Ramstein-Miesenbach
Schüler des Reichswald-Gymnasiums zum „Corona-Abi“
„Der Lockdown war doch nur Urlaub für euch.“ Solche Sprüche müssen sich die achtzehnjährige Kim Laufer (Leistungskurse: Biologie, Erdkunde, Englisch) und ihre Mitschüler immer wieder anhören. Laufer findet das ungerechtfertigt, denn sie erlebt ihre jetzige Schulzeit als sehr anstrengend. Sie habe noch nie so viel für die Schule getan wie während des ersten Lockdowns, da sie in dieser Zeit neue Themen selbst recherchieren und sich teilweise selbst unterrichten musste.
Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern sei das schwierig gewesen, und oftmals habe auch eine Betreuung durch die Lehrkräfte gefehlt. Zwar seien auf der Lernplattform Iserv von der Schule mehr oder weniger regelmäßig Aufgaben hochgeladen worden, doch Videokonferenzen mit den Lehrern haben ihrer Erfahrung nach „gar nicht gut funktioniert“.
Insgesamt empfindet sie die Situation als sehr anstrengend, hat aber auch Verständnis für die Corona-Maßnahmen und setzt diese gerne um, um ihren Teil beizutragen. „Gerade in solchen Situationen sollte man generationenübergreifend aufeinander Rücksicht nehmen und Verständnis zeigen.“ Gerne trägt sie etwas zum Schutz anderer, gerade älterer Menschen bei. Umgekehrt sei es ihr aber auch wichtig, als junger Mensch in dieser Situation ernst genommen zu werden. Kommentare im Internet, die sie als Teil einer „faulen Generation“ darstellen, verletzen sie. Aber auch von einigen Lehrern mussten sie und andere Schüler sich derartige Kommentare gefallen lassen.
Für die Zukunft würde sie sich mehr Klarheit und langfristige Planung von Seiten der Politik und ihrer Schule wünschen. Während des ersten Lockdowns wechselten die Beschlüsse und Regelungen, auch was die Notenvergabe betraf, fast täglich. Das empfand Laufer als besonders anstrengend und teils verwirrend.
Ihre Zukunftspläne, die sie in Richtung Laborarbeit führen sollen, haben sich durch Corona nicht geändert; allerdings sei es im Moment deutlich schwieriger einen Praktikumsplatz zu bekommen. In vielen Unternehmen sei ein Praktikum zurzeit gar nicht möglich. Doch Bedenken, sich mit einem Corona-Abiturzeugnis zu bewerben, habe sie nicht.
„Es ist wichtig, ein Ziel im Auge zu behalten“
Auch der achtzehnjährige Christoph Herbst (Leistungskurse: Latein, Geschichte, Biologie) hat sein Abitur fest im Auge, weshalb es ihm auch vergleichsweise leicht falle, sich selbst Schulstoff beizubringen. „Das hängt aber natürlich auch stark vom Lerntyp ab“, räumt er ein. Generell ist er optimistisch, was seine Situation und die seiner Mitschüler betrifft. Es sei wichtig und gut, dass ihnen das Abitur überhaupt ermöglicht werde. Dann sei man schon mal eine Etappe im Leben weiter.
Erst recht betrachtet er sich und seine Generation nicht als „verloren“. Eigentlich sieht er in der derzeitigen Situation für Oberstufenschüler sogar einen Vorteil. Dadurch, dass er sich Themen selbst erarbeiten muss, fühlt er sich in dieser Hinsicht schon einmal besser auf das Studium vorbereitet als andere Jahrgänge. An seinem ursprünglichen Plan zu studieren habe sich durch Corona auch nichts geändert.
Allerdings weiß er auch, dass gerade Schüler der Unter- und Mittelstufe noch mehr Unterstützung beim Lernen brauchen. Bei jenen, so hat er es mitbekommen, sind schneller Lücken entstanden und auch der Leistungsabstand zwischen denen, die zu Hause viel oder wenig Unterstützung erfahren, ist seiner Ansicht nach größer geworden.
Auch er habe während des ersten Lockdowns deutlich mehr für die Schule machen müssen als gewöhnlich. „Schule und Lehrer haben hier aber einen guten Job gemacht“, findet Herbst. Anfangs lief es mit Iserv zwar noch etwas holprig, später dann besser. Die dort regelmäßig hochgeladenen Aufgaben und Abgabefristen haben ihm geholfen, in dieser Zeit nicht in ein Loch zu fallen.
