Trippstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Der erste Blitzableiter wurde auf Schloss Trippstadt errichtet

Geistlicher, Meteorologe, Physiker und Sprachwissenschaftler: Johann Jakob Hemmer (1733-1790).
Geistlicher, Meteorologe, Physiker und Sprachwissenschaftler: Johann Jakob Hemmer (1733-1790).

Vor 250 Jahren errichtete der Pfälzer Universalgelehrte Jakob Hemmer den ersten Blitzableiter auf Schloss Trippstadt.

Der Blitzableiter wurde 1752 vom amerikanischen Naturwissenschaftler und Hobbypolitiker Benjamin Franklin erfunden. So steht’s im Lexikon. Zeitgleich wurde die Erdung von Elektrizität aus den Wolken in Europa erforscht. 1769 entstand eine Anlage in Hamburg. Am 17. April 1776 errichtete der Pfälzer Universalgelehrte Johann Jakob Hemmer einen Blitzableiter auf Schloss Trippstadt.

Die Trippstadter „Residenz“ ist ein fast 50 Meter langer Flügel mit zwei Stockwerken, schwülstig barocken Giebeln und einem enormen, vier Hektar großen Park. Trotz seiner landläufigen Bezeichnung war der Prachtbau nie Wohnsitz eines regierenden Potentaten, wohl aber das bewusst prestigeträchtige Domizil einer schwerreichen Adels- und Beamtensippe.

Errichtet wurde es von den Freiherren Hacke, die es in Diensten der pfälzischen Kurfürsten zu Ruhm, Einfluss und Geld gebracht hatten. Der kurpfälzische Oberstjägermeister Ludwig Anton von Hacke besaß den Aschbacherhof und kaufte die beiden Schlösschen in Lambsheim (Kreis Südwestpfalz), nachdem er bereits mit Wilenstein und Trippstadt belehnt worden war. Dort ließ sich sein Sohn Franz Karl Joseph von Hacke 1776/67 die besagte Residenz bauen, damals „Maison de la Campagne“ genannt, also Landhaus.

Sohn eines „armen Bauern“

Architekt war Sigmund Jacob Haeckher, Baumeister und Mathematiklehrer in Zweibrücken. Die damals 43-jährige Gattin des Bauherrn stammte aus Dirmstein, war eine üppig begüterte Hofdame des Kurfürsten und trug den klangvollen Namen Amoena Marie Charlotte Juliane Sturmfeder von Oppenweiler. Ein Relief über dem Eingangsportal zeigt die Wappen der Familien Hacke und Sturmfeder.

Verglichen mit diesen Sippen war Johann Jakob Hemmer ein armer Schlucker – aber ein studierter. Er kam 1733 als Bauernsohn in Horbach zu Welt, damals in der Sickingen´schen Herrschaft Landstuhl gelegen. Seinen weiteren Lebensweg beschrieb der Wachenheimer Lehrer Jacob Franck 150 Jahre später so:

„Sein Vater (war) ein armer Bauersmann. Nachdem er drei Jahre lang kümmerlich die lateinische Schule zu Kaiserslautern besucht hatte, entzog er sich dem Zwange, gleichfalls Bauer zu werden, durch eine heimliche Flucht nach Cöln, wo es ihm gelang, in dem Jesuiten-Collegium Aufnahme und Unterricht und bald darauf auch eine Hauslehrerstelle (...) zu erhalten.“

Hemmer unterrichtete also als „Informator“ den Nachwuchs der erwähnten Familie Sturmfeder, deren Oberhaupt als „Geheimer Rat, Kammerherr, Oberst-Silberkämmerer, Oberst-Küchenmeister und Reisemarschall“ des pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor amtierte.

Kaplan im Kabinett

Der machte den gerade 26-Jährigen am 1. Februar 1760 zu seinem Mannheimer Hofkaplan. 1767 wurde Hemmer Mitglied der Kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften, 1776 übernahm er die Leitung des „physikalischen Kabinetts“.

So begründete der katholische Gottesmann aus der Südwestpfalz seinen Ruhm als umfassend belesener Naturwissenschaftler und Universalgelehrter. Jakob Hemmer führte öffentliche Versuche durch, hielt Vorträge über statische Elektrizität und führte wetterkundliche Aufzeichnungen ein.

