Wochenendkolumne
Der Feind der Honigbiene: Was die Asiatische Hornisse alles anrichtet
Im Jahr 2004 legt im Atlantik vor Bordeaux ein chinesischer Frachter an, beladen mit Töpferware aus Fernost. Niemand denkt sich was Böses dabei, als das Schiff im Hafen einläuft, an Bord aber chauffiert es eine blinde Passagierin, die unerkannt entkommt: eine Königin der Asiatischen Hornisse. Und so beginnt das Desaster. Heute glauben Wissenschaftler, dass es diese verhängnisvolle Überfahrt war, durch die das Unglück seinen Lauf nahm – und die die Schuld daran trägt, dass das Land mittlerweile in Aufruhr ist. Wie bitte, alles wegen einer einzelnen Hornisse? Ja, genau deswegen, vermuten die Forscher. Denn das 2,5-Zentimeter-Insekt vermehrt sich nicht nur rasend schnell. Es rückt auch 80 Kilometer vor pro Jahr – weshalb es Frankreich im Sturm erobert hat und längst über halb Europa herfällt. Über Deutschland, über die Westpfalz. Nicht umsonst landete sein Name, Vespa velutina, auf der EU-Liste der invasiven Arten, 2016 war das.
„Killer-Hornisse breitet sich immer weiter aus“, so titelte am 13. Mai 2025 die BILD. Nun ist die Springer-Presse nicht bekannt dafür, sensationslüsterne Überschriften zu scheuen. Mit dieser jedoch lag sie, zugegeben, nicht mal daneben. Auf dem Speiseplan des eingewanderten Brummers steht nämlich ein Tier, das jedem Deutschen durchschnittlich ein Kilogramm seines besten Produkts pro Jahr beschert: die geliebte Honigbiene. Sie gilt als Leibgericht der Asiatischen Hornisse, als Festessen.
Von einem „Massaker“ im Bienenstock ist die Rede
Imker schlagen Alarm, und wie solche Warnungen klingen, lässt sich bundesweit nachlesen in seriösen Zeitungen. Im Bienenstock richte das eingeschleuste Wespentier ein martialisches „Massaker“ an, heißt es da – überall lägen abgetrennte Köpfe und Beine, weil die Hornisse lediglich den proteinreichen Fettkörper fresse. Ihr Einfluss auf die Völker sei so schrecklich, dass sie die Bienen in eine „Flugparalyse“ versetzt. Sie schwärmen nicht mehr aus, sind verängstigt und apathisch, sammeln keinen Nektar, bestäuben nicht, produzieren keinen Honig. Eine Katastrophe im Reich der Artenvielfalt, ganz eindeutig. Über die rasante Ausbreitung der Vespa velutina dürfte sich die Westpfalz dabei längst im Klaren sein – nicht nur wegen der erschienenen RHEINPFALZ-Artikel. Die Region ist einer der Hotspots der Invasion, gefunden wurden die Nester in Kaiserslautern und in mehreren Gemeinden des Landkreises.
Auf ihrer Homepage zum Beispiel warnt die Stadt, dass die Population der Asiatischen Hornisse „seit Herbst 2024 stark zunehmend“ sei. Und Werner Mang, Naturschützer aus Höheinöd, schilderte gerade im RHEINPFALZ-Interview, im Vorjahr etliche Nester fachgerecht entfernt zu haben – doch die Dunkelziffer liege weitaus höher. „Sie ist auch im Pfälzerwald“, sagte der Fachmann über die Verbreitung der Hornisse, es waren düstere Worte.
Sie lässt sich nicht abschütteln, sich nicht vertreiben
Als eine Biologin im Jahr 2014 das erste Exemplar der rätselhaften Art auf deutschem Boden entdeckte, nahe der Pfalz übrigens im badischen Waghäusel, da ahnte niemand, welche Gefahr einmal von ihr ausgehen würde. Heute können selbst Profis nicht einschätzen, wie hoch die Anzahl der Nester ist. Aber es sind viele, und es werden ständig mehr. Unaufhaltsam. Allein in Baden-Württemberg wurden für 2024 dreimal so viele gemeldet wie für das Jahr zuvor, nämlich 1470. Die Asiatische Hornisse, sie lässt sich nicht abschütteln, nicht vertreiben, nicht ausrotten. Sie hat sich eingeschlichen in die deutsche Natur, vor Kurzem sogar offiziell: Im März hat das Bundesumweltministerium die Vespa velutina als „weit verbreitet“ eingestuft – und damit als etabliert. Demnach gelten für sie die Gesetze zur Früherkennung und zur Verhinderung der Ausbreitung nicht mehr. Klingt dramatisch, ja. Ist es aber auch, nicht bloß aus Sicht der 143.000 Imker in Deutschland.
Die Bekämpfungspflicht der Naturschutzbehörden? Einfach mal abgeschafft. Zufällig ein Nest der Asiatischen Hornisse im Garten? Pech gehabt, fürs Beseitigen müssen Sie jetzt selbst in die Tasche greifen. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Regierung von ihren Bürgern verlangt, mit der Hornisse leben zu lernen. Der Staat hat kapituliert – aus Gründen der Machtlosigkeit. Wir können das Wachstum der Wespenart nicht verhindern, es höchstens abbremsen. Wirkliche Lösungen, den Schaden zu begrenzen, sind nicht in Sicht. Verzweiflung: keine Ausnahme.
Invasive Arten loswerden? Ein schwieriges Unterfangen
Was sagt es jetzt aus, wenn sich ein eigentlich in Südostasien beheimatetes Tier so wohl fühlt auf der anderen Seite des Globus, dass es nicht nur überlebt – sondern sich vermehrt, als gäbe es kein Morgen?
Nun, wir können einerseits schimpfen über den Welthandel, durch den die Hornisse vermutlich nach Europa gelangt ist, Stichwort: chinesischer Frachter. Und darüber, was die Menschheit anrichtet, ohne davon zu wissen. Es ist ziemlich leicht, eine invasive Art einzuschleppen – sie wieder loszuwerden aber, gar nicht so einfach. Mit der Asiatischen Hornisse ist ein Tier eingereist, das nicht hierhergehört. Das die Natur aus der Balance zu werfen droht. Die Vespa velutina hat keine natürlichen Feinde, und sie frisst eben die Biene – jenes Insekt, das wie kein zweites unser Ökosystem aufrechterhält. Andererseits schwebt über allem die Frage, wie es die Hornisse schafft, die westpfälzischen Winter zu überstehen, sich in einer Klimazone anzusiedeln, die ihr viel zu kalt sein müsste. Wenn man ein bisschen darauf rumkaut, erübrigt sich die Antwort allerdings. Oder?
Für die Imker mag es ums Geschäft gehen, um die Existenzgrundlage, natürlich. Am Ende aber steckt so viel mehr hinter der Invasion der „Killer-Hornisse“, wie die BILD schrieb. Ein Schrecken, eine Bedrohung. Was bleibt, ist der Wahnsinn, dass wohl ein einziges Schiff es war, durch das sie zu uns in die Pfalz kam – und der dringende Rat von Werner Mang, ein Nest niemals auf eigene Faust zu entfernen.