Kreis Kaiserslautern
Pfälzer Pädagogen besorgt: Kinder bekommen zu wenig Bewegung
Kinder bewegen sich zu wenig. Zu dieser Erkenntnis gelangt die Weltgesundheitsorganisation in Studien. Auch in der Region macht sich mancherorts bereits bemerkbar, dass Schüler motorische Defizite haben. Es gibt aber auch Gegenkonzepte.
Hopserlauf, Hampelmann, Seilspringen – bei diesen klassischen Bewegungsabläufen fällt Angela Jung am meisten auf, wie unkoordiniert mittlerweile viele Schüler sind. Die Hand-Auge-Koordination sei bei immer mehr Kindern mangelhaft, stellt die Sportlehrerin am Reichswald-Gymnasium (RWG) in Ramstein-Miesenbach fest, rückwärts laufen überfordere viele. Damit bestätigt sie die Ergebnisse verschiedener Studien. Demnach haben Kinder heute schlechtere motorische Fähigkeiten als Kinder vor 40 Jahren. Außerdem hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ermittelt, dass über 80 Prozent der Vier- bis 17-Jährigen sich weltweit und auch in Deutschland täglich zu wenig bewegen. 60 Minuten werden empfohlen, die meisten kommen nur auf rund 50 Minuten, in den vergangenen zwölf Jahren sank die körperliche Aktivität um eine gute halbe Stunde pro Woche. Jung unterrichtet seit 17 Jahren Sport und hat Ähnliches beobachtet. Das Bild habe sich „ins Negative verändert, bei den Fünftklässlern gibt es mehr Übergewichtige in der Klasse oder Kinder, bei denen die Anlagen dafür schon sichtbar sind“.
In der Kita ist Bewegung
Diese Entwicklung macht auch Lilli Anna Rizzi, der Leiterin der kommunalen Kindertagesstätte (Kita) in Miesau, Sorgen. Um dem entgegenzuwirken, hat sich die Einrichtung um das Zertifikat Bewegungs-Kita beworben. Seit 2007 darf sich das „Haus für Kinder“ so nennen, viele der vom Land Rheinland-Pfalz geforderten Voraussetzungen dafür habe die Kita schon davor erfüllt, berichtet Rizzi. „Wir haben bei uns keine zu dicken Kinder, auch keine, die sich nicht bewegen können“, sagt die 64-Jährige, denn die Kinder seien auf dem 4500 Quadratmeter großen Areal ständig in Bewegung. „Wenn ich irgendwo hinkommen will, muss ich laufen“, betont Rizzi. Das Konzept der offenen Arbeit, bei dem es keine festen Gruppen gibt, sondern die Kita-Besucher selbst entscheiden, was sie zu welchem Zeitpunkt und in welchem Raum machen wollen, helfe dabei. So entstehe schon alleine dadurch mehr Bewegung, dass die Kinder eben nach Lust und Laune vom Turn- in den Werkraum wechselten oder im Freien etwas auf eigene Faust erkundeten.
Einmal in der Woche schwimmen
Darüber hinaus gibt es in der Kita aber auch spezielle Bewegungsangebote, etwa den gut ausgestatteten Bewegungsraum mit Bankrutsche, Balkenschaukel, Matten, Trampolin und sogar einer Kletterwand. Im Sommer nutzen die 15 Erzieher den nahen Sportplatz, im Winter die benachbarte Sporthalle. Den größten Spielplatz aber stelle der Wald dar, in den es jede Woche an einem Tag gehe, sagt Rizzi. Noch eine weitere Besonderheit gibt es in Miesau: Die Kita-Leiterin, die eine Kinderschwimm-Lizenz bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft erworben hat, und zwei ihrer Kollegen gehen mit einigen Kindern einmal in der Woche schwimmen. Zurzeit fahren sie dafür ins Schulschwimmbad nach Waldmohr, da die Schwimmhalle der Reha in Landstuhl saniert wird. „Wir haben mit dem Schwimmkurs angefangen, weil wir festgestellt haben, dass die Hälfte der Schulkinder nicht mehr schwimmen konnte“, berichtet Rizzi, wie es zu den Kursen kam. Mittlerweile könnten 80 Prozent der Kita-Kinder aus Miesau schwimmen, wenn sie in die Grundschule wechselten.
