Sembach
Köpfe der Region: Richard Müller-Mattil aus Sembach
Müller-Mattil kam am 22. Mai 1873 als ältestes von drei Kindern in Sembach auf die Welt. Sein Vater war Dekan in Kaiserslautern, seine Mutter eine geborene Mattil. Richard besuchte das Humanistische Gymnasium und studierte danach Jura in Straßburg, Berlin und Würzburg. Er promovierte bereits im Alter von 22 Jahren und war anschließend im Verwaltungsdienst in Kaiserslautern und bei einer Bank in Ludwigshafen tätig. 1900 trat er in den bayerischen Staatsdienst ein und wirkte als Amtsanwalt und Amtsrichter in verschiedenen pfälzischen Städten.
Von 1906 an arbeitete Müller-Mattil als Rechtsrat bei der Stadtverwaltung in Ludwigshafen. Da es bei der stürmischen Entwicklung dieses Gemeinwesens schnell zu Konflikten kam, konnte er als Liberaler oft zwischen den Sozialdemokraten und den Konservativen vermitteln. Er nahm als Leutnant am Ersten Weltkrieg teil und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet.
Entschieden gegen den Nationalsozialismus
1920 schied der Jurist aus dem Dienst der Stadtverwaltung aus und kandidierte als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei für das Amt des Oberbürgermeisters – erfolglos. Dafür gehörte er von 1924 bis 1928 als Abgeordneter dem bayerischen Landtag an, wo er sich im Ausschuss für Verfassungsfragen betätigte. Als Politiker wandte er sich in Reden und Artikeln entschieden gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Nach seiner Pensionierung unterhielt er in Ludwigshafen eine Rechtsanwaltspraxis und widmete sich vor allem zivilrechtlichen Fragen.
Mit Religion gegen Materialismus und Selbstsucht
Bemerkenswert sind auch die kirchlichen Aktivitäten des Pfarrerssohnes. Er ließ sich bereits 1912 zum Presbyter wählen und wurde im Jahr darauf Mitglied der Ludwigshafener Bezirkssynode und der Pfälzischen Generalsynode. Müller-Mattil trat bei den Beratungen leidenschaftlich für die Volkskirche ein und stellte dazu fest: „In einer Zeit, in der die Wirtschaftsmaschine durch die Welt rast und die Kräfte des Materialismus und der Selbstsucht gezüchtet werden, gilt es, die religiösen Kräfte in den Daseinskampf einzuschalten.“
Schließlich wurde der streitbare Protestant zum Präsidenten der Landessynode gewählt und leitete von 1920 bis 1932 sieben Tagungen dieses Gremiums. Er gilt als Mitautor der damaligen Kirchenverfassung sowie der Wahlordnung für Presbyter und Synodale. Lange Zeit gehörte er auch als Mitglied der Kirchenregierung an, dem obersten Leitungsorgan der Pfälzischen Landeskirche. Zwölf Jahre war er zudem Vorsitzender des Protestantenvereins, bis dieser durch das Dritte Reich aufgelöst wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde sein Wohnhaus in Ludwigshafen durch einen Fliegerangriff völlig zerstört. Nach dem Tod seiner Ehefrau und seiner beiden Kinder lebte der ältere Herr in Heidelberg. Dort starb er am 23. Dezember 1961 im Alter von 88 Jahren und wurde in Speyer beigesetzt.