Kreis Kaiserslautern
Mehr Landärzte durch Studium in Ungarn
Die Altersstruktur der Ärzte, die derzeit in der Westpfalz (noch) praktizieren, ist für viele Menschen ein Grund zur Sorge: Mehr als die Hälfte der Hausärzte in der Region sind bereits jetzt über 60 Jahre alt, stehen mithin vor der Rente.
In Stadt und Landkreis Kaiserslautern haben 19 Prozent der Mediziner ein Alter zwischen 60 und 64 Jahren, 13 Prozent zwischen 65 und 69 Jahren und zehn Prozent sind gar schon über 70 Jahre alt, so das Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (Stichtag: Juni 2022), das am Montagnachmittag in der Kreistagssitzung zitiert wurde. Was die Lage verschärft, ist die Tatsache, dass junge Mediziner in Stadt und Landkreis zugleich dünn gesät sind: Nur fünf Prozent der Hausärzte sind zwischen 30 und 39, weitere 17 Prozent zwischen 40 und 49 Jahre alt. Bei den Fachärzten zeige sich ein ähnliches Bild: 34 Prozent dieser spezialisierten Mediziner haben den 60. Geburtstag bereits hinter sich, weitere 26 Prozent steuern mit einem Alter von 55 bis 59 Jahren darauf zu.
„Das sind alarmierende Zahlen“, befand Landrat Ralf Leßmeister (CDU) und sieht daher „dringenden Handlungsbedarf“, zumal das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium den Nachholbedarf mit einer Erhöhung der Anzahl der Medizin-Studienplätze um 15 Prozent auf 450 pro Jahr im Land als erfüllt ansehe.
Ohne Numerus clausus zur Promotion
Mit einer gemeinsamen Initiative wollen die Landräte der Kreise Kaiserslautern, Kusel, Südwestpfalz, Bad Kreuznach und des Donnersbergkreises sowie die Oberbürgermeister von Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken dem Ärztemangel in der Region entgegenwirken und haben sich dafür in Europa umgeschaut. Fündig wurden sie in Ungarn: Gemeinsam mit dem Verein Zukunftsregion Westpfalz und dem Westpfalz-Klinikum als Partner soll jährlich 16 jungen Menschen das Medizinstudium an der dortigen Universität Pécs finanziert werden, mit der das Westpfalz-Klinikum bereits seit 2014 kooperiert. Laut Kreisverwaltung ist die Universität Pécs eine der fünf Spitzenuniversitäten Ungarns mit zehn Fakultäten und etwa 20.000 Studierenden. An der Medizinischen Fakultät gebe es insgesamt 3000 Studenten, davon 700 deutschsprachige. Das dortige Studium dauert in der Regel zwölf Semester, schließt mit dem „Kleinen Doktor“ (Medical Doctor M.D.) ab und wird in deutscher Sprache angeboten, berichtete der Landrat. Der Knackpunkt sei aber, dass es im Gegensatz zu Deutschland keinen Numerus clausus gibt. Die Allgemeine Hochschulreife, also das Abiturzeugnis, genüge als Zulassungsvoraussetzung, der Notendurchschnitt sei nicht ausschlaggebend.
Förderverein für Medizinstudium gegründet
Die interkommunale Initiative, die am Dienstag den Förderverein „Ärzte für die Westpfalz“ gegründet hat, möchte ab dem Wintersemester 2023/24 jungen Menschen, bevorzugt aus der Westpfalz, in Pécs ein deutschsprachiges Medizinstudium ermöglichen. Das Zahlen der Studiengebühren in Höhe von 7500 Euro je Semester soll durch Stipendien des gemeinnützigen Vereins, der auch von zahlreichen Unternehmen unterstützt werde, erleichtert werden. „Im Gegenzug verpflichten sich die jungen Mediziner, anschließend mindestens drei Jahre in der Westpfalz zu praktizieren – entweder als niedergelassener Arzt oder in einem Krankenhaus“, erläutert der Landrat das Konzept. Die acht beteiligten Gebietskörperschaften wollen laut Leßmeister jeweils maximal zwei Studienplätze anbieten, also bis zu 16 jungen Menschen auf den Weg zur Promotion bringen.
Die Gründung des Trägervereins stieß im Kreistag am Montag auf einhellige Zustimmung: „Das ist ein richtiger und wichtiger Schritt der Städte und Kreise der Region, um dem Ärztemangel, der schon als dramatisch bezeichnet werden muss, entgegenzuwirken“, sagte CDU-Fraktionschef Marcus Klein. Bedauerlich sei nur, dass auf Landesseite nicht mehr unternommen werde, um hierzulande ausreichend Studienplätze für Mediziner zu schaffen, und nun die Kommunen in die Bresche springen müssten. „Aber es ist besser, als nichts zu tun“, so Klein: „Wie schon beim Rettungshubschrauber für die Westpfalz ist auch diese Initiative der Landräte ein Notwehrakt.“
„Der Numerus clausus muss weg“
Deutliche Worte fand auch Alexander Ulrich, Fraktionschef der Linkspartei: „Die Initiative ist begrüßenswert, zugleich aber ein Offenbarungseid.“ Mehr Studienplätze in Rheinland-Pfalz müssten her. „Und der Numerus clausus muss weg“, forderte Ulrich, der es „grotesk“ findet, dass Mediziner für Deutschland im Ausland ausgebildet werden müssten. Die Initiative sei „ein Notfallinstrument“, das ergänzt werden sollte: Zusätzlich sollten in der Region durch attraktive Angebote weitere Offerten an interessierte Mediziner gemacht werden, fand der Reichenbach-Steegener.
Von „einem riesigen Gewinn für die Region“ sprach SPD-Fraktionschef Harald Westrich und war der Auffassung, dass der Vorstoß mehr bringe als 100 zusätzliche Studienplätze in Mainz. „Denn die vertragliche Bindung der Studierenden an die Region ist ein großer Vorteil.“
Die Hoffnung, dass sich „immer auch genügend Personen finden, die dieses Studium in Ungarn aufnehmen und auch abschließen“, äußerte Goswin Förster von der FDP.
„Ich bin selbst einer dieser Mediziner, der mit über 70 Jahren noch praktiziert“, merkte Eike Heinicke von Bündnis 90/Die Grünen an. Er zeigte sich überzeugt, dass die Initiative zu Nachhaltigkeit führe im Bemühen, den Ärztemangel abzuwenden. In den deutlich weniger restriktiven Zugangsbeschränkungen der Universität Pécs sah der Mediziner aus Reichenbach-Steegen noch einen weiteren Vorteil: „Dort können nicht nur Einserkandidaten Medizin studieren, sondern auch Menschen, die Empathie und ein anderes Selbstverständnis haben.“