Hochspeyer RHEINPFALZ Plus Artikel Retter in der Not trainieren Handgriffe ganz hart an der Realität

Schnell raus: Die Feuerwehr hat das Dach abrasiert, der Dummy muss sofort medizinisch versorgt werden – Szenario beim Rescue Day
Schnell raus: Die Feuerwehr hat das Dach abrasiert, der Dummy muss sofort medizinisch versorgt werden – Szenario beim Rescue Day.

Wer bohrt schon gerne jemandem ein Loch ins Schienbein, zumal der so Gepeinigte schon schwerst verletzt im Graben liegt? Solche Extremsituationen kommen vor, sind aber – toi, toi, toi – längst nicht alltäglich. Was tun bei einem Unfall? Notärzte und Notfallsanitäter haben dies in Hochspeyer geübt. Nicht mehr zu retten war allerdings ein Schwein.

Ein sauberer Schnitt in die Luftröhre, ein beherzter Pikser mit der Nadel in die Lunge, Bohren ins Gebein: Allein die Vorstellung mag zartbesaitete Gemüter schaudern lassen. Bei potenziellen Lebensrettern aber muss das sitzen. Die Handgriffe zu üben, ist unter realen Bedingungen nicht möglich. Aber es lassen sich Szenarien schaffen, die dem Ernstfall nahe kommen. Und inmitten eines solchen Szenarios haben sich medizinische Fachkräfte am Samstag in und an der Feuerwache Hochspeyer den Herausforderungen gestellt, die sich tagtäglich, jederzeit, auf irgendeiner Straße in der Westpfalz vor ihnen auftürmen könnten.

Samstag auf dem Hof hinterm Gerätehaus: In einer Ecke steht eine schrottreife Karre, inzwischen ohne Dach. Das haben die Wehrleute eben mit brachialen Mitteln von der Karosserie gerissen. Im Halbrund stehend lauschen DRK-Rettungsdienstler einem Kollegen in Feuerwehr-Montur. „Wenn ihr ein Anliegen habt, sucht einen mit Weste – blau, rot ..., Einsatzleiter, Zugführer, jemanden in Leitungsfunktion“, erläutert Markus Roes.

Einige Einsatzkräfte zweigleisig unterwegs

Er selbst trägt dunkelblau. Doch im Spind hängt auch Kleidung in Weiß; Roes ist nicht „nur“ Feuerwehrmann. Im Hauptberuf arbeitet er als Notfallsanitäter bei der Rettungsdienst Westpfalz GmbH. Die leistet – wie vom Namen unschwer abzuleiten – den Rettungsdienst in der Westpfalz, deckt Donnersbergkreis und Kreis Kusel, Stadt und Landkreis Kaiserslautern ab.

Roes kennt beide Seiten – die der medizinischen Retter und die der Feuerwehr. Brandschützer und Sanitäter wie Ärzte arbeiten bei Verkehrsunfällen, aber auch bei Arbeitsunfällen, Bränden mit Personenschaden, kurz: bei allen erdenklichen Notlagen, eng zusammen. Damit kein Sand im Getriebe knirscht, gilt es auch, die Strukturen, Taktiken und Arbeitsweisen der Einsatzpartner zu kennen.

Crash-Rettung und Schongang

Angenommen, es hat gekracht. Im Auto ist jemand eingeklemmt. Während die Wehrleute alles vorbereiten, um den Patienten quasi herauszuschneiden, ist ein Arzt oder Notfallsanitäter „im Weg“, hängt womöglich halb im Fahrzeug oder kauert auf dem Beifahrersitz. Hochkonzentriert damit beschäftigt, den Zustand des Opfers zu erkunden.

Jetzt gibt’s zwei Möglichkeiten: Der Patient blutet stark, hat womöglich schon einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Jetzt kommt es auf Sekunden an. Die Wehr geht mit Brachialgewalt vor, denn eine Crash-Rettung ist angesagt. So schnell wie möglich raus, ist die Devise. Kann der oder die Verunglückte hingegen stabilisiert werden, liegt das Augenmerk auf etwas anderem: Dann gilt es, den Patienten möglichst schonend herauszuholen. Das darf dann gerne etwas länger dauern.

