Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Bauern warten auf klares Bekenntnis zur heimischen Tierhaltung

Wenig Alternativen: Im Frühjahr haben die Landwirte viel zu tun. Von der Politik erhoffen sie sich mehr Wertschätzung und Verstä
Wenig Alternativen: Im Frühjahr haben die Landwirte viel zu tun. Von der Politik erhoffen sie sich mehr Wertschätzung und Verständnis. Eine echte Alternative zu mit Diesel betriebenen Traktoren gebe es zum Beispiel derzeit noch nicht.

Landwirte sind gut ausgebildet, zugetraut werde ihnen nichts. Nur ein Aspekt, an dem sich etwas ändern muss, fordert Jürgen Vogelgesang. Er hofft auf die neue Regierung.

In Berlin laufen die Verhandlungen der möglichen Koalitionspartner CDU und SPD, während in der Westpfalz die Bauern – die wenigen, die es noch gibt – auf die Felder ziehen. Es ist Frühling, da gibt es viel zu tun. Auf dem Feld, auf der Weide, den Wiesen, in den Stallungen – und am Schreibtisch! Sagt Jürgen Vogelgesang. Der Vollblutbauer ist Vizepräsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd und Vorsitzender im Kreisverband Kaiserslautern.

„Wir sitzen rund die Hälfte unserer Arbeitszeit am Computer, füllen aus, dokumentieren, beantragen“, ist das für den Landwirtschaftsmeister schon lange nicht mehr hinnehmbar. „Ist das Tier im Stall nicht wichtiger, als das letzte perfekt ausgefüllte Formular?“ Die Frage stellt er provokativ in den Raum und ergänzt: „Bevor ich mit dem Schlepper rausfahre zum Düngen oder um Pflanzenschutzmaßnahmen durchzuführen, muss ich dokumentieren, was ich wo tun will. Komme ich zurück, muss ich erneut dokumentieren, was ich getan habe“, nennt er eine der – aus seiner Sicht – absurden politischen Vorgaben, die sich ohne Wenn und Aber auch auf Dokumentation rund ums Fleisch oder die Milch beziehen.

Zuviel Bürokratie

Sicher, ein Traktor mit neuester Technik zeichne bereits viel auf, da gehe kaum ein Düngerkorn, kein Tropfen Pflanzenschutzmittel unbemerkt verloren oder daneben. Das erleichtere die Arbeit, den bürokratischen Druck nehme es aber nicht von den Schultern der Bauern. „Die Politik lässt das Vertrauen in uns gut ausgebildete Landwirte immer mehr vermissen.“ Egal was der Bauer, die Bäuerin tue, alles werde erst einmal grundlegend hinterfragt. Die Bürokratie drücke die Landwirtschaft an die Wand. Bürokratieabbau sei deshalb unausweichlich. Nicht die einzige Hoffnung, die Vogelgesang in eine neue Regierung setzt.

Die Bauern hoffen, dass Umwelt, Wirtschaft und Landwirtschaft auf Bundesebene in einer Hand bleiben und nicht, wie in Rheinland-Pfalz, auf zwei Ministerien verteilt werden. Hü und hott zwischen zwei parteipolitisch unterschiedlich geführten Häusern, das steigere die Bürokratie und lähme die Landwirtschaft weiter.

Sonderregelung beim Mindestlohn

Ein weiteres dickes Brett, an dem die Bauern derzeit bohren, ist der angekündigte Mindestlohn in Höhe von 15 Euro. „In der Westpfalz ist das nun nicht das dringendste Thema. Im Wein- und Gemüsebau, in der Vorder- und Südpfalz, kann ein solcher Lohn jedoch zum Todesstoß für die Betriebe führen“, kritisiert Vogelgesang. Niemand wolle die Saisonarbeitskräfte, ohne die es in hoher Stückzahl in einigen Teilen der Landwirtschaft einfach nicht gehe, nicht angemessen entlohnen. Aber wenn in europäischen Nachbarstaaten nur ein Bruchteil für die gleiche Arbeit gezahlt werde, habe das mit fairen Wettbewerbsbedingungen nichts zu tun. Beim Mindestlohn brauche es unbedingt eine Sonderregelung für die Landwirtschaft.

Keine Sonderregelung, sondern ein klares Bekenntnis für den Erhalt des ländlichen Raums und ein deutliches „Ja“ zur heimischen Tierhaltung, erhofft sich der Bauer ebenfalls „endlich“ von Berlin. All der Bürokratieabbau, so er denn komme, werde keinen einzigen Bauernhof retten, wenn es nicht schnellstmöglich Planungssicherheit gebe. Wer heute drei Millionen in einen von der aktuellen Gesetzeslage abgesegneten „Zukunftsstall“ verbaue, müsse darauf vertrauen, dass sich das auf dem Papier festgezurrte „Tierwohl“ nicht schon im nächsten Jahr ändere und der neue Stall schlagartig keiner Norm mehr entspricht.

Keine Alternativen zum Diesel

„Wir sind für Tierwohl und wir sind absolut für Klimaschutz“, spricht Vogelgesang davon, dass sich gerade in der Landwirtschaft das veränderte Klima täglich bemerkbar mache. Daher drehten die Bauern an jeder möglichen Schraube, um das Klima zu schützen. Die Bepreisung der CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen sei sicher ein Weg, allerdings belaste sie die Landwirtschaft sowie den gesamten ländlichen Raum, ohne dass es hier groß Alternativen zum Umstieg gebe. „Womit sollen wir fahren, wenn nicht mit Diesel? Es gibt noch keine alltagstauglichen Schlepper auf der Basis von Strom oder Wasserstoff“, spricht der Bauer Klartext und verweist auf kleinere strombetriebene Hofschlepper, die durchaus genutzt würden. Für die Feldarbeit aber fehle einfach noch die Alternative. Dafür bestraft zu werden, sei schon hart.

„Uns hört niemand. Das treibt mich um“, nimmt Vogelgesang den fehlenden Ausbau des Schienen- oder Busnetzes in der strukturschwachen Region mit in seine Argumentation auf. Wenn weder Bus noch Bahn fahre, treffe die CO2-Besteuerung Menschen, die von der Politik vergessen werden. Und noch etwas wünscht sich der Verbandsfunktionär: endlich ein klares Zeichen, ja, auch mit gerichtlichen Verurteilungen, gegen die immer schlimmer werdenden Anfeindungen gegenüber Menschen, die sich für andere einsetzen.

Jürgen Vogelgesang
Jürgen Vogelgesang
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