Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Impfen stellt Ärzte vor große Herausforderungen

Vor allem die Organisation bereitet den Hausärzten bei den Corona-Impfungen viel Arbeit. So mancher Patient wird zudem offenbar
Vor allem die Organisation bereitet den Hausärzten bei den Corona-Impfungen viel Arbeit. So mancher Patient wird zudem offenbar sogar unverschämt, wenn es nicht gleich so läuft, wie er es gerne hätte.

Seit Anfang April können sich Hausärzte in Rheinland-Pfalz flächendeckend für eine Mitwirkung bei den Corona-Impfungen registrieren lassen. Kommt es in den Praxen zum Impfstau? Sind die Ärzte überlastet oder können sie sich noch ausreichend um die anderen Erkrankungen ihrer Patienten kümmern? Die RHEINPFALZ hat nachgefragt.

„Wir wollen gerne impfen und damit unseren Beitrag zur Bekämpfung leisten“, sagt Felix Brokamp von der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Otterberg. „Wir sind mit unserem alltäglichen Geschäft als Hausärzte gerade sehr gut ausgelastet. Unsere Arbeit als Hausärzte ist uns total wichtig, und die Arbeit soll nicht unter dem Impfen zeitlich leiden!“ Der bürokratische Aufwand sei groß. Neben Aufklärung und Einwilligung müsse natürlich der Impfpass ausgefüllt werden, und die Kassenärztliche Vereinigung möchte eine tägliche, digitale Rückmeldung über die durchgeführten Impfungen. Deshalb bestelle man eher kleinere Mengen Impfstoff. Jedoch seien selbst diese Bestellungen teilweise gekürzt worden.

Schnell planen und Patienten einladen

Organisatorisch sei es ebenfalls „relativ viel Aufwand“:

Bestellung bis Dienstag 12 Uhr. Die Rückmeldung ob und wie viel geliefert werde, käme dann am Donnerstag. Dann heißt es: schnell planen und Patienten einladen. Denn die Lieferung kommt am Montagnachmittag. Auch änderten sich die Modalitäten wie viel und in welchen Konstellationen Impfstoff bestellt werden könne mindestens wöchentlich. Als Beispiel nennt Brokamp eine Woche, in der die Praxis zu sechs Biontech auch zehn Astrazeneca Impfdosen nehmen musste.

Vor kurzem kam die Nachricht, dass Biontech Impfstoffe 31 Tage im Kühlschrank haltbar seien. Zuvor war die Rede von nur 120 Stunden, also von fünf Tagen. Für die angebrochenen 6er-Fläschchen sogar nur sechs Stunden. Demnach waren die Zeitfenster für Impfungen knapp. Man musste immer sechs Impfungen in sechs Stunden machen. Dies sei gerade bei Hausbesuchen teilweise ein Problem gewesen. Die Handhabung von Astrazeneca sei deutlich einfacher. Die Lagerung im Kühlschrank sei über sechs Monate und nach Anbruch der Flasche auch noch nach 48 Stunden möglich. „Biontech können wir nicht genug bekommen und nicht genug impfen. Da ist die Nachfrage riesig“, so Brokamp.

Bedrängt, wenn es um die Impfstoffauswahl geht

„Bedrängt werden wir, wenn es um die Impfstoffauswahl geht.“ Von Astrazeneca habe die Praxis eine größere Menge erhalten. Diese Dosen würden nun den Patienten der Warteliste angeboten. Geimpft werde außerhalb der regulären Öffnungszeiten – an einem Samstag. Beim Einladen zum Impfsamstag höre man oft: „Aber nicht mit Astrazeneca!“ Es sei viel Zeit für Aufklärung und Beratung nötig, wenn es um diesen Impfstoff gehe.

Mehr zum Thema

Corona-Impfungen und normale Sprechzeiten? Für Arztpraxen in der Pfalz oft schwierig, beides miteinander zu vereinbaren.
Ludwigshafen

RHEINPFALZ Plus Artikel
Arztpraxen nach Ende der Impf-Priorisierung: „Es ist der Wahnsinn“

Um die Organisation zu stemmen, wurde teilweise eigens eine Studentin als Aushilfe eingestellt. Was den Zeitpunkt der Impfung und das Warten betreffe, seien die Patienten meistens sehr geduldig. „Wir versuchen, freundlich und bestimmt auf die aktuellen Regeln der Corona-Impfverordnung hinzuweisen und versuchen gerne bei Sorgen um den Impfstoff, sachlich und freundlich alle Fragen zu klären“, sagt der Allgemeinmediziner. Aktualisierte Informationen könnten immer auf der Praxis-Homepage nachgelesen werden. „Das ist alles nicht ganz einfach im Moment. Ganz ehrlich freue ich mich, dass die Impfzentren gerade so viele Patienten schaffen. Ich glaube, je mehr helfen, umso besser.“

„Wir wollen ja auch unsere kranken Patienten versorgen. Das ist glaube ich der Hauptspagat“, sagt Ulrike Zocher, Allgemeinärztin in Landstuhl. „Ja, das Impfen verlangt uns viel ab.“ Als Beispiele nennt sie die bis vergangenen Montag noch geltende Priorisierung, passgenaue Organisation der Termine, das Verimpfen innerhalb weniger Stunden, wenn die Dosen aus den Fläschchen aufgezogen wurden. Absagen von Impfterminen machten dann entsprechende Probleme.

