Kreis Kaiserslautern Ein Pionier der Kinokunst aus Enkenbach-Alsenborn

In diesem Gebäude in der Grünstadter Straße, dem ehemaligen Wirtshaus Halbgewachs, wurden die ersten Filme vorgeführt.
In diesem Gebäude in der Grünstadter Straße, dem ehemaligen Wirtshaus Halbgewachs, wurden die ersten Filme vorgeführt.

Sein Name ist heute vollends in Vergessenheit geraten. Doch Lorenz Schweitzer, ein junger Pfälzer aus Alsenborn, leistete um 1900 in Deutschland Pionierarbeit für die damals noch fast unbekannte Kinokunst.

Artistendorf Alsenborn

Alsenborn hatte sich damals einen Namen als Artistendorf gemacht. Von dort stammte die Zirkusfamilie Althoff, weltweit eine der ältesten und größten Artisten- und Zirkusdynastien. 1870 wurde in Alsenborn Lorenz Schweitzer als Sohn einer Artistenfamilie geboren. Schon als kleiner Junge war Lorenz als Trapez- und Seilkünstler unterwegs. Der Familientradition entsprechend machte er sich kurz nach seiner Heirat mit einem eigenen Zirkusunternehmen selbständig. Doch seine artistische Karriere endete jäh durch einen schlimmen Sturz. Eine neue Erwerbsquelle musste aufgetan werden. In dieser Misslage traf er einen Alsenborner Musiker, der von einer Tournee in Amerika zurückgekehrt war. Im Gepäck hatte dieser eine sensationelle Neuigkeit: Einen Kinematographen, den spielbereiten „Original Edison Bioscope“. Lorenz Schweitzer war der erste in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa, der sich diese bahnbrechende Erfindung zunutze machen sollte.

Kinovorstellungen von Ort zu Ort

1895 kaufte er den Apparat, zusammen mit einigen Kurzfilmen. Noch im selben Jahr begann er in einem Alsenborner Gasthaus Kurzfilme öffentlich vorzuführen. Und weil er nur wenige Kurzfilme zur Auswahl hatte und sein Publikum nicht langweilen wollte, begann Schweitzer mit seinem „Kino“ von Ort zu Ort zu ziehen. Dafür beantragte er 1897 beim Königlich Bayerischen Bezirksamt in Kaiserslautern den ersten Wandergewerbeschein dieser Art. Genauso kompliziert wie der Name war auch die Apparatur, mit der Schweitzer seine Filme vorführte. Die Grundelemente waren zwar schon die gleichen, wie sie noch lange bis zum digitalen Zeitalter genutzt wurden, aber es gab nicht überall Steckdosen an der Wand. Leuchtgas musste in Gummibeuteln aus einem Gaswerk geholt werden. Sauerstoff, der in Stahlflaschen nur aus Berlin bezogen werden konnte, und ein sogenannter „Wiener Kalkkegel“ waren nötig, um die Projektionslampe in Gang zu setzen. Dabei gab es natürlich auch Pannen: Bei einer Vorstellung platzte der Kalkkegel. Zudem gab es Probleme mit der Sauerstoffzufuhr. Dann saß das Publikum eine ganze Weile im Dunkeln. Zudem wurde die Vorführmaschine mit einer Kurbel per Hand betrieben. Der Vorführer, damals nannte man ihn noch Operateur, musste ununterbrochen gleichmäßig kurbeln, untermalt von einem nervtötendem Geknatter. Rollen zum Auf- und Abspulen kannte man noch nicht. Die durchgelaufenen Filme fielen auf den Boden.

Viel Überzeugungsarbeit fürs Kino nötig

Das Publikum zeigte zunächst wenig Neigung, sich für die „lebenden Photographien“ zu begeistern. Es kostete viel Energie und Optimismus, harte Kämpfe und manches finanzielle Opfer, bis sich der Kinematograph so durchgesetzt hatte, dass er ausreichend Gewinne abwarf. Das dritte Wanderkino schließlich – 1908 erbaut, elf Meter hoch und 30 Meter lang – brachte den Durchbruch. Ganz in orientalischem Stil gehalten, mit vielen bunten Glühlampen, Hunderten von Spiegeln und einer siebenköpfigen Kapelle, begeisterte es die damaligen Kirmesbesucher. Natürlich gab es damals noch keine Filmverleiher. Schweitzer musste alle Filme käuflich erwerben. Allerdings wechselte das Programm nicht wie heute alle paar Tage, sondern die Wanderkinos wechselten den Vorstellungsort. Ein Filmknüller um 1900 hieß „Die weiße Sklavin“. Es war ein Zweiakter von 25 Minuten Spieldauern, der ungeahnte Erfolge feierte. Während des Ersten Weltkrieges wurde das Kino alleine von der Ehefrau Schweitzers geführt. Er selbst und seine drei Söhne waren an der Front.

Sesshafte Konkurrenz

Natürlich blieb Schweitzer in der Filmbranche nicht ohne Konkurrenz. In mehreren Städten wurden bald Kinos eingerichtet, die die Wanderunternehmen schnell uninteressant werden ließen. In Neunkirchen/Saar wurde Schweitzer sesshaft. Während der NS-Zeit betrieb die Reichsfilmkammer große Lichtspielhäuser, in denen nationalistische Filme gezeigt wurden. Mit deren niedrigen Eintrittspreisen konnte Schweitzer nicht mithalten. Verarmt und ausgebombt verstarb er 1944 in Kleinblittersdorf.

Lorenz Schweitzer mit seinen Söhnen Freddy, Jean und Heinrich (von links), die im Kino mithalfen.
Lorenz Schweitzer mit seinen Söhnen Freddy, Jean und Heinrich (von links), die im Kino mithalfen.
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