Ramstein-Miesenbach
Flucht vor dem Krieg: Ukrainische Familie in Ramstein angekommen
Es ist der 24. Februar. Die Nacht ist fast vorbei, der Morgen noch nicht richtig angebrochen. Die Luft ist so eisig, dass sie in der Kehle wehtut. Viele liegen deshalb noch im warmen Bett, fangen die letzten Minuten Schlaf ein. Plötzlich dröhnt das Geräusch von Kampffliegern über den Köpfen. Ein Aufprall erschüttert die Wände. Die müden Augen blicken erschrocken durch das gesprungene Fensterglas, dann zum Fernseher. Soldaten und Panzer bewegen sich durch das Bild. Die ersten Gebäude liegen in Trümmern, die ersten Toten liegen darunter.
Am ersten Tag bombardiert
Was klingt wie der Anfang eines Films wurde für die ukrainische Bevölkerung zur bitteren Realität. Auch für Familie Muzyka aus der kleinen Stadt Smila, 200 Kilometer südlich von Kiew. Der Ort hat einen Militärstützpunkt. Gleich am ersten Tag hatte die russische Armee diesen bombardiert – zehn Kilometer entfernt vom Wohnhaus der Familie. Für Mutter Iryna Muzyka, eine Englisch-Lehrerin, die beiden Töchter Oksana und Kateryna und Großvater Trokhym Klymchuk war es ein Schock. „In den Tagen davor machten wir noch Witze darüber“, erzählt die 21-jährige Oksana. „Wir haben in den Nachrichten gesehen, dass die russischen Truppen an der ukrainischen Grenze stehen. Aber niemand hatte jemals damit gerechnet, dass wirklich ein Krieg ausbricht.“
Am 24. Februar um 3 Uhr nachts ukrainischer Zeit, bekommt Oksana einen Anruf von ihrer Freundin aus Mariupol – eine Stadt in der Oblast (Verwaltungsbezirk) Donezk, die Putin drei Tage zuvor als souveräne Volksrepublik anerkannt hat. „Sie sagte: ,Wir werden bombardiert'. Um 6.30 Uhr rief ich noch meine Mutter an und erzählte ihr davon. Und dreißig Minuten später hörten wir zwei Raketenschüsse aus unserer Militärbasis in Smila.“ Ab da brach der Kriegszustand im gesamten Land los.
Auf engstem Raum und in völliger Dunkelheit
Das ungute Gefühl und die Warnungen von Irynas Schwester Lena Mader, die in Ramstein-Miesenbach lebt und an der Realschule plus unterrichtet, und ihrem Mann, Werner Weller, haben sich bestätigt. „Wir haben meine Familie schon vor dem 24. Februar gebeten, zu uns zu kommen, auch wenn wir bis zuletzt auch nicht an einen Krieg geglaubt haben. Am Donnerstagmorgen, 26. Februar, sah ich, dass meine Schwester mich angerufen hatte. Ich rief per Video zurück und sah, wie meine gesamte Familie auf der Couch eng zusammensaß. Und ich sah die Angst und den Schrecken in ihren Gesichtern. Ich habe sie dann gefragt: ,Seid ihr bereit, zu mir zu fahren?' Und alle antworteten ohne zu zögern: ,Ja!'“
Am 27. Februar um 20 Uhr begann für die Familie eine Odyssee. Zuerst mit dem Zug von Smila nach Bila Zerkwa – eingepfercht zwischen vielen weiteren Flüchtigen auf engstem Raum und in völliger Dunkelheit, um nicht die Aufmerksamkeit der russischen Armee zu erregen. Niemand wusste, ob der Zug sein Ziel erreichen oder ob die nächste Stationen die letzte für alle sein würde. Mit einem Bus für zwölf Personen, jedoch mit 34 Insassen, wurde die Familie weiter von Lwiw an die polnische Grenze nach Rawa-Ruska befördert. Die restlichen Kilometer musste sie zu Fuß laufen – unter offenem, schutzlosen Himmel und bei Minusgraden. „Wir waren mit Sicherheit an die zweitausend Menschen, die zur Grenze liefen“, erzählt Iryna Muzyka. „Meist Frauen mit kleinen Kindern und ältere Menschen. Wie sich diese Menschenmasse nach vorne bewegt hat, weiß ich nicht.“ In Polen angekommen, wurden die Geflüchteten von freiwilligen Helfern empfangen und notversorgt – mit warmem Essen und Kleidung für die Kleinen. Über Warschau kamen die vier endlich nach Breslau, wo sie von Lenas Ehemann abgeholt und nach Ramstein gebracht wurden.