„Ohne Präsenzunterricht ist es einfach keine Schule“
Der neunzehnjährige Robert Mudrinic (Leistungskurse: Chemie, Englisch, Sozialkunde), der immer schon gerne zur Schule gegangen ist, vermisst derzeit den Austausch und das Lernen in der Gruppe. Zwar könne er auch mit dem eigenständigen Erarbeiten von Themen umgehen, aber in der Schule ginge es doch um mehr, nämlich auch das Soziale. Besonders schade findet er es, dass die Kursfahrt in der zwölften Jahrgangsstufe coronabedingt ausfiel.
In Bezug auf seine Zukunft mache sich Mudrinic keine Sorgen. Dass sich Vorurteile gegenüber dem „Corona-Jahrgang“ bei Arbeitgebern etablieren werden glaubt er nicht. Spätestens mit dem nächsten Abschluss, ob Studium oder Ausbildung, rücke das Abiturzeugnis ja sehr in den Hintergrund. Für die Richtung, die er nach der Schule einschlagen möchte, sieht er auch noch viele Möglichkeiten. Ein duales Studium würde er gerne machen, allerdings gibt es dafür derzeit aufgrund von Corona generell wenig Plätze. Er glaubt nicht, dass er dadurch einen Nachteil habe, wenn er sich als Corona-Abiturient bewirbt. Für numerus-clausus-freie Studiengänge bestehe sowieso kein Problem.
Mudrinic lobt das Engagement der meisten Lehrer während des ersten Lockdowns. Dennoch seien auch in dieser Zeit Lücken entstanden, weil es nicht immer klappt, sich etwas selbst zu erklären. Auch er hört öfter über seine Generation „die Faulen“, aber das stimme überhaupt nicht: Alleinarbeit war gerade für ihn sehr anstrengend, viele Themen musste man sich selbst aneignen.
Während des jetzigen Präsenzunterrichts werden diese entstandenen Lücken jedoch gut gefüllt. Wenn sich die Situation nicht noch grundlegend ändert, mache er sich um sein Abitur keine Sorgen. „Ich denke, es ist wichtig, dass man gerade jetzt optimistisch bleibt.“
„Die trainierten Disziplinen fielen kurzfristig weg“
Sorgen um seine berufliche Zukunft muss sich der achtzehnjährige Luca Kallmayer (Leistungskurse Biologie, Englisch, Sport) nicht machen. Schließlich hat er bereits die feste Zusage, nach seinem Abitur als Trainer in der Kampfsportschule „Kampfkunst Herz“ in Ramstein anfangen zu können. Er trainiert dort selbst seit vielen Jahren.
Dennoch ärgert und enttäuscht ihn die aktuelle Regelung bezüglich seines Sportabiturs sehr. Schließlich hatte er sich vor über einem Jahr für vier Disziplinen entscheiden müssen, in denen er geprüft werden will: Schwimmen, Basketball, Turnen und Leichtathletik waren seine Wahl. Darauf hatte er sich dann auch intensiv vorbereitet. Nun fiel aufgrund der Corona-Maßnahmen erst das Schwimmen weg und nun auch das Turnen. Stattdessen solle er noch Volleyball dazunehmen.
Kallmayers Lehrerin hat ihm erklärt, dass er sowohl beim Schwimmen als auch beim Turnen ein „Sehr gut“ erreicht hätte, beim Volleyball, auf das er sich nicht vorbereiten konnte, könne er lediglich ein knappes „Gut“ erreichen. Das werde für seinen Abiturschnitt schon einen Unterschied machen, erklärt Kallmayer. Aber generell war das Trainieren in den sportlichen Disziplinen, in denen er geprüft wird, dieses Jahr nicht einfach, schließlich waren die Hallen und Schwimmbäder die meiste Zeit geschlossen.
Da ärgert es ihn besonders, wenn andere der Meinung sind, „er bekäme sein Abitur doch quasi geschenkt“. Vor allem von Altabiturienten aus seinem Umfeld muss er sich das anhören. „Das ist nicht so“, erklärt Kallmayer und meint auch die anderen, theoretischen Fächer: „Sich den ganzen Stoff selbst zu erarbeiten, ist sehr anstrengend und hat auch nicht in jedem Fach oder bei jedem Schüler gleich gut geklappt.“ Außerdem kämen in seinem Abitur schließlich auch nicht weniger Themen dran als in anderen Jahrgängen – ob diese nun ein Lehrer erklärt hat oder man sie sich selbst beibringen musste.