Kreis Kaiserslautern
Bodenschätzung des Fiskus
„Ich empfehle mal, hier ein bisschen an der Bodenart herumzufingern, um den Unterschied zur Grube drei nachher festzustellen.“ Dieser Aufforderung der promovierten Bodenkundlerin Dorthe Pflanz vom rheinland-pfälzischen Landesamt für Geologie und Bergbau kommen an einem durchwachsenen Frühlingstag rund ein Dutzend Männer und Frauen auf einem Feld in Schwedelbach prompt nach. Mit Kellen oder breiten Messern werden Bodenproben aus einer kleinen Grube abgekratzt, zerrieben, zwischen den Handballen gerollt und geknetet. Sie werden beschnuppert, weitergereicht und nochmal geprüft, um in intensiver Diskussion herauszufinden, ob der Boden eher kiesig oder steinig, eher lehmig oder sandig ist. Zu beobachten sind hier die Mitglieder des Bodenschätzungsbeirates des Bundes. Und versammelt haben sich die Männer und Frauen aus ganz Deutschland im Auftrag des Fiskus’. Die Bodenschätzung ist eine fast 100-jährige Disziplin der Steuerfachleute.
„Wir schätzen die Ertragsfähigkeit des Bodens“, erläutert Jörg Porz, amtlich landwirtschaftlicher Sachverständiger beim Finanzamt Kaiserslautern. Er hat die dreitägige Beiratsreise durch die Westpfalz organisiert. Das, was bei einer solchen Schätzung herauskommt, wirkt sich auf die Höhe der Grundsteuer aus, die ein Landwirt für seinen Acker oder sein Grünland zu zahlen hat. Der Aufwand wird also betrieben, damit es dabei gerecht zugeht. Ein Bauer, dessen Feld nicht soviel abwirft, weil der Boden schlecht ist, muss weniger zahlen als einer, der seine Feldfrüchte auf einem besonders fruchtbaren Grund heranzieht. In der Folge spielt das dann auch für die Erbschafts- oder die Schenkungssteuer eine Rolle.
Sandig und mager
Wichtig ist dabei die ermittelte Ertragsmesszahl. Sie wird errechnet, indem die Bodenzahl mit der Grundstücksgröße in Ar multipliziert wird. Die beste zu erzielende Bodenzahl ist 100, als Referenzboden dient die besonders fruchtbare Magdeburger Börde. Um einzuschätzen, wie gut der Boden ist, werden die Bodenart – also Sand, Ton, Löss oder Lehm beispielsweise –, seine Zustandsstufe – eins ist die beste, sieben die schlechteste – und die Art seiner Entstehung betrachtet. In der Westpfalz dominieren sandige Verwitterungsböden, die sich also auf einer verwitternden Gesteinsschicht gebildet haben. Da Sand wenig fruchtbar ist, können solche Böden nie die beste der sieben Zustandsstufen erreichen. Eine Rolle spielt aber auch: Wie durchwurzelt ist der Boden? Gibt es Regenwurmgänge? Wieviel Wasser kann er speichern? Wie dick ist die fruchtbare Schicht? Am Ende der Schätzung steht dann eine Art Formel, zum Beispiel lSV6g25, also lehmiger Sand, Verwitterungsboden, Zustandsstufe 6, grusig (gemeint ist, dass sich viel Gesteinsschutt darin befindet), was zu der Bodenzahl 25 führt, also ein eher magerer, wenig fruchtbarer Boden.
Normalerweise sind es keine solch großen Gruppen, die über die Felder und Wiesen ziehen, um den Boden zu schätzen. Die Schätzungsausschüsse bestehen vielmehr nur aus vier Personen: einem amtlichen landwirtschaftlichen Sachverständigen, zwei Landwirten, die als ehrenamtliche Bodenschätzer tätig sind, und einem Vermessungstechniker. Sie graben üblicherweise auch keine rund einen Quadratmeter großen und einen Meter tiefen Gruben in die Äcker, um ihre Güte zu beurteilen. Die Beiratsreise legt jedoch die Grundlage für die spätere, flächendeckende Arbeit. Denn hier werden exemplarisch ausgewählte Böden ganz genau betrachtet, später auch im Labor analysiert und am Ende exakt beschrieben. Diese sogenannten Musterstücke dienen anschließend den Schätzungsausschüssen als Vergleich. Rund 3000 dieser Musterstücke gebe es bundesweit, sagt Porz. Da jedoch immer mal wieder Areale, die dafür herangezogen worden waren, durch Bebauung oder Versumpfung verloren gehen, müsse der Katalog regelmäßig ergänzt werden.
