Ramstein-Miesenbach
Docu-Center-Ausstellung widmet sich der Verständigung
„Aim werry gläd tu sih ju“, lautet die Ausspracheerklärung für das Englische „I’m very glad to see you“. Übersetzt bedeutet es „Es freut mich sehr, Sie zu sehen“, nachzulesen in einem „Sprachführer für das alltägliche Leben“ aus dem Jahr 1945. Was für die meisten Deutschen heute selbstverständlich ist, nämlich der englischen Sprache mächtig zu sein, war für viele Menschen in den Besatzungszonen der frühen Nachkriegsjahre absolutes Neuland. Die am 27. August eröffnete Ausstellung „Handshake“, zu Deutsch „Handschlag“, im Docu Center Ramstein, wirft einen historisch interessanten Blick auf die anfänglich unfreiwillige Annäherung.
Seit mehr als 70 Jahren leben US-Amerikaner und Deutsche zusammen in der Pfalz. Aber wie bereitete man sich auf so ein Zusammenleben vor? Mit der Ausstellung „Handshake“, dem Handschlag als Zeichen des Friedens, sollen diese Anfänge in Erinnerung gerufen werden. Die hier stationierten US-Soldaten und ihre Familien wurden über den Standort und seine Einrichtungen auf unterschiedlichste Weise informiert. Es gab Reiseführer für die nähere und weitere Umgebung und Informationsbücher über Deutschland und die Deutschen. Für deutsche Arbeitnehmer und Betriebe bedeutete die Besatzungszeit wiederum eine große Umstellung. Um ihre Existenz zu sichern, galt es, schnellstmöglich die Sprache der Siegermächte zu erlernen.
Französisch und Englisch mussten gelernt werden
Worüber wir heute schmunzeln, war damals Realität. „Mit ds bezeichnen wir einen Lispellaut, den Sie am besten hervorbringen, wenn Sie die Zungenspitze leicht an die oberen Vorderzähne legen und nun versuchen, recht kräftig zu zischen, ohne dass sich die Lage der Zunge verändert“, heißt es etwa in einer Anleitung zur korrekten Aussprache des englischen „th“. „Der Verwendungszweck der Sprachführer basierte auf zwei Ansätzen“, erklärt Claudia Gross, verantwortlich für die Sammlungen und Archive im Docu Center. „Wie kann man fremde Nationen darauf vorbereiten aufeinanderzutreffen?“ und: „Wie kann ich meinen Betrieb weiterführen?“ Industrie und Handel lagen nach dem Zweiten Weltkrieg brach. In den Besatzungszonen lebten neben den Deutschen auch die Soldaten der Siegermächte. Die Pfalz links des Rheins, war französische Besatzungszone. Rechts des Rheins waren die US-Amerikaner zuständig. „Aus Angst, von den Russen aus der Ostzone überrannt zu werden, baten die französischen Streitkräfte die US-amerikanischen um Austausch der Soldaten.“ Daher war es für die Menschen in der Pfalz wichtig, neben Französisch auch Englisch zu lernen.
An diese Zeit erinnert sich auch Dieter Otto Müller aus Thallichtenberg im Landkreis Kusel bei seinem Besuch der Ausstellung. 1937 in Gries geboren, wurde er bereits in der Grundschule in Französisch unterrichtet. „Diese Ausstellung ist Teil meiner Vergangenheit, meines Lebens“, sagt der heute 85-Jährige. Ein großer Bestand an Büchern stammt aus dem Vermächtnis von Fritz Abel aus Frankenthal. Abel arbeitete ab 1938 als Prokurist in einer Lederfabrik in Worms. Um während der Besatzungszeit seinen Beruf weiter ausüben zu können, musste er rasch Französisch und Englisch lernen.
Die deutsche Mentalität kennenlernen
Auch die US-Armee hatte für ihre Truppen ein spezielles Weiterbildungsprogramm namens „Headstart“ zum Erlernen der deutschen Sprache im Angebot. „Headstart“ musste jeder Amerikaner lesen, bevor er sich unter die Deutschen begab. „Die deutsche Art und Mentalität sollte vermittelt werden“ erklärt Gross. „Where to go and what to see“, war ein lokaler Reiseführer, der auf der Air Base Ramstein herausgegeben worden war. „Wohin man gehen und was man sehen soll“, lautet der deutsche Titel. Aus dem Jahr 1946 stammt ein Polizei-Sprachführer in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache – mit Aussprachehilfen. „Die Polizei verzeichnete damals eine hohe Kriminalität. Kaiserslautern war dafür bekannt und wurde Klein-Chicago genannt“, erinnert Gross.
Eine Fotoausstellung zum Thema „Handshake“ zeigt Deutsche und US-Amerikaner, wie sie sich die Hand reichen. Aus einem riesigen Bestand an Bildern hat Gross „Bilder von einem schönen Händeschütteln herausgesucht“, wie sie es selbst nennt. Zu sehen ist unter anderem Walter Matheis, deutscher Fotograf auf der Air Base in den 50er- und 60er- Jahren, wie er dem bekannten New Yorker Jazz-Musiker Lionel Hampton die Hand reicht. Auch Albert Lohr, der als Aufsichtskraft im Docu Center arbeitet, kann sicher von dem ein oder anderen Händeschütteln berichten. Schließlich war er 45 Jahre lang bei den US-Streitkräften tätig, worüber er sich gerne mit den Besuchern austauscht.
Hinweis
Die Ausstellung „Handshake“ geht noch bis Sonntag, 27. November. Das Docu Center in Ramstein-Miesenbach, Schernauer Straße 46, ist von Dienstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr, geöffnet. Zu sehen ist neben der aktuellen Schau ebenso eine Dauerausstellung, in der auch die Flugtagskatastrophe beleuchtet wird. Der Eintritt ist frei.