Trauer, Strapazen und Angst
Die Erleichterung, in Sicherheit zu sein, mischt sich mit großer Anspannung. „Früher sind wir als Gäste hierher gekommen, heute sind wir Flüchtlinge.“ Iryna kann ihre Tränen nicht mehr halten. Hinter der Familie liegen Tage der Trauer, Strapazen und Angst – Angst vor der russischen Armee, Angst vor den Bomben, Angst vor dem Tod. Immer in Gedanken bei denjenigen, die nicht fliehen konnten. „Unser Vater“, sagt die 21-jährige Oksana, während sie mit den Tränen kämpft. „Er musste dort bleiben, weil er dem ukrainischen Militär angehört. Wir versuchen, jeden Tag Kontakt zu ihm zu halten … bitte entschuldigen Sie.“ Die Stimme der jungen Frau bricht ab. Sie erstickt die Sorge um ihren Vater in Tränen. Denn alle ukrainischen Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen im Kriegsfall das Land verteidigen.
Dass noch Tage zuvor westliche Politiker nach Moskau reisten, um mit Russlands Präsident Putin zu sprechen – darunter Bundeskanzler Olaf Scholz – sahen viele Ukrainer als Hoffnungsschimmer. Auch Trokhym Klymchuk, der mit 73 Jahren schon einige politische Auseinandersetzungen in seiner Heimat miterlebt hat. „Wir dachten bis zuletzt, dass die Politiker alles tun würden, um eine Konfrontation zwischen Ukraine und Russland zu verhindern“, sagt er. „Doch da war es schon zu spät. Putin hatte die Entscheidung, in die Ukraine einzudringen, wahrscheinlich schon vor den Gesprächen mit dem Westen fest beschlossen. Und alle seine Aussagen seitdem gegenüber westlichen Politikern und Journalisten waren eine Lüge. Unser Krieg mit Russland läuft bereits seit 2014. Und ich denke, die Ukrainer kennen das psychologische Porträt Putins besser, als der Westen.“
„Eine neue Sowjetunion will kein Ukrainer“
Putins Rechtfertigungen für den militärischen Einmarsch kann die Familie nicht nachvollziehen. „Die Ukrainer haben nie einen Unterschied zwischen russischsprachigen und ukrainischsprachigen Bürgern gemacht“, betont der 73-Jährige. „Wir haben niemanden unterdrückt. Wir haben sie immer wie Brüder behandelt und respektiert, während der Sowjetunion und danach. Nach dem Fall der UdSSR haben die Ukrainer sich einfach für ihren Weg der Freiheit und Unabhängigkeit entschieden. Für ein besseres Leben, für die Meinungsfreiheit und den Frieden. Und wir werden diesen Weg gehen, egal wie schwer er sein wird. Eine neue Sowjetunion will kein Ukrainer.“
Ramstein-Miesenbachs Bürgermeister Ralf Hechler sowie Beigeordneter und Landtagsmitglied Marcus Klein hörten sichtlich betroffen der Geschichte der ukrainischen Familie zu. „Es ist anders, als die Flüchtlingswelle 2015. Es fühlt sich so nah an, quasi vor der Haustür. Der Krieg ist näher und das Gefühl der Betroffenheit ist näher“, betont Hechler. Jugendsozialarbeiter Markus Gödtel bestätigt. „Man sieht an diesem Krieg, wie empfindlich der Frieden auch in Europa ist. Und es ist wichtig, den jungen Menschen zu vermitteln, wie wertvoll Frieden und Freiheit sind.“ Umso mehr will die Stadt Ramstein die Hilfe für Geflüchtete ankurbeln. Die Hilfsbereitschaft der Bürger ist groß. Für diese Bereitschaft bedankt sich Iryna Muzyka unter Tränen. „Wir sind überwältigt, dass wir mit so viel Wärme aufgenommen werden.“
„Wir werden den Kampf um unsere Unabhängigkeit nicht aufgeben“
Wie der Krieg ausgehen wird, wollte niemand mutmaßen. „Aber ich glaube, die Ukraine hat jetzt schon gewonnen“; sagt Klymchuk. „Denn wenn sie sehen, wie die Ukrainer trotz so vieler Entbehrungen, so viel Tod und Zerstörung der russischen Armee standhalten, ist das schon ein Sieg. Und wir werden den Kampf um unsere Unabhängigkeit nicht aufgeben – nicht heute, nicht morgen, niemals!“