Enkenbach-Alsenborn RHEINPFALZ Plus Artikel Mutter und Sohn berichten von ihrer Flucht aus der Ukraine

 Ein Foto aus besseren Zeiten: Olena Shynderovska (vorne links) hatte in der Ukraine beruflich unter anderem mit Kiews Bürgermei
Ein Foto aus besseren Zeiten: Olena Shynderovska (vorne links) hatte in der Ukraine beruflich unter anderem mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko Kontakt.

Eigentlich ist Olena Shynderovska ziemlich gut in Enkenbach-Alsenborn integriert, wäre da nicht die deutsche Sprache. Dank Smartphone und Google-Übersetzer nimmt sie auch diese Hürde und beißt sich durch. Mit nur zwei Taschen voller Kleidung und dem Nötigsten kam sie als ukrainischer Kriegsflüchtling mit ihrem Sohn am 13. März aus Kiew nach Deutschland.

Sie hatten das Glück von einem Hilfskonvoi mitgenommen zu werden und in einem der drei Vans unterzukommen. Über Polen ging es nach Hannover. Dort fanden Mutter und Sohn Unterstützung bei Jasmin Arbabian-Vogel, der Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Wenig später saß Olena Shynderovska mit ihrem Sohn Danylo im Zug nach Enkenbach-Alsenborn. Denn wo die Reise innerhalb Deutschlands hingehen sollte, das stand bereits vorher fest. Über Facebook hatte Shynderovska Kontakt zu Katja Jordan-Nehl aufgenommen, einer im Landkreis beim Militär stationierten Amerikanerin, die für die beiden Flüchtlinge alles organisiert hatte. So konnten sie direkt eine kleine Wohnung in der Ortsgemeinde beziehen.

Zurückgelassen hatten sie in Kiew nebst ihren Freunden und Verwandten auch Shynderovskas 75-jährige Mutter. Zu dritt lebten sie in einer Wohnung. „Meine Großmutter Tamara wollte ihr Zuhause auf keinen Fall verlassen. Das sei ihre Heimat, sie wolle hier nicht fort“, bedauert Danylo. Beruhigend ist für die beiden Geflüchteten, dass die Wohnung noch keinem militärischen Anschlag zum Opfer gefallen sei und sich Shynderovskas Schwester um die Mutter kümmert. Per Handy habe man jeden Tag zu allen Tages- und Nachtzeiten Kontakt zu den Verwandten und Freunden. Man tausche sich über die üblichen Alltäglichkeiten, den Gesundheitszustand und natürlich über den Krieg aus, aber auch über die Ängste, Gefühle und Hoffnungen.

Angriff kam völlig überraschend

Danylo berichtet, dass der Angriff für sie völlig überraschend gekommen sei, auch wenn es schon jahrelang Konflikte zwischen der Ukraine und Russland gibt. Dass tatsächlich dieser Krieg ausgebrochen ist, mache sprachlos. Schließlich schreibe man doch das 21. Jahrhundert. Morgens um fünf Uhr seien Mutter und Sohn durch in der Umgebung einschlagende Bomben aus den Betten gerissen worden und hätten die Welt nicht mehr verstanden. Auf einmal war ihr gutes und geregeltes Leben vorüber. Einen ganzen Monat lang harrte die Familie voller Ängste im Keller des Hauses aus, von Freunden und der Regierung mit Essen und Trinken versorgt.

Für Olena Shynderovska war Bleiben keine Option. Die 49-Jährige, die Public Management und Administration studiert hat und auch einen Abschluss in Rechtswissenschaften vorweisen kann, ist und war schon immer politisch engagiert. Zwölf Jahre lang war sie Assistentin des Volksabgeordneten in der Ukraine. Sie selbst habe an zahlreichen Aktionen teilgenommen, um die europäische Ausrichtung ihres Landes zu unterstützen. „Wir sind ein ganz normales Entwicklungsland, sind keine Nationalisten. Wir wollen in die EU und die NATO“, erzählt die Ukrainerin leidenschaftlich und bedauert, dass bereits Freunde der Familie bei der Verteidigung ihres Landes ihr Leben verloren haben. Wie der ukrainische Präsident Selenskyj nun gegenüber anderen Staatsoberhäuptern auftrete und die Verhandlungen führe, sei beachtenswert. Auch wenn sie zugegebenermaßen mit der damaligen Präsidentenwahl nicht glücklich gewesen sei.

Berührungspunkte mit Vitali Klitschko

In ihrem aktuellen Job als Leiterin einer Unternehmensabteilung für öffentliche Kommunikation habe sie auch mal Berührungspunkte mit Vitali Klitschko, Kiews Bürgermeister, gehabt. Im Moment tausche sie sich regelmäßig mit dessen „rechter Hand“ aus, einem Freund von Olena Shynderovska. Auch in Enkenbach-Alsenborn engagiert sie sich schon. Über den Messenger-Dienst Telegram hat sie die Gruppe Enkenbach-Ukraine gegründet, in der sich 33 Flüchtlinge begegnen. Die meisten Frauen hätten einen Hochschulabschluss und in der Heimat einen Beruf ausgeübt. Sie selbst würde schon längst in Deutschland arbeiten, wenn die Sprachbarriere nicht wäre. Deshalb lerne sie nun die deutsche Sprache. Die Tafel in Enkenbach unterstütze sie dabei.

Überhaupt erhalte sie viel Zuspruch: „Ich bin den Menschen in Deutschland sehr dankbar. Es gibt Unterstützung von allen Seiten und alle haben viel Verständnis.“ Bei den Behördengängen und Formalitäten sei ihr die sozial engagierte Ingrid Hauff aus Mehlingen eine große Hilfe gewesen, betont sie. Der 18-jährige Sohn Danylo hat sich ebenfalls gut eingelebt. Seine Heimat verlassen durfte er nur, weil er gesundheitliche Probleme hat und diese vom Militär bestätigt wurden. Er fühlt sich hier so gut aufgehoben, dass er wahrscheinlich hier bleiben werde. In Kiew hat er vor zwei Jahren die elfte Klasse abgeschlossen und bildet sich seitdem zum Thema Internet und Website weiter. Gerne würde er in Deutschland Mediendesign studieren. Diesen Weg würde er hier auch alleine gehen, denn zu seinem Vater habe er kaum Kontakt und seine Mutter werde wohl nach Beendigung des Krieges nach Kiew zurückkehren. Keiner kann im Moment sagen, wann das sein wird – solange will sich die aufgeschlossene Olena Shynderovska weiter integrieren und ihren Hobbys nachgehen. Sie schwimmt und joggt gerne und besucht zweimal wöchentlich die Turnstunde in Alsenborn.

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