Infrastruktur müsste sich ändern
Dieses Engagement würde Angela Jung sicherlich freuen. Denn auch ihren Kollegen und ihr fällt auf, wie unsicher sich die Kinder selbst dann noch im Wasser bewegen, wenn sie aufs Gymnasium kommen. „Mittlerweile können bei den Sechstklässlern meistens mindestens ein bis zwei Schüler nicht mal mehr eine Bahn am Stück schwimmen“, sagt Jung, viele seien unsicher und sehr langsam im Becken. Daher hat die Lehrerin in diesem Schuljahr bereits zum zweiten Mal einen Schwimmtag veranstaltet. Unterstützt von der Schwimmschule Seestern werden die Unterstufenschüler einen Vormittag lang ganz intensiv betreut und geschult. Allerdings, dessen ist sich Jung bewusst, sei das nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Die Schulen könnten nicht alles auffangen, was die Eltern versäumten. Eine bewegungsfreundliche Infrastruktur an Schulen könne jedoch helfen, die Kinder und Jugendlichen wieder mehr in Bewegung zu bringen. Die geplante Calisthenics-Anlage, die der Förderverein des RWG auf dem Schulhof installieren möchte (siehe Interview), sei eine gute Sache. Damit einhergehen müsste aber ein Handyverbot, das auch in den Pausen gelten müsste. „Das fände ich sehr sinnvoll“, sagt Jung, die selbst als Mutter von drei Kindern weiß, welche Anziehungskraft die mobilen Geräte besitzen. Sei die Beschäftigung mit dem Handy aber verboten, würden die Schüler eher die Sportgeräte nutzen, schätzt die Pädagogin. Dass die digitalen Medien eine Konkurrenz zu Bewegungsangeboten darstellen, darin sind sich die Wissenschaftler einig. Der ausschlaggebende Grund für den Mangel an Bewegung seien sie jedoch nicht. So konnte von der WHO nicht nachgewiesen werden, dass sich, wer sich viel mit dem Smartphone beschäftigt, weniger bewegt als andere.
„Sporthalle sollte Erlebnisraum sein“
Dass die Kinder lieber daddeln als rennen kann auch Peter Kassel vom Sportverein Kottweiler-Schwanden nicht feststellen. 34 Kinder bilden derzeit die Kindersportgruppe, die er betreut, und die freuten sich jede Woche auf die Stunde. Der erfahrene Trainer, der seit über 40 Jahren aktiv ist, legt Wert auf ein breitgefächertes Angebot. Er turnt, spielt, rennt, wirft und springt mit den Kindern. Eine Konzentration auf nur eine Sportart werde sowohl von Sportpädagogen als auch von Trainingswissenschaftlern erst nach dem zwölften Lebensjahr empfohlen, betont er und fügt hinzu: „Gerade für Kinder im Grundschulalter sollte die Sporthalle ein Erlebnisraum sein.“ Eine signifikante Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten seiner Athleten kann er bislang nicht feststellen. Vereinzelt komme es zwar vor, dass Kinder unkontrolliertere Bewegungen machten oder nicht mehr ihrem Alter angemessen laufen könnten, vielleicht auch etwas häufiger als früher, aber nicht übermäßig oft. Nur einen Unterschied hat er beobachtet: Kinder in der Stadt, die er auch schon trainiert habe, seien oftmals träger und lustloser.
Wenig Platz fürs Toben
Das könnte damit zusammenhängen, dass in den Städten noch mehr als auf den Dörfern der Platz für Kinder, auf dem sie toben können, immer kleiner wird. Straßen, auf denen immer mehr Autos immer schneller und damit unberechenbarer unterwegs sind, sind keine geeigneten Spielflächen mehr, und wer keinen eigenen Garten hat, hat in der Stadt noch seltener Gelegenheit zum Herumtollen als im ländlichen Gebiet. Auch die Tatsache, dass junge Menschen häufig überlastet sind, spielt sicherlich eine Rolle. „Die Lebensumstände unserer Kinder sind heute andere als vor 20 oder 30 Jahren“, sagt Lilli Anna Rizzi. Als Stichwort nennt sie das „Leben hinter Glasscheiben“: die Mattscheiben stehen für die diversen Medien wie Fernseher, Spielekonsolen und Smartphones, die Fensterscheiben symbolisieren, dass die Kinder viel Zeit in Gebäuden und wenig im Freien verbringen und die Autoscheiben versinnbildlichen, dass die meisten Wege heutzutage in Fahrzeugen und nicht mehr zu Fuß zurückgelegt werden.
