Krickenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Dem harten Leben der Steinmetze auf der Spur

Hier geht’s tief runter: Blick hinab auf das Betriebsgelände der Carl Picard Natursteinwerk GmbH.
Hier geht’s tief runter: Blick hinab auf das Betriebsgelände der Carl Picard Natursteinwerk GmbH.

Die Arbeit der Steinmetze war anno dazumal ein echter Knochenjob. Trotzdem schufteten aus Not früher viele Menschen in den Steinbrüchen bei Krickenbach. Wie es ihnen dabei erging, darüber informierte eine Geschichtswanderung der Tourist-Info der Verbandsgemeinde Landstuhl.

„Der Stein gab uns das Brot und den frühen Tod“ – unter diesem vielsagenden Motto und der Führung von Hans Becker machen sich die Teilnehmer am Samstagmorgen auf die rund zwölf Kilometer Wanderstrecke, die ein historisches Kaleidoskop zur Bedeutung des Sandstein-Abbaus in der Krickenbacher Gegend für sie bereit hält.

Der Weg zieht sich. Kilometerweit geht es über Wirtschaftswege, Schotterpisten und Pfade, gesäumt von hüfthohen Farnfluren. Durch die mächtigen Tunnel alter Buchen und Eichen wird vom Wanderparkplatz an der Queidersbacher Straße aus ins Schweinstal hineinmarschiert. Dann die erste Begegnung mit dem Sandstein. Ein fein modelliertes Grenzzeichen, ganz offensichtlich eine Arbeit jüngeren Datums. Das Wappen derer von Sickingen mit seinen fünf Kugeln ist akkurat herausgearbeitet. Vorne ist ein „H“ zu sehen, auf der Rückseite ein „Q“.

„1720 ist an dieser Stelle ein Stein gesetzt worden, um der Grenzstreitigkeiten unter den Neusiedlern in dieser Gegend Herr zu werden“, berichtet Becker. Der Kurfürst von der Pfalz habe sie ins Land geholt, um der Menschenleere nach dem Dreißigjährigen Krieg ein Ende zu bereiten. Das „Q“ weise auf Queidersbacher Land hin, das „H“ auf Hergelshausen, ein damaliges Waldarbeiter-Gehöft. „Der alte Stein ist bei Forstarbeiten zerstört worden, den neuen hat der Forst bezahlt.“

Und plötzlich der Abgrund zum Betriebsgelände des Natursteinwerks Picard

Noch immer geht es in Etappen bergauf. Ein Wandertrott hat sich unter den dichten Blattfächern der Baumriesen eingestellt. Aber nach einem letzten Abbiegen nach rechts herrscht plötzlich allgemein erschrecktes Staunen. Alle stehen unvermittelt oberhalb eines schwindelerregenden Steilhangs. Ganz unten in der Tiefe liegt das Betriebsgelände der Carl Picard Natursteinwerk GmbH. „Links lagert bestellte Sandsteinarbeit zum Abholen, im langen Gebäude rechts wird Sandstein gesägt“, erklärt Becker.

Die Geschichte des Unternehmens gehe zurück auf das Jahr 1896. Der Firmensitz sei damals noch in Remscheid gewesen. Das Brüderpaar Picard habe Schleifsteine hergestellt und vertrieben. „Der hiesige Sandstein weist einen Quarzgehalt zwischen 48 und 90 Prozent auf“. Durch seine Härte habe er sich damals zum Herstellen von Schleifsteinen prädestiniert. „Fünf Mann haben in fünf Tagen einen solchen Schleifstein von Hand mit dem Schrothammer und dem Zweispitz aus dem Block herausgehauen.“ Mit Pferdefuhrwerken seien die Werkstücke dann nach Schopp transportiert und mit der Bahn von dort aus in großen Mengen verschickt worden.

Die Sensenschleifer wurden kaum älter als 40 Jahre

Heute werden laut Becker Schleifsteine in allen Härtegraden gegossen. Und auch viele Handarbeiten der damaligen Zeit übernähmen nun Automaten. „Die Sensenschleifer beispielsweise mussten damals auf dem Bauch liegend ihr Werkstück unter fließendem Wasser bearbeiten“, berichtet der Wanderführer von harten Arbeitswelten. Der eingedrückte Brustkorb und der im feuchten Milieu eingeatmete Schleifstaub habe bei den allermeisten zur Silikose, der Staublunge, geführt. Viel älter als 40 Jahre sei kaum einer von ihnen geworden.

Nach dieser traurig stimmenden Information geht es wieder hinein in die Waldeinsamkeit. Der Thymian auf dem Wanderpfad duftet, Himbeerranken kreuzen den Weg. Der Wanderrhythmus entwickelt seinen eigenen Charme, denn urplötzlich nach der letzten Biegung steht die Gruppe auf einem Plateau hoch über dem Picardschen Steinbruch. „Mehrmals hat hier schon das Bildhauer-Symposion stattgefunden“, erzählt Becker. Und das riesige türkisfarbene Sonnensegel am rotbraunen Steinbruchboden hat schon etwas.

Der Sandstein wurde in noblen Häusern in Kaiserslautern verbaut

„Wer sich einmal die noch erhaltenen Bürgerhäuser in Kaiserslautern anschaut, kann schon am Baujahr erkennen, wann der Sandstein seine Hochkonjunktur hatte“, geht der Wanderführer wieder zurück in die Geschichte: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 habe es mithilfe der milliardenschweren Kriegsentschädigung durch die Franzosen einen Boom gegeben, Gründerzeit genannt. Viel Geld konnten die Bürger für den Sandstein in ihren noblen Bürgerhäusern ausgeben. Und trotz der Höhen und gewaltigen Tiefen der Geschichte nach 1900 habe das Material aus dem Schweinstal stets seine Abnehmer gefunden. Bis dann zu Beginn der 1930er Jahre andere Baustoffe in die Konkurrenz eintraten und schlicht auch das Geld für Sandstein gefehlt habe.

Dass der Sandstein Konjunktur hatte, habe für Arbeit in der Gegend gesorgt. „Die Steinbrecher haben im Frühjahr und im Sommer gearbeitet, die ,Abräumer’ im Herbst und im Winter“, berichtet Becker. „Abräumer“ waren meist Bauern aus dem Umland. „Sie haben den Schutt beseitigt und so ihr Einkommen aufbessern können, wenn die Landwirtschaft ruhte.“

Das „schönste Sandsteinhaus des Gegend“ markiert auch das Ende einer Ära

Fast wie in einer Art Dramaturgie bietet Wanderführer Hans Becker seinen Gästen nach Strecken romantischer Waldeinsamkeit mit einem kurzen Schwenk immer neue Szenerien des Sandsteinthemas. Der Blick schweift kurz hinab in den furchterregenden Höhlenschlund eines unterirdischen Steinbruchs. Dann öffnet sich wieder überraschend der Waldvorhang zum ehemaligen Waldarbeiter-Gehöft Hergelshausen. „Erkelshäuserhof“ heißt es heute. „Zu sehen gibt es hier das meiner Meinung nach schönste Sandsteinhaus der Gegend“, sagt Becker.

Die Jahreszahl 1933 über der Eingangstür markiere gleichzeitig das Ende der breiten Verwendung des Sandsteins als Baumaterial. „Das Haus hier dürfte das letzte seiner Art sein.“

Naturidylle im Schweinstal: Der Weiher liegt am Skulpturenweg.
Naturidylle im Schweinstal: Der Weiher liegt am Skulpturenweg.
x