Hochspeyer RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Hause in die Zwangspause

Aus der Großstadt zurück aufs Land: Das Schauspielerpaar Kirsten Schneider und Joseph Reichelt laviert sich durch Corona.
Aus der Großstadt zurück aufs Land: Das Schauspielerpaar Kirsten Schneider und Joseph Reichelt laviert sich durch Corona.

Konzertsäle, Opern- und Theaterhäuser − alles seit Monaten geschlossen. Für viele Künstler geht der „Lockdown“ mit Verdienstausfall und Existenzangst einher. Die Musical-Darstellerin Kirsten Schneider ist mit ihrem Partner, dem Schauspieler Joseph Reichelt, in die Hochspeyerer Ferienwohnung ihrer Eltern gezogen.

„Sich über Wasser zu halten, ist für uns Künstler eine Mischung aus raren Anstellungen, etwaigem Kurzarbeitergeld, eventuellem Arbeitslosengeld, potenziellen Unterstützungshilfen und möglichen Ersparnissen“, klagt die 28-jährige Kirsten Schneider. Doch nicht die finanzielle Not habe sie zurück in heimatliche Gefilde geführt.

„Wir unterhalten beide auch weiterhin unsere Wohnungen in Hamburg und München“, sagt sie. „Eine Großstadt hat in Zeiten des ,Lockdowns’ kaum Vorteile. Daher wollten wir die Zwangspause lieber in der Natur und auf dem Land verbringen“. Hier könnten sie die nötige Ruhe finden, um an ihren Projekten zu arbeiten: einem Spielfilm, einer Theatershow - und dem Nähen.

„Wir hatten Glück und ein Engagement“

Kirsten Schneiders sieben Jahre älterer Partner Joseph Reichelt hat in Wien am renommierten Max-Reinhardt-Seminar das Fach Schauspiel studiert. „Wir haben uns an Silvester 2019 bei der Produktion ,Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs’ am Altonaer Theater in Hamburg kennen gelernt“, berichtet die Pfälzerin an der Elbe.

Als der erste „Lockdown“ kam, war sie gerade mit „Schneewittchen – Das Musical“ auf Tour. Derweil stand Joseph Reichelt in Karlsruhe im Rockmusical „Bed of Roses“ auf der Bühne. Letzteres sollte ursprünglich im Herbst 2020 und Anfang 2021 wiederaufgenommen werden. „Leider war und ist das derzeit nicht möglich“, beklagen die beiden Künstler.

Auch das Unterrichten falle momentan komplett weg. Kirsten Schneiders Spektrum schließt die Tätigkeit als Tanzdozentin an der Münchner Filmakademie ein. Ihr Partner unterrichtet in Hamburg den Schauspiel-Nachwuchs.

Kirsten Schneider bleibt trotz allem zuversichtlich: „Wir hatten Glück und durften uns beide im Lauf des vergangenen Jahres zu den wenigen Darstellern zählen, die ein Engagement in dieser schwierigen Zeit bekamen“. Reichelt spielte im Sommer in Feuchtwangen ein Sonderprogramm mit Texten von Giovanni Boccaccio. Die Kreuzgangspiele hätten beachtliche 14 Premieren in sieben Wochen herausgebracht.

Letzter Auftritt im September

Im Herbst wurde Kirsten Schneider vom Landestheater Niederbayern für die Italopop-Revue „Azzurro due“ engagiert. Regie führt Stefan Tilch, der bereits mehrere Produktionen am Pfalztheater Kaiserslautern inszeniert hat. Am 13. November 2020 wäre Premiere gewesen - eigentlich. „Wann sie nun tatsächlich stattfinden und was aus der geplanten Tournee mit Abstechern nach Italien wird, ist momentan noch unklar“, so Schneider.

Der letzte öffentliche Auftritt des Paars war Anfang September bei einer Lesung auf dem Geyersberger Hof, die der Kulturverein Hochspeyer organisiert hatte. Kirstens Vater ist Vorsitzender des Kulturvereins.

Mit Blick auf ihre und die Situation der Kollegen malen die beiden Künstler ein düsteres Bild. „Die Luft wird für viele immer dünner und das Wasser kommt näher oder hat einige schon verschluckt“, sagt Kirsten Schneider.

Keine Antwort vom Bundesfinanzminister

Die angekündigten November- und Dezember-Hilfsgelder würden vielen Kollegen nicht helfen. Sie hätten deshalb bereits Anfang Dezember einen Brief an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) geschickt - und leider keine Antwort erhalten.

Joseph Reichelt hat inzwischen ein eigenes Künstlerkollektiv gegründet, das sich mit verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten beschäftigt. Die bühnenfreie Zeit nutzt er außerdem, um mit einem Regisseur ein Filmdrehbuch fertigzustellen. Nun sei er auf der Suche nach einem Produzenten.

Da Reichelt zudem Schlagzeuger ist, arbeitet er mit einem Kollegen an einer musikalischen Show-Idee für die Zukunft. „Das alles bringt zwar keine Brötchen, hilft allerdings durchzuhalten“, meint Kirsten Schneider. „Alternativ nähe ich viel, vorrangig Babykleidung“. Aktuell lote sie aus, ob es Sinn mache, das Hobby weiterzuentwickeln und ein Gewerbe anzumelden. Erste positive Rückmeldungen machten ihr Mut: „Vielleicht entwickelt sich daraus ein zweites Standbein“.

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