Landstuhl
Pfälzer Schule verzichtet künftig auf Klassenarbeiten und Stundenpläne
Rund 800 Schüler verschiedener Nationalitäten besuchen derzeit die Integrierte Gesamtschule (IGS) „Am Nanstein“, in der alle gängigen Abschlüsse von der Berufsreife bis hin zum Abitur gemacht werden können. Soweit ganz normal an Gesamtschulen. Doch die Landstuhler IGS befindet sich im Prozess des Wandels: Bereits seit zwei Jahren darf sie sich mit dem Titel „Schule der Zukunft“ schmücken, einem Zertifikat, das das Mainzer Bildungsministerium verliehen hat. „Damit haben wir das Recht, geltende Regeln ein Stück weit zu überschreiten. Wir sind freier in der Entscheidung, was wir tun“, erläutert Schulleiterin Dagmar Frank. Im pädagogischen Entwicklungsprozess will die IGS nun einen großen Schritt vorankommen: durch Einführung des „Selbstorganisierten Lernens“. Damit übernimmt Landstuhl eine Pionierrolle unter den Gesamtschulen in der Westpfalz.
Das „Selbstorganisierte Lernen“ (SOL) krempelt den bisherigen Schulalltag völlig um. Warum will die IGS Landstuhl diesen Wandel?
„Die Schüler haben sich verändert, sie sind weniger konzentriert als früher, lassen sich leichter ablenken“, hat Dagmar Frank beobachtet. „Wenn ich früher gesagt habe, ,Das müsst Ihr lernen’ oder ,Das müsst ihr tun’, dann haben die meisten das auch gemacht. Heute ist dies nicht mehr so.“ Auch Nachfragen von Schülern während des Unterrichts hätten stark nachgelassen. „Heute lässt man sich eher berieseln.“ Es falle auch kein kritisches Wort, es gebe keine Diskussionen, wie dies früher üblich gewesen sei. Daher brauche es neue Wege des Lernens, die die Schüler „packen“, ist die Schulleiterin überzeugt: Ziel müsse es sein, die Aufmerksamkeit der Schüler zu gewinnen und sie stärker zu motivieren. Mit den Methoden von früher gelinge das nicht mehr. Frank: „Die Gesellschaft hat sich verändert. Daher müssen wir uns auch ändern.“
Wie will die IGS auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren?
„Die Wirtschaft braucht kritische, kreative Leute, keine Auswendiglerner“, ist der Didaktische Koordinator Uli Herzel überzeugt und hat sich auf die Suche nach neuen pädagogischen Konzepten gemacht. Herzel besuchte dafür die Alemannenschule im südbadischen Wutöschingen, die für ihren alternativen Ansatz des „Selbstorganisierten Lernens“ 2019 den Deutschen Schulpreis erhalten hat. „Das dortige Konzept hat uns im Kollegium überzeugt“, berichtet er. „Wir wollen dies nun auch ausprobieren.“
Was ändert sich?
Eigenverantwortung und Selbstbestimmung würden großgeschrieben, sagt Herzel. Der Schüler entscheidet selbst, wie er seinen Schultag gestaltet, was er wo zu welcher Zeit lernt. Der normale Klassensaal wird von Lernateliers, in denen alleine gelernt wird, sowie Workshop-Räumen für die Teamarbeit abgelöst. Statt eines starren Schulalltags aus 45-minütigen Unterrichtseinheiten soll es künftig in sogenannten Input-Räumen nur noch 20-minütige Input-Sequenzen geben, die der Aufmerksamkeitsspanne der Schüler entsprächen. „Danach gehen die Schüler raus und können entscheiden, wie sie mit dem Gehörten weiter umgehen, wie, wo und mit wem sie den Stoff vertiefen wollen“, sagt Herzel.
Wie sieht das konkret aus?
Möglich sei, das Thema der Input-Sequenz in der Gruppe zu diskutieren. „In so einem kleinen Team kann man sich ja gegenseitig unterstützen. Aber auch ein Lehrer, der bei Fragen als Ansprechpartner dient, ist immer greifbar.“
Wenn Schüler lieber alleine lernen möchten, sei dies ebenfalls möglich. Jedes Kind habe sein Tablet mit einer Lernplattform, auf dem sämtliche Lerninhalte hinterlegt seien. Bei Fragen könne es sich an die Lehrkraft wenden. „Auch hier kann der Lehrer gezielt auf die ganz speziellen Probleme des Schülers eingehen“, sagt Herzel. Wie Dagmar Frank sieht er in dem neuen Konzept gerade auch Vorteile für schüchterne Kinder, die bei ständiger Gruppenarbeit vielleicht Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen. Die in der Gruppe untergingen. „Die Coronazeit hat gezeigt, dass das Lernen daheim während der Pandemie vielen Kindern entgegengekommen ist“, so die Schulleiterin.
Kann diese neue Form des Wissenserwerbs Kindern auch die Angst vor der Schule nehmen?
Ja, ist Dagmar Frank überzeugt. Die Schulangst sei in den vergangenen Jahren massiv angestiegen und äußere sich in „Absentismus“, sprich Schulschwänzen. „Künftig müssen Kinder bei uns keine Angst mehr haben vor unerwarteten Tests. Auch Klassenarbeiten werden weitgehend abgeschafft“, betont sie. „Bei Leistungsnachweisen gibt es nur noch Bestehen oder Nichtbestehen. Und wenn jemand nicht bestanden hat, darf er dieselbe Arbeit nochmal wiederholen, wenn er oder sie sich dazu bereit fühlt“, berichtet Herzel. Das Kind lege den Termin für die Prüfung selbst fest, „in einem gewissen zeitlichen Rahmen“.
Die Eigenverantwortung der Schüler ist sehr groß. Gibt es da keine Bedenken, dass die Zeit in der Schule nicht mit Lernen, sondern anderen Aktivitäten verbracht wird?
„Ja, die Eigenverantwortung ist groß, aber es funktioniert“, ist Uli Herzel nach dem Besuch der südbadischen Schule überzeugt. Außerdem würden die Schüler eng begleitet, allerdings nach dem Motto „Beziehung statt Erziehung“, wie der stellvertretende Schulleiter Martin Loreth ergänzt: „Jede Klasse hat einen Tutor, der wöchentlich mit jedem einzelnen Schüler spricht und Anstöße gibt, wie dieser seinen Lernfortschritt optimieren kann.“ In diesen Feedback-Gesprächen werde geschaut, dass in einem bestimmten zeitlichen Rahmen alle Prüfungen absolviert werden. „Wenn alles abgearbeitet ist, hat der Schüler auch bestimmte Freiheiten.“ Das eigenverantwortliche Lernen werde belohnt und die Schüler könnten vieles mitbestimmen. „Sie machen die Erfahrung: Meine Stimme zählt.“
Ab wann wird das neue Konzept umgesetzt?
„In den Grundschulen ist das Lernen schon jetzt freier als in den weiterführenden Schulen. Daher beginnen wir zum Schuljahr 2025/26 mit unseren fünften Klassen“, berichtet Dagmar Frank.
Für die älteren Schüler der IGS laufe der Unterricht wie bisher weiter.
Info
Am Samstag, 30. November, von 10 bis 13 Uhr, findet an der IGS der Tag der offenen Tür statt. Dabei wird das neue Konzept für die fünften Klassen vorgestellt.