Shop.
Aufgrund des Klimawandels müsse eine Energieautarkie angestrebt werden. Dass das kein utopisches Hirngespinst ist, belegte Schmitt mit Beispielen aus Dörfern, die das schon erreicht haben, etwa das winzige Basberg in der Eifel, der brandenburgische Landkreis Spree-Neiße und Dissen, eine Kleinstadt am Teutoburger Wald. Als Stichworte nannte Schmitt ein mit Mitteln aus dem rheinland-pfälzischen Klimaschutzförderprogramm Kipki verwirklichtes, äußerst effizientes Kalte-Nahwärme-Netz, ferner Batteriespeicher, ein Start-up-Zentrum, ein digitales schwarzes Brett und ein größeres Windrad. Die Sembacher haben eines mit drei Megawatt Leistung. Schmitt rechnete vor, das bei einem Fünf-Megawatt-Windkraftwerk für 6,15 Millionen Euro mit einkalkuliertem Rückbau von 100.000 Euro und jährlichen Betriebskosten von 200.000 Euro über 20 Jahre ein Gewinn zwischen 5,4 und 7,3 Millionen Euro zu erzielen sei.
Schmitt plädiert für eine Genossenschaft
Weitere Finanzmittel ließen sich unter anderem über Spenden, Erbschaften, Stiftungen, Fördertöpfe und Genossenschaftsanteile aufbringen, zeigte sich Schmitt optimistisch. Für die Umsetzung der Vorhaben bräuchten Ortsgemeinde und Ehrenamtliche professionelle Unterstützung. Er plädierte dafür, eine Genossenschaft zu gründen als Management- und Verwaltungsapparat mit hauptamtlichen Mitarbeitern. Die demokratische Struktur ermögliche es jedem Mitglied, gleichberechtigt mitzubestimmen. Schmitt forderte dazu auf, gemeinsam Ideen zu entwickeln und die Herausforderungen anzupacken. Er hob hervor: „Jede einzelne Stimme, jede einzelne Tat zählt dabei. Es lohnt sich, aktiv mitzugestalten.“
Keine Diskussion im Rat
Nach seinem Vortrag hätte der Referent sicherlich noch Fragen beantwortet. Aber aus dem Gremium kamen keine Wortmeldungen. Es wurde auch nicht diskutiert. Lediglich Ortsbürgermeister Peter Beutler (FWG) äußerte sich kurz: „Es waren ein paar gute Sachen dabei. Wir melden uns dann.“ Über die geringe Reaktion wunderte sich Schmitt ein wenig, wie er später zur RHEINPFALZ sagte. Vielleicht habe er seine Reise in die kommenden Jahrzehnte zu weit gefasst und die Ratsmitglieder damit überfordert oder er habe Probleme und Möglichkeiten nicht überzeugend dargestellt, meinte er selbstkritisch.
Beutler erklärte: „In unserer Fraktion hatten wir den Zukunftsentwurf schon besprochen und auch Verschiedenes hinterfragt.“ Man werde mit Rüdiger Schmitt die nächsten Schritte erörtern und im Ausschuss die weitere Vorgehensweise beschließen – „allerdings ohne GmbH oder Genossenschaft“. Einige Ideen stünden im Dorferneuerungskonzept von Sembach, das als Schwerpunktgemeinde anerkannt sei.