Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel 70 Jahre Grundgesetz: Ein Jurist, eine Ethiklehrerin und ein Pfarrer aus der Westpfalz zur Würde

Das Grundgestez der Bundesrepublik Deutschlands feiert 70. Geburtstag.  Foto: dpa
Das Grundgestez der Bundesrepublik Deutschlands feiert 70. Geburtstag.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses tragende Prinzip des nun 70 Jahre alten Grundgesetzes beschäftigt Jurist Marcus Klein, Philosophielehrerin Heidi DeKuiper und Militärpfarrer Alexander Beck immer wieder. Kernfragen: Wie ist der Begriff Menschenwürde zu verstehen? Und was ergibt sich daraus?

Der Parlamentarische Rat der Bundesrepublik Deutschland (BRD) verkündete am 23. Mai 1949 in Bonn am Rhein das Grundgesetz (GG) der BRD. Artikel 1/1 des GG „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, ist dabei tragendes Prinzip und oberster Verfassungswert und garantiert durch seine Unabänderbarkeit die Menschenwürde.

Der Jurist: „Artikel 1 schützt die Würde jedes Menschen, auch die des Mörders“

Marcus Klein

, Jurist, hauptamtlicher Beigeordneter der Verbandsgemeinde Ramstein Miesenbach und Vorsitzender des Fördervereins Stationäres Hospiz Westpfalz, hatte sich schon während seines Studiums gerade mit diesem Artikel 1 auseinandergesetzt. „Eigentlich ist es ein großes Glück, in einem Staat in Freiheit und ohne Krieg aufzuwachsen. Die Gewissheit, dass die Verwirklichung der Würde des Menschen oberstes Ziel der Staatstätigkeit ist, wird von vielen als Selbstverständlichkeit, ohne nachzudenken, angesehen.“

Dass dies aber auch einiges verlangt und womöglich nicht immer mit persönlichem Rechtsempfinden einhergeht, führt Klein an einem Beispiel aus. „Die Entführung des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler in Frankfurt vor zehn Jahren zeigte der deutschen Bevölkerung die Unerbittlichkeit des ersten Artikels des Grundgesetzes. Der damals zuständige Polizeibeamte hatte während der Vernehmung dem Entführer mit Schmerzen gedroht, sollte er das Versteck des Jungen nicht preisgeben. Zu diesem Zeitpunkt war Jakob schon tot. Der vernehmende Beamte wurde aufgrund der Drohung verurteilt. Dem Entführer, der den Jungen getötet hatte, sprach das Landgericht Frankfurt Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro zu. Das Urteil war für viele unfassbar und regte zur Diskussion an. So schützt der Artikel 1 – ob Massenmörder oder Falschparker – mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Würde des Schuldigen“, erläutert Klein mit nachdenklichem Blick.

Und fragt: „Wo beginnt die Würde? Mit der Zeugung oder der eigentlichen Geburt? Ist Sterbehilfe ein Eingriff in die Würde des Menschen oder schützt gerade sie die Menschenwürde?“ Mit der Frage, ob der Abschuss eines entführten Flugzeuges gerechtfertigt ist, wenn dadurch andere Menschen gerettet werden, nimmt er Bezug auf das heiß diskutierte Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach. „Das Bundesverfassungsgericht, die oberste Behörde, musste letztlich mehrfach darüber entscheiden und Passagen des Luftsicherheitsgesetzes als nichtig erklären“, sagt Klein. In der deutschen Verfassungsgeschichte sei die Stellung der Menschenwürdegarantie und der Grundrechte am Anfang des Verfassungstextes einmalig. „Sie ist die Reaktion auf die beispiellose Missachtung des Menschen durch den nationalsozialistischen Staat und die Gräuel des Zweiten Weltkrieges.“

