Reichenbach-Steegen RHEINPFALZ Plus Artikel Reichenbach-Steegener Verein unterstützt iranischen Rhönrad-Pilger

Gerüstet für die Weiterreise: Shahin (links) freut sich über das echte Rhönrad, das Gerd Häßel (rechts) vom Verein Rhönradmuseum
Gerüstet für die Weiterreise: Shahin (links) freut sich über das echte Rhönrad, das Gerd Häßel (rechts) vom Verein Rhönradmuseum ihm überreicht und das Rhönrad in Brotform, das Paul Carra beisteuert.

Mit dem Rhönrad um die Welt – das ist die Mission, auf der sich Shahin Tivay Sadatolhosseinikam derzeit befindet. Sein Weg führte in dieser Woche auch nach Reichenbach-Steegen. Jetzt aber könnte die Reise ins Stocken geraten.

Shahin und „Rocinante“ rollen durch Europa. Der Iraner, der mit vollständigem Namen Shahin Tivay Sadatolhosseinikam heißt, startete 2015 kurz vor Weihnachten in Aachen seine beispiellose Reise mit seinem liebevoll getauften Rhönrad. Vor 30 Jahren war der ehemalige Rhönradturner aus seinem Heimatland nach Deutschland geflohen, heute arbeitet er als freischaffender Künstler und hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Sportgerät, mit dem ihn große Leidenschaft verbindet, bekannter zu machen. „Ich möchte das Rhönrad zu Fuß in den Iran bringen, um es populär zu machen“, sagt Shahin.

Hindernisse schrecken ihn nicht

Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien und die Türkei hat der Rhönrad-Pilger bereits durchquert. Von Hindernissen wie Schlammwegen und Starkregen lässt er sich dabei nicht abhalten. Immer schiebt er sein 100 Kilogramm schweres Turngerät inklusive festgezurrtes Gepäck vor sich her – durch Stadt und Land, bergauf, bergab, durch Schnee und Schlamm, bei Sonne, Regen und Sturm. Die Reise fordert ihn. In Belgrad wird er von einem betrunkenen Autofahrer angefahren. Er selbst erleidet Prellungen, das Rhönrad einen Totalschaden. Trotzdem kann er einen Monat später seinen Weg mit einem neuen Rad fortsetzen. Dank einer Spende konnte das neue Gefährt per Lastwagen nach Bukarest transportiert werden. Shahins Motivation bleibt ungebrochen, auch wenn er manchmal ans Aufgeben denkt. Dann aber treiben ihn Freunde weiter an, die ihn unterstützen.

Die Reise strengt an – körperlich und geistig

Dennoch wird er häufig gefragt: „Das ist ja verrückt, warum machst du das?“ Die Antwort ist immer die Gleiche: Er will ins Gespräch kommen und Menschen kennenlernen. Das sei ihm wichtig. Die Menschen begegnen ihm dabei überwiegend positiv. Sie laden ihn zum Kaffee ein, reden mit ihm und nicht selten wird aus dem Kaffee ein Mittagessen oder eine Einladung zum Übernachten.

Neben den körperlichen Strapazen, strengt ihn sein Vorhaben auch geistig an. Aber er sieht es so: „Das Rhönrad als Kreis symbolisiert meinen Lebenslauf, denn ich bin in Teheran geboren und möchte nun erstmals wieder meinen Ursprung besuchen.“ Dafür plant er jeden Tag aufs Neue seine Routen, sucht Übernachtungsmöglichkeiten. Da das Geld knapp ist, muss er auf so manchen Komfort verzichten. Auch im Winter übernachtet er meist draußen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Straßen“, erklärt er.

In dieser Woche macht er in Reichenbach-Steegen bei Gerd Häßel Station. Den Vorsitzenden des Vereins Rhönradmuseum kennt Shahin seit 30 Jahren. Kennengelernt haben sich beide auf einer Ausstellung in Aachen zum 100. Geburtstag von Otto Feick im Jahr 1990, dem Erfinder des Rhönrads. Jetzt nutzt der Weltreisende den Kontakt, um sich für seine nächste Etappe zu rüsten: Er will in die USA, in ein Land, das für die Diaspora seiner iranischen Familie verantwortlich ist. Ziel ist die Rhönrad-Weltmeisterschaft im Juli 2020 in New York, als deren Teilnehmer würde er wohl auch ein Visum erhalten. Gleichzeitig möchte er dort seinen engsten Jugendfreund aus Teheran wiederfinden.

Rhönradverein spendet neues Gefährt

Eine Rolle spielt dabei auch ein Vermächtnis seines Großvaters: ein von ihm erstrittenes Urteil des Internationalen Gerichtshofs, in dem es um die Geschehnisse in den 1960er Jahren geht. Die amerikanische Regierung hat es nie anerkannt. In Zeiten wachsender Spannungen zwischen Iran und USA will Shahin es dem Weißen Haus persönlich zustellen.

Für all dies brauchte er ein neues Rhönrad, der Rhönradverein in Reichenbach-Steegen spendete es ihm. Mit diesem und der Marschverpflegung in Form eines Rhönradbrotes des Backparadieses Kissel – gegenüber von Feicks Geburtshaus gelegen – sollte es eigentlich schon gestern gen Westen gehen. Die Corona-Pandemie aber hat nun alles durcheinandergewirbelt. Vorerst sitzt Shahin fest. Aber sobald es möglich ist, möchte er seine Reise fortsetzen.

x