Landstuhl
Selbsthilfegruppe für Süchtige
Herr Heinz, wie erleben Betroffene ihre Sucht?
Jeder von uns kennt Dinge, die man braucht oder tun muss. Aber wenn Süchtige den „Stoff“ nicht haben, meinen sie zu sterben. Stellen Sie sich vor, man würde ihnen das Atmen verbieten. Für einen Alkoholiker ist Alkohol wie Luft, er ist lebenswichtig. Das ist sein Lebensinhalt, ein Leben ohne ihn nicht vorstellbar. Das Krankhafte ist, dass sie dem Suchtstoff eine Stellung geben, die er nicht einnehmen sollte.
Wie geschieht das?
Ganz langsam und schleichend. Meistens beginnt es mit Ritualen und Gewohnheiten, aber das Problem ist, dass der Raum, den sie einnehmen, immer größer wird. Das kann Auswirkungen auf den finanziellen, den sozialen Bereich und auf die Tagesplanung haben. Man fängt an, das Leben entsprechend zu gestalten und darauf auszurichten.
Wo ist der Punkt, an dem die Situation kippt?
Man selbst merkt es spät. Es sind oft Partner, Angehörige oder Kollegen, denen es zuerst auffällt. Bei den Betroffenen scheint es im Kopf eine Sperre zu geben. Sie tun alles, um zu beweisen, dass es nicht so ist. Sie rationalisieren, das heißt, sie erklären und erklären.
Was kann da eine Selbsthilfegruppe tun?
Viele Leute, die uns kontaktieren – zurzeit treffen wir uns ja online, da ist die Scheu etwas geringer –, geben an, dass es um Angehörige oder Freunde geht, um die sie sich sorgen. Wir merken aber oft schnell, dass es um sie selbst geht. Häufiger haben sie schon gesundheitliche oder soziale Probleme. Sie haben Angst vor dem Führerscheinverlust oder der Arbeitgeber übt Druck aus. Manchmal ist es auch der Partner, der sagt: Jetzt reicht’s! Die Leute kommen dann zu uns, und wir hoffen, dass sie zuhören und sich mit uns identifizieren können und dann auch unsere Lösungsansätze ausprobieren.
Für welche Süchtigen ist die Gruppe gedacht?
Jeder, der süchtig ist, ist willkommen. Auch nicht „cleane“ Leute oder solche, die schon Jahrzehnte vom Stoff weg sind und auch Rückfällige oder Anfänger. Ein Alkoholiker sollte vielleicht den Entzug in der Klinik – nicht daheim – machen. Wir haben auch Angehörige, Borderliner, Suizidale, Depressive und Magersüchtige in unserer Gruppe. Ohne professionelle Begleitung kann ein Entzug lebensbedrohlich werden, zum Beispiel beim Alkoholiker oder Suizidalen.
Kommt es denn häufig vor, dass jemand gleich unter mehreren Süchten leidet?
Ja, die jungen Leute haben fast nur noch Mischsüchte.
Kann eine Selbsthilfegruppe denn für Menschen mit so vielen verschiedenen Süchten da sein?
Es gibt viele unterschiedliche Selbsthilfegruppen mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Für uns ist es nicht wichtig, ob ein Freund, so nennen wir die Mitglieder, bei uns bleibt. Wir sagen: Such dir etwas aus, aber geh in eine Gruppe. Das ist ganz wichtig.
Warum?
Therapiegespräche dauern 45 Minuten, ein Klinikaufenthalt wird für mehrere Wochen oder Monate gewährt. Diese Hilfsangebote sind zeitlich begrenzt. Man lernt viel, aber danach ist man wieder beim auch süchtigen Partner oder hat die gleichen Probleme auf der Arbeit wie vorher. Bei Süchten ist die Prognose, dauerhaft clean zu bleiben, sehr schlecht. Sie liegt bei drei bis fünf Prozent. Bei denjenigen, die in eine Gruppe gehen, ist sie höher. Wir haben auch ein Notfalltelefon. Da kann man Tag und Nacht anrufen, wenn es einem sehr schlecht geht. Wir nehmen die Leute unter unsere Fittiche und machen Mut, sich ihren eigenen Weg zu suchen. Das können wir leisten.
Wie sieht das konkret aus?
Wenn jemand neu in die Gruppe kommt, bemühen wir uns, unsere Geschichte zu erzählen. Wir bieten die Möglichkeit, sich mit uns zu identifizieren. Wir wollen, dass er versteht, dass er uns ähnelt – und erzählen dann von unserem Weg aus der Sucht heraus. Viele Leute kommen zu uns, wenn sie am Tiefpunkt sind. Wir drängen sie nicht. Niemand muss sich erklären oder etwas von sich preisgeben. Wir wollen nur den Vornamen wissen. Wenn er etwas erzählen möchte, macht er das ganz freiwillig. Er kann auch jederzeit aufstehen und gehen.
Wer kann zur Gruppe kommen?
Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit – all das spielt für uns keine Rolle. Eine Anmeldung ist nicht nötig, wenn wir uns wieder persönlich treffen können. Wo das sein wird, wissen wir noch nicht, weil wir dafür einen Raum in Landstuhl und Umgebung suchen.