Sembach
Den Kunststoff im Kreislauf halten
Die Eigenschaft von Kunststoff, die ihn in den vergangenen Jahren immer mehr in Verruf gebracht hat, nämlich seine Langlebigkeit, ist genau das, was Tapio Harmia an ihm schätzt. „Ich liebe Kunststoffe“, sagt der Geschäftsmann, der im Gewerbepark Sembach die Firma Easicomp GmbH betreibt. Seine Vorliebe für das höchst wandelbare und sehr haltbare Material nutzt der Finne, der seit 30 Jahren in der Pfalz lebt, um damit sein Geld zu verdienen. Gemeinsam mit seinen mittlerweile 38 Mitarbeitern – angefangen hat er 2011 mit fünf – veredelt er die Kunststoffe für andere Firmen.
In der Natur aber, zum Beispiel in Form von achtlos weggeworfenen Verpackungen, habe der Stoff nichts zu suchen, stellt der Geschäftsführer von „Engineered Advanced Solutions in Composites“ klar. Viel besser wäre es, wenn alle einmal produzierten Kunststoffe in einer Kreislaufwirtschaft immer aufs Neue wiederverwertet würden, findet er.
Dass das möglich ist, beweist er seit einiger Zeit selbst. Der Chemieingenieur, der 1992 für seine Promotion am damaligen Institut für Verbundwerkstoffe (IVW), dem heutigen Leibniz-Institut, nach Kaiserslautern kam, setzt bei seinen Produkten verstärkt recycelten Kunststoff ein. Auf die Idee dafür kam er durch ein gemeinsames Projekt mit einer anderen Forschungseinrichtung. Das gebrauchte Plastik kommt in Form kleiner unregelmäßiger grüner Kügelchen daher. Was diese in ihrem ersten Leben einmal waren, ist ein Firmengeheimnis. Denn es sei nicht einfach, einen Lieferanten zu finden, der möglichst sortenreines Recyclat stetig und über einen langen Zeitraum in den gewünschten Mengen anbieten könne. Nur so viel verrät der Geschäftsführer: Der Kunststoff stamme aus nichtindustriellen Quellen, werde von einem Partnerunternehmen gesammelt, gesäubert und so aufbereitet, dass Easicomp ihn weiterverarbeiten kann.
Anzahl der Mitarbeiter stetig gestiegen
Das geschieht in der Halle hinter dem Bürogebäude, funktioniert im Prinzip genauso wie bei Neuware und werde gerade sehr stark nachgefragt. Sein Unternehmen sei wahrscheinlich das einzige in Europa, das in diesem Sektor Recyclingkunststoffe verwende, schätzt der Unternehmer. Welches Potenzial im Recyclat steckt, macht sich in den Geschäftszahlen bemerkbar. Würde Easicomp nicht die Materialien von seinen Kunden gestellt bekommen, sondern müsste sie selbst ein- und wieder verkaufen, läge der Jahresumsatz laut Harmia bei rund 15 Millionen Euro. Vor sieben Jahren waren es noch fünf Millionen weniger. Auch die Anzahl der Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und sie soll weiter steigen – derzeit suche er händeringend Elektriker und Industriemechaniker.
Die würden dann mit Mehmet Cetintas in einem multinationalen Team zusammenarbeiten. Cetintas verantwortet den Bereich der Produktion. Von seinem Arbeitsplatz, an dem es laut ist und nach warmem Kunststoff riecht, überblickt er mittlerweile drei statt vormals zwei Anlagenstraßen. Die vorderste Anlage diene der Entwicklung. Hier werde an neuen Materialzusammensetzungen für die langfaserverstärkten Thermoplaste (LFT) geforscht, auf die sich Easicomp spezialisiert hat. Sie müssen bestimmte Anforderungen erfüllen, zum Beispiel besonders steif sein oder unempfindlich gegen Schläge.
Auf den beiden hinteren Anlagen wird produziert, was die Kunden bestellen, die derzeit noch hauptsächlich aus der Automobilindustrie, aber zunehmend auch aus anderen Branchen wie dem Maschinenbau kommen. An der einen Seite laufen Glasfasern in die Kessel, wo sie auf die bei 250 bis 300 Grad Celsius geschmolzenen Kunststoffe treffen, die sie ummanteln sollen, und zwar jedes mehr als haarfeine Filament der Glasfaserschnüre einzeln. Imprägnieren nennt Cetintas diesen Vorgang, der aus den Zutaten einen Verbundstoff macht. „Da wo es dampft, findet die ,Hochzeit‘ statt“, sagt der Bereichsleiter und zeigt auf die entsprechende Station. Danach läuft das Produkt in langen Schnüren aus der Maschine, kühlt ab und wird zuletzt in rund zehn Zentimeter lange Pellets geschnitten. 15.000 Tonnen dieser Pellets würden pro Jahr produziert, sagt Harmia.
Heckklappen für Autos
Die Firmen, die sie nach einer Qualitätsprüfung im Easicomp-eigenen Labor abnehmen, schmelzen diese erneut ein und stellen daraus etwa Heckklappen für Autos oder Montageringe für Elektromotoren her. Denn längst ersetzen Faserverbundstoffe viele Metallteile. Sie wiegen weniger und lassen sich, ebenfalls ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, mit weniger Energieeinsatz herstellen und verarbeiten. Und, das ist Harmia wichtig, „die LFTs selbst sind wieder wunderbar zu recyceln“.
Wenn das auf alle Kunst- und Verbundstoffe zutreffen würde, könnte sich der Wunsch des Chemieingenieurs, irgendwann gar keine neuen Ressourcen einsetzen zu müssen, erfüllen. Dafür aber müsste, zum Beispiel in der Verpackungsindustrie, noch viel mehr auf recyclinggerechtes Design geachtet werden.
Die neueste Entwicklung aus dem Hause Easicomp kann momentan allerdings noch nicht aus dem grünen Recyclat hergestellt werden: unidirektional-verstärktes Komposittape. Vereinfacht ausgedrückt würden dafür die LFT-Pellets plattgewalzt, sodass eine Art Matte entsteht. Mehrere dieser Matten übereinander gelegt, ergäben ein sehr stabiles Material, das in Elektroautos als Akkuhalter eingesetzt werden könnte. „Die Akkus sind empfindlich und müssen gut geschützt sein“, sagt Harmia, daher müsse auch der Verbundstoff hohen Anforderungen gerecht werden, es dürfe sich zum Beispiel möglichst nichts hindurchbohren. Noch lasse sich das mit wiederverwertetem Material nicht zuverlässig genug garantieren. Aber der Easicomp-Gründer ist zuversichtlich, dass auch das im nächsten Schritt noch gelingt.