Hütschenhausen Hütschenhausen 1954: „Kein Platz für Atomkanonen!“

Ein einziges Mal wurde tatsächlich eine Atomgranate bei einer Übung in Nevada (USA) abgeschossen.
Ein einziges Mal wurde tatsächlich eine Atomgranate bei einer Übung in Nevada (USA) abgeschossen.

Wir schreiben das Jahr 1954, der verheerende Zweite Weltkrieg ist vor neun Jahren erst zu Ende gegangen, und schon gibt es neue Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und dem kommunistischen Ostblock. Ein erneutes Wettrüsten hat begonnen. Und mitten drin auch die Westpfalz und die kleine Gemeinde Hütschenhausen.

Julius Rüb, Hütschenhausens damaliger Bürgermeister, erhält im Mai ein Schreiben des Landratsamts Kaiserslautern, in welchem mitgeteilt wird, dass die Amerikaner auf der Gemarkung Hütschenhausen rund 70 Hektar Land beschlagnahmen wollen. Dort sollen Artilleriegeschütze aufgestellt werden, mit denen man Granaten auf den rund 20 Kilometer entfernten Truppenübungsplatz Baumholder schießen möchte.

Riesige Kanone, die auch atomar bestückt werden kann

Dabei handelt es sich aber nicht um irgendwelche Geschütze, vielmehr geht es um eine in den USA ganz neu entwickelte Waffe, die M65, Spitzname „Atomic Annie“, eine riesige Kanone, welche im Ernstfall auch atomar bestückt werden kann. Und es geht nicht um irgendwelches Land, das requiriert werden soll, sondern um das beste Ackerland des damals weit über die Grenzen des Landes hinaus als „landwirtschaftliche Mustergemeinde“ bekannten Dorfes Hütschenhausen.

Die US-Army beginnt unmittelbar nach Kriegsende mit der Entwicklung eines „schweren, beweglichen Artilleriegeschützes mit hoher Reichweite“. Im Oktober 1952 wird die M65 vorgestellt, ein Geschütz, welches von einem Zug- und einem Schubfahrzeug bewegt wird, im Verbund 26 Meter lang ist, 85 Tonnen wiegt und innerhalb von 15 Minuten gefechtsbereit sein soll. Ausgestattet mit einer 280-Millimeter-Kanone, kann es auch mit atomaren Sprengköpfen bestückte Granaten verschießen – maximale Reichweite 30 Kilometer, Sprengkraft 15.000 Tonnen TNT, also etwa die Stärke der Hiroshima-Bombe. Ein einziges Mal wird auch tatsächlich im Rahmen einer Übung in den USA (Nevada, Mai 1953) eine Atomgranate auf eine Distanz von elf Kilometer verschossen. 2600 Soldaten, die sich teilweise bis auf 700 Meter dem Zentrum der Explosion nähern, nehmen an der Übung teil. Aus heutiger Sicht ein Wahnsinn und ein Widersinn zugleich, wäre doch ein Beschuss auf Ziele in maximal 30 Kilometer Entfernung geradezu Selbstmord der Truppe gewesen. Von allen anderen heute bekannten Folgen atomarer Verseuchung ganz abgesehen.

USA will Abschussbereich bei Hütschenhausen

Insgesamt baut das US-Militär nur 20 M65-Geschütze, davon werden ab Oktober 1953 alleine 16 in Westdeutschland stationiert – entlang der Grenze zur DDR. Aber der Umgang mit der neuen Waffe muss auch geübt werden. Der Truppenübungsplatz Baumholder wird als Zielort bestimmt, mehrere Abschussbereiche in unterschiedlichen Entfernungen werden nun gesucht. Und dabei fällt die Wahl auch auf Hütschenhausen.

