Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Schichtwechsel: Menschen mit und ohne Beeinträchtigung tauschen die Arbeitsplätze

Gregor Nawrot (rechts) folgt konzentriert den Anweisungen von Marco Baumgärtner.
Gregor Nawrot (rechts) folgt konzentriert den Anweisungen von Marco Baumgärtner.

Arbeitsplatztausch ist beim Aktionstag „Schichtwechsel“ auch in Landstuhl angesagt. Menschen mit Beeinträchtigungen, die in den Werkstätten des Ökumenischen Gemeinschaftswerkes Pfalz beschäftigt sind, lernen dabei die Arbeitswelt von Menschen ohne Beeinträchtigung kennen – und umkehrt.

„Beide Seiten sollen etwas voneinander lernen und sich an einer neuen Erfahrung bereichern“, erklärt Jan Löffler, Leiter der Westpfalz-Werkstätten. Bereits zum zweiten Mal beteiligte sich die integrative Einrichtung am Donnerstag an der von der Bundesgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen ins Leben gerufenen Initiative „Schichtwechsel“. Das Gemeinschaftswerk möchte so seinen Beschäftigten eine Möglichkeit bieten, Einblicke in einen neuen Bereich zu erhalten.

Kurz vor 9 Uhr beginnt für Gregor Nawrot das Abenteuer „Schichtwechsel“ bei der Gärtnerei Hanns. Rund zwei Stunden später hat der Neupraktikant schon allerhand zu tun. Nachdem der 36-Jährige die Folien um die Töpfe der neu eingetroffenen Pflanzen entfernt hat, widmet er sich den verwelkten Blütenständen. „Die entferne ich jetzt nach und nach“, erklärt Nawrot. Er hat noch viel vor sich, denn die Töpfe stehen dicht gedrängt in der Halle. Trotz der ungewohnten Umgebung scheint Nawrot seine Sache mit Bravour zu meistern. „Bis jetzt hat sich der Chef noch nicht beschwert“, verrät er.

Ein völlig neues Pflaster

In der Nacht vorm „Schichtwechsel“ war Nawrot etwas aufgeregt. Das Wetter sorgte bei ihm für ein gewisses Unbehagen: „Ich wusste gar nicht, ob ich kommen darf, weil es so stürmisch war.“ Doch all seine Sorgen waren unbegründet. Der „Schichtwechsel“ ist für den 36-Jährigen unterdessen ein völlig neues Pflaster. In den Werkstätten ist Nawrot sonst immer in der Küche tätig. Teller wärmen, das Mittagessen vorbereiten oder Servietten auffüllen: So sieht sein Arbeitstag normalerweise aus.

Doch ganz unerfahren ist er im Bereich Pflanzen dann doch nicht. „Meine Mama hat einen riesigen Garten“, erzählt Nawrot. Rund 2000 Quadratmeter umfasse die grüne Oase. Ein von ihm angelegter Rosengarten sei dort sein Gebiet. Dementsprechend viel Freude bereite ihm der „Schichtwechsel“. „Ich kann mir durchaus vorstellen, noch öfter zu kommen“, sagt Nawrot. „Ich habe weniger Menschen, die um mich herum für Hektik sorgen“, meint der Praktikant mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.

Einen breiten Eindruck gewinnen

Für ihn ist am Donnerstag Marco Baumgärtner von der Gärtnerei Hanns zuständig. „Es ist wichtig, dass Menschen einen Blick in Unternehmen werfen können und dabei vollumfänglich betreut werden“, betont er. Für Nawrot hat der Angestellte noch so einige Aufgaben in petto. Schließlich soll sein Praktikant einen möglichst breiten Eindruck von der Gärtnerei erhalten. „Mir ist wichtig, dass unsere Praktikanten in jede Abteilung hineinschnuppern können“, sagt Baumgärtner. Das Eis zwischen ihm und Nawrot sei jedenfalls schnell gebrochen – auch wenn man sich zunächst noch etwas fremd gewesen sei. Der Aktionstag liege zeitlich passend. In der Hauptsaison, die von April bis Juni reiche, sei eine solche Betreuung nicht zu stemmen: „Man muss sich Zeit nehmen.“ Und die nimmt sich Baumgärtner für seinen Schützling gerne.

Den „Schichtwechsel“ vollzogen hat Nawrot mit Theresa von Blohn. Sie ist die Tochter des Geschäftsführers der Gärtnerei Hanns und dort für die administrativen Aufgaben zuständig. Beim Aktionstag führt sie ihr Arbeitsbeginn jedoch nicht wie sonst in die Gärtnerei, sondern in die Küche der Landstuhler Werkstätten.

160 Essen bis zum Mittag

Um 10 Uhr geht es dort für sie gleich zur Sache. „Es war für mich ein prima Start“, erzählt von Blohn. Nach einer kurzen Einführung ist sie mittendrin im hektischen Geschehen. Viel Zeit, um sich einzufinden, bleibt ihr nicht. „Ich wurde direkt ins kalte Wasser geschmissen.“ Rund 160 Essen müssen bis zum Mittag fertig sein. Dann strömen die Beschäftigten der Werkstätten mit Tablett und Hunger zur Ausgabe. Chili sin Carne und Vanillepudding stehen heute auf dem Speiseplan.

Für die gelernte Ergotherapeuten sind die neu gewonnenen Einblicke durchaus überraschend: „Ich hätte nicht gedacht, dass Leute mit Beeinträchtigung so gut strukturiert sind.“ Für sie ebenfalls unerwartet: Nur eine Angestellte ist in der Küche für die Betreuung der Menschen mit Beeinträchtigung verantwortlich. Jeder wisse, wofür er zuständig ist. Dank der offenen Art ihrer neuen Kollegen macht von Blohn die fremde Arbeit trotz des Stresses Spaß. Viele Gesichter kenne sie bereits durch den Kundenkontakt in der Gärtnerei. „Ich würde es jederzeit wieder tun“, lautet ihr „Schichtwechsel“-Fazit.

Statt vor dem Computer zu sitzen und Papierstapel abzuarbeiten, ist Theresa von Blohn zum „Schichtwechsel“ am Pürierstab zugange
Statt vor dem Computer zu sitzen und Papierstapel abzuarbeiten, ist Theresa von Blohn zum »Schichtwechsel« am Pürierstab zugange.
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