Ein Feld, zwei Welten
Dass dabei drei Musterstücke auf einem Feld gewonnen werden können, ist eher ungewöhnlich. Aber der Acker in Schwedelbach, auf dem Triticale, eine Getreideart, und Erbsen für die Biogaserzeugung angebaut werden, eignet sich dafür, aufzuzeigen, wie unterschiedlich die Bodenqualität auf engstem Raum sein kann. Die Hanglage bedingt zum Beispiel, dass der Untergrund auf der Kuppe sehr viel trockener und wesentlich weniger bindig ist als am Fuß. Auch Steinchen finden sich im oberen Bereich deutlich mehr als unten. „Der Acker ist für einen Bodenkundler sehr dankbar aufgrund der Unterschiede“, sagt Porz, fügt aber hinzu: „Zum Beackern ist das allerdings nicht so schön.“ Aber dazu sind die Experten an diesem Tag ja auch nicht hergekommen, sondern um zu bewerten.
Der Ablauf ist an jeder Grube gleich: Zunächst beschreibt Bodenkundlerin Dorthe Pflanz, was zu sehen ist. Sie benennt die Gesteinsschicht – in diesem Fall Zechstein, genauer das Konglomerat von Schwedelbach – und wo sie aufhört und der Boden anfängt. Sie weist außerdem auf Verfärbungen hin, die etwa auf das Vorhandensein von Eisen im Boden hindeuten. Danach teilt Klaus Etzkorn vom Landesamt für Steuern in Rheinland-Pfalz und Porz’ Vorgesetzter den Beiratsmitgliedern mit, zu welcher Einschätzung er und seine Leute bei der Vorbesichtigung gekommen sind. Auf dieser Basis wird anschließend diskutiert, verworfen, zugestimmt, nochmal überdacht und sich schließlich auf eine Bewertung geeinigt.
Diese notiert Roland Riggert, Referent für Bodenschätzung beim Bundesfinanzministerium, damit sie für die späteren Schätzungen abrufbar ist. Dann gilt: Wenn die Schätzer auf ein Stück Boden stoßen, das sich so beschreiben lässt wie das Musterstück, dann erhält es genau diese Bewertung. Deshalb gilt: Je gründlicher der Beirat am Anfang arbeitet, umso einfacher ist es hinterher. Diese Vereinfachung ist es gerade, die Markus Senn so an dem System schätzt. „Das ist das Geniale daran“, findet das Beiratsmitglied aus Baden-Württemberg und er weist zudem darauf hin, dass nur dadurch überhaupt alle Äcker und Wiesen in Deutschland geschätzt werden könnten.
Im Schwedelbacher Fall kommt übrigens heraus, dass der Boden oben am Hang nur etwa halb so ertragreich ist wie unten. Die Bodenzahlen lauten am Ende 25 und 50. Insgesamt schafft es der westpfälzische Acker damit nicht in die höchsten Ertragsklassen. Die Grundsteuer wird also ebenfalls geringer als in fruchtbareren Gegenden ausfallen.
Wissen für andere Fachbehörden interessant
Doch die Beurteilung kann noch zu etwas anderem als zur Steuerbemessung dienen, sagt Porz. Andere Fachbehörden interessierten sich zunehmend für die Bodenschätzung. Denn die genaue Beschreibung der Böden kann Landwirten helfen, bestimmte Fruchtfolgen besser und dem Standort angepasst zu planen. Geologen, Umweltschützer und Hydrologen nutzen sie, um zum Beispiel gezielt Gebiete für den Grundwasser- oder Hochwasserschutz auszuweisen. Nicht zuletzt können sich Städte- und Raumplaner an den Daten orientieren, damit Baugebiete oder Straßen nicht ausgerechnet auf besonders ertragreichen Böden entstehen.
Die Steuer- und Bodenfachleute sind sich der großen Verantwortung, die sie tragen, sehr bewusst, wie es scheint. Zweieinhalb Stunden nehmen sie sich an den drei Gruben auf dem Schwedelbacher Feld Zeit, und das, obwohl sie schon seit dem Morgen bodenschätzend unterwegs sind. Sie diskutieren intensiv und halten alles sorgfältig fest – damit alles gerecht zugeht bei der Besteuerung, aber eben auch, damit der Boden, der die Grundlage für alles darstellt, bestmöglich genutzt oder geschützt werden kann.