Ausgerechnet Hütschenhausen. Ein Dorf, das schon seit Jahren überregional Schlagzeilen macht wegen seiner innovativen landwirtschaftlichen und genossenschaftlichen Einrichtungen. Ein Dorf, welches zeitweise von 10.000 Besuchern aus dem ganzen Bundesgebiet innerhalb eines Jahres besucht wird, wie Bürgermeister Rüb in der „Deutschen Bauernzeitung“ stolz erzählt. Schon 1947/48 wird die Flurbereinigung durchgeführt, Feldwege werden gepflastert, ab 1948 beginnt der Tabakanbau, Errichtung eines modernen großen Tabakschuppens inklusive. Es folgen der Bau einer genossenschaftlichen Wäscherei mit Gemeinschaftsraum (1950) und eine Raiffeisenkasse mit Tiefkühl-Gefrieranlage zur Nutzung durch die Einwohner im Jahr 1954 (Schlagzeile in der RHEINPFALZ: “Frische Erdbeeren mit Schlagsahne mitten im Winter“).

Ausgerechnet dieses landwirtschaftliche Musterdorf soll sein bestes Ackerland abgeben und zusehen, wie seine Feldwege immer wieder durch die mit 85 Tonnen Gewicht und 26 Metern Länge alle Dimensionen sprengenden Militärfahrzeuge zerstört werden. Ein Unding!

Mit allen Mitteln gewehrt

Bürgermeister Julius Rüb – er war schon vor dem Krieg Bürgermeister, 1920 erstmals gewählt, 1933 durch die Nationalsozialisten abgesetzt – ist selbst Landwirt und zudem einflussreicher Abgeordneter des rheinland-pfälzischen Landtages in Mainz, schafft es, im ganzen Land eine große Welle der Solidarität gegen dieses Vorhaben in Gang zu setzen. „Keinen Quadratmeter Boden für die US-Atomkanonen“ („Unser Tag“), „Platz für Atomkanonen!“ („Die Freiheit“) oder „Pfälzische Landwirtschaft hat genug geopfert“, titeln die Zeitungen und kommentieren: „Hütschenhausen geht alle an“.

Rüb wehrt sich zusammen mit seinem Gemeinderat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Bodenbeschlagnahme. Das Ergebnis ist bekannt: Die Amerikaner führen ihr Vorhaben nicht durch, sie suchen und finden andere Plätze in anderen Gemeinden, von denen aus sie ihre Granaten auf den Truppenübungsplatz schießen.

Zwischenfall über Bledesbach

Und wer weiß, vielleicht hat der Erfolg der Hütschenhausener Kommunalpolitiker auch die eine oder andere Nachbargemeinde vor größerem Schaden bewahrt. Denn ganz ohne Risiko war dieses Überschießen nicht, wie ein Bericht der „RHEINPFALZ“ vom 28. August 1954 zeigt: „Beim planmäßigen Abschießen der Atomgeschütze von der Abschussbasis Konken nach dem Truppenübungsplatz Baumholder krepierte am Donnerstagabend eine Übungsgranate, Kaliber 28 cm, über der Ortschaft Bledesbach bei Kusel. Nach Augenzeugenberichten folgte auf den Abschuss gegen 19 Uhr mit gelbroter Stichflamme in der Luft eine gewaltige Detonation, die einen großen Rauchpilz zurückließ. Sekunden später prasselten auf die Dächer, auf die Gassen und Ortsstraßen Granatsplitter im Gewicht von 300 bis 800 Gramm…“

Übrigens wurden bereits 1963, zehn Jahre nach ihrer Stationierung, alle M65 Atomkanonen aus Deutschland abgezogen und durch weitreichende Raketensysteme ersetzt.

Quellen

Michael Franz und Jochen Felbert: M65 Atomic Annie, Erlangen 2021

David Doyle: M65 Atomic Cannon, Yorkshire, England 2019

YouTube: M65 Atomic Cannon „Atomic Annie“

“Die Rheinpfalz“, 1954, verschiedene Ausgaben

“Unser Tag“, 14.5.1954

“Die Freiheit“, 14.5.1954

Der Autor

Paul Junker, Jahrgang 1952, lebt in Hütschenhausen. Er war von 2009 bis 2017 Landrat des Landkreises Kaiserslautern.

Mit der M65 – „Atomic Annie“ genannt – sollten von Hütschenhausen aus Granaten auf den Truppenübungsplatz Baumholder abgeschosse
Mit der M65 – »Atomic Annie« genannt – sollten von Hütschenhausen aus Granaten auf den Truppenübungsplatz Baumholder abgeschossen werden. Doch die Gemeinde wehrte sich erfolgreich gegen dieses Vorhaben der USA.
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