Die Ethiklehrerin: „Jüngere denken bei Würde weniger an Menschenwürde“

Heidi DeKuiper, gebürtige Landstuhlerin, unterrichtet am Sickingen-Gymnasium Landstuhl Philosophie, Ethik und Mathematik. „Jeder hat sie, die Menschenwürde, doch wissen oftmals nur wenige mit diesem Begriff etwas anzufangen“, ist die Erfahrung der Pädagogin. „Mit Würde bringt die jüngere Generation Personen in Verbindung, die einen besonderen Status oder bestimmte Funktion innehaben. An die Menschenwürde selbst wird dabei weniger gedacht“, meint DeKuiper. Die Bibel beschreibt im 1. Buch Mose, Genesis, den Mensch als Krone der Schöpfung und verleihe ihm dadurch eine gewisse Würde. In der Renaissance sei der Mensch neu entdeckt worden. Die berühmte Rede des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola über ,Die Würde des Menschen’ sieht DeKuiper hier als prägend an. „Er stellt den von Gott geschaffenen Menschen in die Mitte und lässt ihn frei entscheiden, ob er himmlisch oder irdisch, sterblich oder unsterblich sein möchte. Jedoch ist dabei zu beachten, dass die Freiheit (Würde) aufhört, wo die Freiheit (Würde) des Nächsten beginnt“, erklärt sie.

Für die Philosophielehrerin ist, wenn es um die Menschenwürde geht, Immanuel Kants Beitrag zur Moralphilosophie unumgänglich. Darin steht: „Wir handeln moralisch, wenn wir die Würde der Mitmenschen respektieren, unmoralisch, wenn wir andere Menschen ausschließlich als Mittel für unsere Zwecke benutzen.“ Diese Menschheits-Zweck-Formel liefere zum Beispiel bei Fragen der Sterbehilfe, der Gentherapie und der Stammzellenforschung wertvolle Orientierung. „Als Philosophie- und Ethiklehrerin finde ich es sehr wichtig, dass sich junge Menschen mit den Themen des Lebens, also mit sich selbst, auseinandersetzen. Oftmals entwickelt sich ein Schlüsselerlebnis daraus“, sagt DeKuiper lächelnd.

Der Pfarrer: „Politik, Kirche und Gesellschaft müssen die Menschenwürde hinterfragen“

Alexander Beck, evangelischer Militärpfarrer in der Niederauerbach Kaserne Zweibrücken, betreut neben seinem Standort noch Kaiserslautern, Bergzabern und Pirmasens, den Militärstützpunkt Ramstein sowie Bann/Oberarnbach (Polygone). „Allgemein über Menschenrechte, Menschenwürde zu sprechen, ist relativ einfach und klar: Grundsätzlich finden alle es gut. Im Konkreten zeigt sich aber, was für eine Herausforderung darin steckt“, betont Beck.

„Bei der Bundeswehr bildet die Innere Führung die Wertegrundlage für verantwortliches Handeln. Die Soldaten sind den Werten und Normen des Grundgesetzes besonders verpflichtet; dazu zählt auch die Menschenwürde. Die Bundeswehr kennt keinen unbedingten Gehorsam.“ Letztlich müsse jeder nach seinem Gewissen entscheiden. Zwar finde man in der Bibel die Menschenwürde als Begriff nicht, könne sie aber aus biblischen Texten ableiten: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war nackt und ihr habt mich bekleidet, ich war krank und ihr habt mich versorgt“; das Matthäus Evangelium sei ein bekennendes Beispiel dafür.

„Gleichzeitig sehe ich, wie Ärzte und Pflegekräfte in Hospizen und Palliativstationen mit großem Engagement arbeiten und es ermöglichen, würdevoll zu sterben. Hier sehe ich Menschenwürde, wie sie dem Sterbenden oder dem Patienten, der Schmerzen hat, geschenkt wird.“ Aber auch den ,Sternenkindern’, die in der Vergangenheit als Klinikmüll behandelt wurden, sei letztlich durch eine würdige Bestattung die Menschenwürde zugesprochen worden. „Die Politik, die Kirchen, die Gesellschaft – sie alle tun gut daran, sich immer wieder zu hinterfragen, ob sie auch wirklich im Sinne der Menschenwürde unterwegs sind“, sagt Beck.

Marcus Klein. Foto: Mathias Gillen
Marcus Klein.
Heidei DeKuiper. Foto: Mathias Gillen
Heidei DeKuiper.
Alexander Beck. Foto: Mathias Gillen
Alexander Beck.
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