Interview: Annette Tetzlaff zur geplanten Calisthenics-Anlage
Der Förderverein des Reichswald-Gymnasiums Ramstein-Miesenbach hat sich der Initiative „Mehr Bewegungsanreize und -möglichkeiten für Kinder und Jugendliche“ verschrieben und plant die Anschaffung einer Calisthenics-Anlage. Für die Finanzierung bittet der Verein um Unterstützung. Unser Mitarbeiter Walter Falk hat sich mit der Vorsitzenden des Fördervereins, Annette Tetzlaff, unterhalten.
Frau Tetzlaff, worum geht es in diesem Projekt?
Die Tendenz, Pausen und Freistunden dank der Verlockung elektronischer Medien verstärkt mit reinem „Daumensport“ zu verbringen, ist inzwischen überall zu beobachten. Unser Hauptanliegen ist, diesem Phänomen durch ein nach und nach wachsendes Angebot an hochwertigen Bewegungsgeräten entgegenzuwirken. Aus diesem Grund planen wir, eine große Calisthenics-Anlage für das Gymnasium anzuschaffen.
Was versteht man unter Calisthenics?
Calisthenics ist eine Form des körperlichen Trainings, und es ist mittlerweile zu einem Kult für junge Menschen geworden. Für das Training ist keine Ausrüstung notwendig, denn trainiert wird ausschließlich mit dem eigenen Körpergewicht. Egal, ob das Ziel Kraftaufbau, Steigerung der individuellen Fitness oder das Erlernen einer bestimmten Bewegung ist – Calisthenics bietet Beweglichkeit, Körperkontrolle und Spaß an der Bewegung. Das Workout kann auf jedem Leistungslevel ausgeübt werden.
Woraus soll die Anlage bestehen und was kostet sie?
Den Anfang macht das Herzstück des späteren Parcours, die große Calisthenics-Anlage, im Wert von 13.000 Euro. Der Parcours wird um das „Grüne Klassenzimmer“ angesiedelt sein. Ziel ist, diese sukzessive durch eine Balancierstrecke, durch Barren, Reckstangen sowie einen Armzug-Liegestütz-Trainer zu erweitern. Die Finanzierung dieser Anlage erfolgt zum Teil über ein Crowdfunding-Projekt der Volksbank Glan-Münchweiler.
Was sind die Ziele?
Unser Ziel ist, Lust auf Bewegung zu wecken und die Möglichkeit zu bieten, diese ausleben zu können. Als positiver Nebeneffekt ist ganz viel Spaß und fröhliches Miteinander zu erwarten. Darüber hinaus kann und wird die Anlage auch aktiv für den Sportunterricht genutzt werden.
Warum sollten Bürger dieses Projekt unterstützen?
Nach unserer Überzeugung ist es sehr wichtig, die Freude von Kindern und Jugendlichen an der Bewegung zu fördern, zu erhalten und auch wieder neu zu wecken. Mit Spenden zwischen 5 und 50 Euro unterstützt man das Projekt doppelt, da die Volksbank jeweils noch einmal denselben Betrag dazu gibt. Größere Spenden belohnt das Geldinstitut pauschal mit zusätzlichen 50 Euro. Die Spenden können steuerlich geltend gemacht werden. Barspenden bis 100 Euro können – auch von Nichtkunden bei Vorlage des Ausweises – in der Volksbank Glan-Münchweiler sowie in der Zweigstelle in Ramstein vorgenommen werden.
Was passiert mit dem Geld?
Nach erfolgreicher Finanzierung wird die erzielte Summe direkt in die Anlage fließen.
Wer steht hinter dem Projekt?
Hinter dem Projekt steht der Förderverein des Reichswald-Gymnasiums. Darüber hinaus ist es selbstverständlich mit der Schulleitung und dem Träger der Schule, der Kreisverwaltung Kaiserslautern, abgestimmt, die dieses beide sehr begrüßen und unterstützen.
Info
Mehr zum Crowdfunding-Projekt gibt es auf der Internetseite voba-glm.viele-schaffen-mehr.de/anschaffungcalisthenicsanlage. Es läuft noch bis 4. März.