„Stress wie im Realfall“

So oder so – es sei eng, laut, wackelig: „Man verliert völlig das Zeitgefühl; das ist schon extrem“, schildert Monique Drumm im Kollegenkreis die Eindrücke. Die Rettungsdienst-Mitarbeiterin aus Konken war eben mittendrin im Geschehen, bemüht, die Vitalfunktionen des Dummys auf dem Fahrersitz zu überprüfen, während schon das Dach abgetrennt wird.

Monique Drumm ist eine der insgesamt 23 Rettungsdienstler, die beim Rescue Day mitgemacht haben – junge Notfallsanitäter, deren Ausbildung noch nicht lang zurückliegt beziehungsweise sogar noch läuft. An diese weniger routinierten Einsatzkräfte richtet sich das Angebot des Rettungstags, der am Samstag bereits zum vierten Mal eine Chance geboten hat: Nämlich „Handgriffe zu trainieren, die sitzen müssen. Wir simulieren ja das komplette Vorgehen bei einem Unfall – mit genau dem Material, das auch im Ernstfall zum Einsatz kommt“, beschreibt es Philipp Willié. „Das ist Stress – wie im Realfall.“

Ärztlicher Leiter lieferte einst den Anstoß

Seit der Premiere unterstützt der Hochspeyerer Wehrführer mit seiner Truppe den Rescue Day und organisiert auch mit. Übrigens ist auch Willié selbst einer, der beide Seiten kennt: Der Wehrführer ist ebenfalls Notfallsanitäter und sitzt hauptberuflich direkt neben dem Feuerwehrdomizil in der Rettungswache, ist dort Stellvertretender Wachleiter. In Hochspeyer scheint die Kombination nicht eben selten: Beruf und Freizeitleidenschaft teilt auch Christin Willié, Wehrkameradin und Ehefrau des Wehrführers.

Geht’s um Feuerwehr-Belange, vertraut auch Gruppenführer Christian Hardt blind auf Philipp Williés Kommando. Doch sind beim gemeinsamen Einsatz in puncto Notfall-Medizin die Rollen vertauscht. Dann hat Hardt das Sagen – nicht von ungefähr. Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst ist in dieser Hinsicht die Nummer eins beim Rettungsdienst der Westpfalz. Und er war es auch, der den Rettungstag initiiert hat. Vor Jahren schon, als er noch „normaler“ Notarzt war, beim Westpfalz-Klinikum beschäftigt. 2021 ist der Anästhesist zur Kreisverwaltung gewechselt, wo die Stelle des Ärztlichen Leiters angesiedelt ist.

Schwein leistet gute Dienste

Hardt hat die Szenarien konzipiert. Auf ein wenig Theorie zum Start folgte die Rettung aus dem Wrack, dann die Patientenversorgung. Dabei trainierten die Sanitäter sogenannte invasive Maßnahmen – Luftröhrenschnitt, Thorax-Drainage – ein Schlauch muss in die zusammengefallene Lunge – und die Einführung einer Nadel ins Knochenmark zur Verabreichung von Medikamenten. Deshalb das Bohren im Schienbein.

Dies zu üben, war schlecht möglich bei den Feuerwehrfrauen, die sich als Opfer zur Verfügung stellten. Gute Dienste leisteten dabei allerdings Teile eines Schweins, gestiftet von der Metzgerei Braun aus Konken. „Das ist lobenswert, das ist keinesfalls selbstverständlich“, betonte Hardt. Das Schwein war jedoch bei aller ärztlichen Kunst nicht zu retten.

Jetzt geht’s ans Eingemachte: Patientin schwebt in höchster Gefahr. Notärztin wie Notfallsanitäter greifen zu invasiven Maßnahme
Jetzt geht’s ans Eingemachte: Patientin schwebt in höchster Gefahr. Notärztin wie Notfallsanitäter greifen zu invasiven Maßnahmen.
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