Ramstein-Miesenbach
Die neue Leiterin der Stadtbücherei, Michelle Müller, will Kinder zu Leseratten machen
Die Ecken, Winkel und Nischen ihres neuen beruflichen Zuhauses kennt Michelle Müller bereits. Nur so manche Abläufe sind ihr noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, zumal schon vor ihrem ersten Arbeitstag das Coronavirus Routinen auf den Kopf gestellt hatte. Die 35-Jährige hat Anfang April die Nachfolge von Renate Leiner angetreten.
„Es waren die Bücher“, benennt Müller den Grund dafür, dass sie sich nach 17 Jahren von der Bibliothek der Technischen Universität Kaiserslautern gelöst und zur Stadtbücherei gewechselt ist. In der wissenschaftlichen Bibliothek hatte sie schon im Jahr 2000 mit 16 Jahren ihre dreijährige Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste mit der Fachrichtung Bibliothek begonnen und seither dort gearbeitet.
Töchterchen als Testleserin
In Ramstein liegen nun von der Bestellung der Bücher bis hin zum Katalogisieren viele Aufgaben in ihrer und den Händen ihres dreiköpfigen Teams. Bei der Entscheidung, welche Bücher erworben werden, darf vielleicht auch ihre achtjährige Tochter Livia ein Wörtchen mitreden. „Vielleicht lasse ich sie testlesen. Das kann hilfreich sein.“
Doch das ist nicht alles. „Man kann in einer städtischen Bücherei mehr bewirken, gerade, was Leseförderung angeht. Die Möglichkeiten sind hier riesig“, setzt Müller den gleichen Schwerpunkt wie ihre Vorgängerin. Sie selbst musste nicht dazu aufgefordert werden, ein Buch aufzuschlagen. „Ich habe schon immer sehr gerne gelesen“, erzählt die gebürtige Sippersfelderin, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Frohnhofen im Landkreis Kusel wohnt.
Gerade die Leseförderung lag Renate Leiner am Herzen. Sie hat in den zwölf Jahren ihrer Tätigkeit zahlreiche Aktionen für Schmökerfreunde jeden Alters auf den Weg gebracht, unter anderem Lesereihen mit Paten, Lesungen in Verbindung mit Kreativangeboten oder Literaturkreise für Jugendliche und Erwachsene. „Mein Ziel war es, schon den Jüngsten Bücher nahezubringen, um die schulische und soziale Entwicklung zu fördern“, erzählt die 54-Jährige, die zum 1. Mai an die Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek nach Saarbrücken gewechselt ist. „Der Abschied ist mir schwergefallen. Ich bin verbunden und verwurzelt mit Ramstein, mit den Kollegen und den Nutzern. Es war immer ein sehr schönes Miteinander.“
Der Lesesommer findet statt
Als 2008 zum ersten Mal der rheinland-pfälzische Lesesommer stattfand, war die Stadtbücherei unter Leiners Regie sogleich mit im Boot und danach alljährlich. „Dieser Lesewettbewerb findet auch dieses Jahr statt“, kündigt Müller an, „allerdings fällt die Abschlussfeier für die Gewinner aus.“ Sie hofft darauf, dass vielleicht in der zweiten Jahreshälfte wieder Gruppen zum gemeinsamen Lesen kommen können.
Auch sonst möchte sie weitgehend in Leiners Fußstapfen treten. Mittlerweile ist die Bücherei nach wochenlanger Schließung wieder zu den üblichen Zeiten geöffnet, doch der Andrang ist verhalten. „Die Leute kommen eher nicht vorbei. Viele rufen vorher an, um zu fragen, ob das Buch, das sie ausleihen möchten, da ist.“ Das gibt Müller die Zeit, sich mit Statistiken, Ordnern, Software oder der Systematik der Romane in Ruhe zu befassen. „Das war alles völlig neu für mich“, meint sie mit einem strahlenden Lächeln. „Für eine Leseratte ist das hier etwas Tolles.“