Kreis Kaiserslautern „Plötzlich waren die Amerikaner da“

„Das Schlimmste, was Menschen Menschen antun können, ist Krieg.“ Das sagte Walter Simon gestern Vormittag vor Schülern der Westpfalzschule Weilerbach. Zum Projekttag „70 Jahre Kriegsende“ hatte die Realschule plus Zeitzeugen eingeladen, die über den Zweiten Weltkrieg und das Kriegsende in der Westpfalz aus eigener Erfahrung berichteten. Die jungen Zuhörer waren hochmotiviert bei der Sache.
„Überall hatte der Volkssturm Panzersperren errichtet, die die Amerikaner mit ihren Panzern aufhalten sollten“, erzählten Walter Simon aus Weilerbach und Alfred Heieck aus Erzenhausen. Damals waren sie knapp 13 Jahre alt. Jeder ab dem 16. Lebensjahr war gezwungen, diese Sperre zu verteidigen, sonst drohte ihm Erschießung durch die Wehrmacht. Die Amerikaner jedoch hatten keine Mühe, diese unsinnigen Sperren mit ihren Panzern zu überwinden. „Plötzlich waren die Amerikaner da, und wir mussten das ganze Haus räumen, weil sich amerikanische Soldaten bei uns einquartierten“, so Heieck, der damals in Weilerbach wohnte. Sofort hätten die „Amis“ den Nazi-Bürgermeister abgesetzt, der in einem Lager bei Bad Kreuznach interniert wurde. Erster Nachkriegs-Bürgermeister in Weilerbach wurde Professor Legrum. „Und prompt wurden wir Schüler nach evangelischer und katholischer Konfession getrennt“, ergänzte Simon. Großes Glück habe der Ort gehabt, da weder Bomben noch Panzer Zerstörungen angerichtet hätten. Nur ein Haus, durch dessen Giebel ein Panzer geschossen hatte, habe Schaden davongetragen. Ausgerechnet vor der protestantischen Kirche sprengten noch deutsche Soldaten einen Panzer, durch dessen Luftdruck das Rosettenfenster des Gotteshauses zersprang. Die Bomber hätten Weilerbach verschont, sie konzentrierten sich auf die Zerstörung von Kaiserslautern. „Es war aber nicht so, dass mit dem Kriegsende alles besser geworden wäre“, konstatierte Heieck. „Jetzt ging die Hungersnot erst richtig los. Im eiskalten Winter sind die Kartoffeln im Keller erfroren. Und als die Franzosen die Besatzung übernahmen, haben sie alles requiriert, den Leuten abgenommen, was sie brauchen konnten.“ „Vor allem die Frauen haben extrem viel geleistet“, so Simon. „Die Männer waren ja im Krieg gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Mein Vater ist 1942 in Russland gefallen, da war ich gerade zehn Jahre alt. Da stand ich als Ältester da mit meiner Mutter – einem Stall voll Kühe und einem voll Schweine.“ „Aber wir waren ja als Knaben total infiziert vom Nationalsozialismus“, gesteht Kurt Grob, ehemaliger Sparkassendirektor, vor Zehntklässlern. „Wir waren so begeistert vom Militär, dass wir sogar Autogrammkarten von führenden Nazis und Ritterkreuzträgern gesammelt haben. Das waren unsere Vorbilder damals.“ Heute könne er den Rassenwahn der Nazis nicht mehr verstehen, wo blonde, blauäugige Männer als „Musterrasse“ galten und Juden als Untermenschen angesehen wurden. Rassen im eigentlichen Sinne gebe es sowieso nicht, da seit der Römerzeit schon alle Menschen vermischt seien. Autor Gerd Forster erinnerte sich vor Schülern der neunten Klasse noch genau, wie der Schulsaal in Kerzenheim, wo sein Vater Lehrer war, als Lazarett eingerichtet wurde. „Jedes Mal, wenn es Fliegeralarm gab, flüchtete ich in den Keller, wo auch die einigermaßen Gehfähigen Unterschlupf fanden. Da sah ich, wie schlimm die Verletzungen sie zugerichtet hatten.“ Auch dass seinem Mehlbacher Onkel ein Bauernhof in Lothringen zugewiesen wurde, wusste er noch zu berichten. „Die Besitzer des Guts aus dem eroberten Frankreich haben die Deutschen in einem Lager in Südfrankreich untergebracht, wo sie bis Kriegsende mehr oder weniger dahin vegetierten.“ Von der Hitlerjugend sei er verschont geblieben. „Dieser vormilitärische Drill diente ausschließlich der Vorbereitung zum Krieg. Das war nichts für mich.“ Die meisten seien davon begeistert gewesen. Im Anschluss fand in der protestantischen Kirche eine Gedenkfeier an das Kriegsende statt, die von Pfarrer Frank Glade, Schülern und Lehrern gestaltet wurde. (fk)