Wegen vieler Telefonate schlecht erreichbar

Wegen vieler Telefonate und Nachfragen sei die Erreichbarkeit der Praxis eingeschränkt, worüber sich die Patienten ärgerten. „Aber wir sind weiter motiviert, machen in unserem Urlaub einen ganzen Impftag“, sagt Zocher. Sie bestelle nur Biontech. Auch Johnson & Johnson Impfstoff käme zum Einsatz. Zwischen sechs und 40 Dosen pro Woche könnten verimpft werden.

Die Facharztpraxis für Allgemeinmedizin von Rolf Dietzel, in Enkenbach-Alsenborn, habe bereits mehrere tausend Impfungen an Bewohner vieler Altenheime im Umkreis verabreicht, schildert der Mediziner. Auch in seiner Praxis seien die Priorisierungen der Altersgruppen bis hin zu den 60-Jährigen abgearbeitet. Wöchentlich seien rund 140 Impfungen vorgesehen. Es gebe genügend Räumlichkeiten, um problemlos zu impfen und die Patienten im Nachhinein noch 15 Minuten zu beobachten. „Wir könnten noch mehr impfen. Das muss durchorganisiert werden.“

Ständige Nachfragen sind nervig

Genügend Impfstoff zu bestellen, sei kein Problem, da er über mehrere Praxen und weitere Kollegen verfüge. Allerdings verimpft Dietzel nur den Impfstoff von Biontech. Nervig sei es, wenn ständig angerufen und nachgefragt werde, wann man an der Reihe sei. Eine Mitarbeiterin sei eigens dafür abgestellt, das Impfen über die Wartelisten zu organisieren.

Dietzel kritisiert die eklatanten Unterschiede beim Honorarsatz. Pro Patient erhalte ein niedergelassener Arzt 20 Euro. In den Impfzentren lägen die Kosten pro Impfung bei 150 bis 300 Euro. „Weil der Aufwand in den Impfzentren so teuer ist. Sicherheitsleute, Ärzte, MFAs (Medizinische Fachangestellte, Anm. d. Red.), Pflegepersonal, Parkplatz. Es kommt immer darauf an, wie groß die Zentren sind.“ Dietzel kann nicht verstehen, dass die Regierung weiterhin an diesen teuren Impfzentren festhält. Die Verträge dafür seien verlängert worden. „Das ist ein Prestigeobjekt der kleinen Landpolitik.“ Den Großteil der täglichen Impfungen erledigten bereits jetzt die niedergelassenen Ärzte.

„Ja, das Impfen ist eine extreme Herausforderung, insbesondere auch für die MFAs, die permanent an der Strippe hängen“, sagt Sebastian Henn, Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere und Kardiologie aus Bruchmühlbach-Miesau. „Damit wir unser Routineprogramm nicht herunterfahren müssen haben wir den Seniorchef mit KV (Krankenversicherung, Anm. d. Red.) Genehmigung wieder ins Boot geholt, der uns als Impfarzt unter die Arme greift, den wenigen Impfstoff zu verteilen.“ Da zwei Ärzte in der Praxis arbeiteten, bekämen sie auch die doppelte Menge an Impfstoffrationen. Doch der sei immer noch Mangelware.

„Patienten manchmal fordernd bis unverschämt“

Verimpft werde nur Johnson und Pfizer, da der Redebedarf für Astra-Impfungen nicht mehr zu leisten sei. „Die Patienten sind manchmal schon extrem fordernd bis unverschämt – zum Teil Leute, die man lange kennt“, beschreibt Henn den Umgang miteinander. „Es zerbrechen zum Teil private Freundschaften daran, dass man Freunde nicht bevorzugt impft. WhatsApp-Nachrichten bis in die Nacht, MFA s die im Ort nicht mehr gegrüßt werden, weil man den einen oder anderen noch nicht terminiert hat – stellenweise wirklich traurig und beschämend.“ Konsequent verweisen Henns auf ihre Homepage. Umso mehr, seit vergangenen Montag die Impfpriorisierung aufgehoben wurde. Ein Aufklärungsbogen steht dort zum Herunterladen bereit. Die Terminvergabe erfolgt, wenn dieser unterschrieben vorliegt. „Wir sind mehr als ausgelastet. Telefonisch die Praxis zu erreichen, gleicht einem Glücksspiel.“ Sebastian Henn bedauert, dass die Routineprogramme für alle anderen Patienten „größtenteils hinten runter fallen“.

x