Bruchmühlbach-Miesau
Das Mühlenlädchen in der Tausendmühle
Wer den Laden betritt, der staunt erst mal. Kaum zu glauben, dass bis 2013 gleich neben der heutigen Theke neun Walzstühle in Betrieb waren. Drei davon sind erhalten. Sie sind Anschauungs- und Dekoobjekte in einem, genauso wie die übergroße Schalttafel an einer der Wände, über die die Elektrik der Mühle gesteuert wurde, und noch so manch anderes Stück aus der Zeit, als hier noch Mehl gemahlen wurde.
Ganz bewusst hat die Müllerstochter diese Reminiszenzen an die mehr als 420-jährige Mühlengeschichte bewahrt. Mit sanfter Hand ist sie beim Umbau vorgegangen. Da dürfen auch die Bodendielen knarren, Stromleitungen liegen auf dem Putz und die Stufen der Holztreppe, die ins Obergeschoss führt, sind ausgetreten. Dieser Charme der Nostalgie und Stahls Blick fürs Detail geben ihrem Angebot einen liebevoll gestalteten, unverwechselbaren Rahmen.
Der Wegwerfmentalität ein Schnippchen schlagen
Im vorderen Verkaufsraum ist ein Regal mit Müslipackungen und Cerealien gefüllt, ein anderes mit allen erdenklichen Backzutaten – von Hefe über Saaten bis Brotgewürz – und noch andere mit Nudeln, Tees, Essigen und Ölen. Dann ist da die Pralinentheke mit handgefertigten Naschereien einer befreundeten Chocolatier und Gläschen mit Eingekochtem, in denen die Produzentin aus der Vorderpfalz Gemüse und Obst verarbeitet hat. Zu krumm oder zu klein gewachsen und damit nicht der Norm entsprechend, hätte es im gängigen Lebensmittelhandel keine Chance und würde im Müll landen.
Bei Stahl hat es ganz bewusst seinen Platz gefunden. Sie verkauft nur ausgewählte Artikel, die bestenfalls aus der nahen Region stammen und naturbelassen sind – also nicht in irgendeiner Weise chemisch oder industriell behandelt wurden. Ihr ist es wichtig, Verschwendung zu vermeiden und der Wegwerfmentalität ein Schnippchen zu schlagen. Stattdessen will sie ein Bewusstsein wecken für gesunde Ernährung und Genuss und fürs Selberkochen und -backen begeistern. Ihr geht es um ein Umdenken hin zu Wertschätzung von Lebensmitteln und letztlich auch um Klima- und Umweltschutz.
Dabei hat ihr die Corona-Krise sogar ein Stück weit geholfen. Denn nicht nur Toilettenpapier war zu Beginn Mangelware, auch an Mehl und Backzutaten fehlte es in Supermärkten häufig. Die Folge: Nicht wenige, ihr bis dato unbekannte Kunden fanden den Weg in die Tausendmühle und den rückwärtig gelegenen Verkaufsraum, die „Mehlstube“. Wo früher Mehl der Tausendmühle in Säcke abgefüllt wurde, lagern heute verschiedenste Sorten in unterschiedlich großen Haushaltsgebinden.
Zum Einkauf gehören Tipps und ein Plausch
Sie stammen von einer kleinen Mühle in der Umgebung von Baden-Baden, die Stahl aufgetan hat. „Das Mehl wird nicht behandelt“, versichert sie, „es ist bekömmlicher und verträglicher.“ Nicht wenige ihrer Neukunden machten die Probe aufs Exempel und fanden Freude daran, diverse Teige anzurühren und letztlich das duftende Ergebnis aus dem Backofen zu ziehen. „Sie haben gemerkt, dass das Brotbacken gar nicht so schwer ist und es ihnen gut tut“, weiß die 50-Jährige aus vielen Gesprächen mit ihren Kunden, zu denen auch immer mehr junge Menschen zählen.
Diese soziale Komponente beim Einkaufen ist ein wichtiger Bestandteil für sie und auch für die Käufer. Sie kennt die Eigenschaften und Inhaltsstoffe der verschiedenen Mehle und gibt gerne Tipps rund um die Zubereitung der Backwaren und Nahrungsmittel, die auch Spätzle-Nudeln und Brötchen umfassen. Immer freitags verkauft sie selbstgebackene „Schwäbische Seelen“, das sind Brötchen aus Dinkel- und Weizenmehl, Salz, Wasser, Hefe und vor allem einer langen Teigführung.
Die Wertschätzung von Mehl steigern
Seit Beginn der Pandemie bleibt der Backofen im Obergeschoss kalt. Mehrmals wöchentlich hat Stahl in der eigens dafür eingerichteten Küche Interessierte bei Workshops in der Kunst des Brotbackens unterwiesen. Doch diese Kurse sind jetzt erst einmal ausgesetzt. Die zeitaufwendigen Workshops waren der Grund dafür, dass das Mühlenlädchen an drei Tagen in der Woche, von Donnerstag bis Samstag, geöffnet war – und das soll auch vorerst so bleiben.
Mit ihrem Angebot setzt die Müllerstochter auf ein Rundumpaket, in dessen Mittelpunkt das Mehl steht. „Es wird von vielen nicht wertgeschätzt“, findet sie. Dabei lasse es sich ohne Kühlung und unverarbeitet problemlos über Jahre lagern, ohne zu verderben. Zudem habe es einen hohen Nährwert und enthalte viele Vitamine.
Das Sortiment drumherum stammt ausschließlich von Produzenten, die sie persönlich kennt und – beispielsweise im Falle des Hühnerhofs mit mobiler Freilandhaltung bei Lauterecken – von denen sie sich vor Ort selbst ein Bild gemacht hat. Kurze Transportwege und Regionalität sind ihr wichtig, weswegen sie jetzt auch Kartoffeln von einem Hof in Lambsborn anbietet. Weil eine Mühle und Tierfutter ihrer Ansicht nach zusammengehören, bietet sie für Pferd, Schaf, Hund und Geflügel Futter, natürlich mit Getreideanteil.