Pionier der Meteorologie

Unter seiner Leitung wurde das erste internationale meteorologische Beobachtungsnetz der Erde aufgebaut, das 39 Stationen umfasste, davon 14 in Deutschland. Alle Wetterwarten wurden jeweils mit den gleichen Messinstrumenten ausgerüstet, sodass erstmals wirklich vergleichbare Beobachtungen möglich waren.

Darüber hinaus veröffentlichte Hemmer mehrere Bücher über die deutsche Sprache, Grammatik und Rechtschreibung. Er lehnte den übertriebenen Gebrauch von Fremdwörtern ab, wollte sie im Gegensatz zu anderen puristischen „Verdeutschern“ seiner Zeit aber nicht gänzlich abschaffen.

Hemmers physikalische Studien weckten das Interesse des Kurfürsten, in dessen Schloss Schwetzingen 1769 die Pferdestallungen nach einem Blitzschlag abgebrannt waren. Daraufhin verfügte Karl Theodor, dass alle Schlösser und Pulvertürme in der Kurpfalz eine „Wetterleiter“ erhalten sollten – eine Blitzschutzanlage also.

Hemmer konstruierte eine senkrechte Stange, an deren oberem Ende ein fünfarmiges waagerechtes Strahlenkreuz aus Metall angebracht war. Das war der „Hemmer’sche Fünfspitz“, dessen erstes Modell am 17. April 1776 auf dem Trippstadter Landsitz des kurfürstlichen Forstmeisters Hacke installiert wurde.

Wetterleiter und Ballon

Um die Wucht elektrischer Entladungen in der Luft nachvollziehen zu können, wiederholte Jakob Hemmer den berühmten Versuch Franklins mit einem Drachen. Anschließend notierte er: „Die Entladung war bisweilen so stark, dass, wenn jemand, der auf dem feüchten Boden stand, die Schnur berürte, er glaubte, er würde klaftertief in die Erde geschlagen.“

Drei Wochen nach Trippstadt wurde auch die Sommerresidenz Schwetzingen mit „Hemmer’schen Fünfspitzen“ versehen. Sie befinden sich noch heute auf den Dächern des Schlosses und sind somit die ältesten Blitzableiter Europas.

Tod mit 56 Jahren

Jakob Hemmer, der 1784 in Mannheim einen Heißluftballon nach Machart der Brüder Montgolfier aufsteigen ließ, wurde nur 56 Jahre alt. Sein Neffe, der genauso hieß und ebenfalls Pfarrer wurde, veröffentlichte in der „Mannheimer Zeitung“ vom 10. Mai 1790 folgenden Nachruf:

„Am 3. dieses (Monats) ist mein Oheim, der geistliche Herr Johann Jakob Hemmer, der freien Künste und Weltweisheit Doktor, geistlicher geheimer Rat, des kurfürstlichen Elisabethen-Ordens Zeremonier, Mitglied der kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften und der Witterungsgesellschaft beständiger Sekretär, nach einem sechstägigen Krankenlager, mit den H. H. (= heiligen) Sterbesakramenten der Kirche versehen, zum Sterben ganz bereit, mit gänzlicher Ergebung in den göttlichen Willen im 57. Jahre seines Alters zu demjenigen übergegangen, den er aus den Werken der Natur als den allmächtigen Urheber der Schöpfung so tief und unermüdet erforschet, so nachdrucksam gelehrt und ausgebreitet und so innigstüberzeugt bewundert und angebetet hat. Allen seinen hohen Gönnern und Freunden mache ich hiermit die Anzeige und statte für die meinen Herrn Oheim bezeugte Wohlbewogenheit und Freundschaft den gehorsamsten Dank ab.“

Diese stimmungsvolle Ansicht des Schlosses Trippstadt stammt vom Kaiserslauterer Meisterfotografen und Filmemacher Hans-Günther
Diese stimmungsvolle Ansicht des Schlosses Trippstadt stammt vom Kaiserslauterer Meisterfotografen und Filmemacher Hans-Günther Hausen (1927-2004). Sie wurde zum Motiv einer tausendfach verbreiteten Ansichtskarte umgemünzt.
Aufnahme von 1920: ein „Hemmer’scher Fünfspitz“ auf dem Mannheimer Schloss.
Aufnahme von 1920: ein »Hemmer’scher Fünfspitz« auf dem Mannheimer Schloss.
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