Was Leser ärgert
Zu viel nackte Haut im Supermarkt?
Über ihr Erlebnis beim Wocheneinkauf mit den zwei Kindern kann sich Marie Schneider aus Jockgrim heute noch ärgern. Als sich die drei im Marktkauf in Wörth noch mit Lesestoff versorgen wollten, lauerte dort eine für sie unangenehme Überraschung. „Bei der Durchsicht des Zeitschriftenangebotes prangte uns der Playboy entgegen, mit drei nackten jungen Frauen auf dem Titelblatt, die sich wie eine Ware anboten“, sagt Schneider. „Wir waren alle drei sehr unangenehm berührt.“ Für die Lehrerin geht es dabei um Grundsätzliches.
„Jungen Mädchen wird suggeriert, Frauen müssten Haut zeigen, um schön und interessant zu sein“, sagt Schneider. Auch im 21. Jahrhundert herrsche eine noch immer teils „mittelalterliche Sichtweise“. Auf dem Cover der Zeitschrift, aber auch in der Werbung würden Frauen auf eine Rolle als Sexualobjekt reduziert. „Es sind immer die Frauen, die in der Werbung nackt sind, nie die Männer“, sagt Schneider. Durch die ständige Präsenz würde Kindern und Jugendlichen eingeredet, nur schlank und leicht bekleidet sei die Frau etwas wert.
Frauen als Ware reduziert
„Solche Hefte haben in einem Supermarkt, in dem Kinder und Jugendliche verkehren, nichts zu suchen“, ist Schneider überzeugt. „So wird verhindert, dass Kinder Frauen als wichtige Respektspersonen – als Mutter, Ehefrau oder Schwester – anzuerkennen lernen. Stattdessen werden sie als Billigware auf Sexangebot und Fleischware reduziert.“ Sie ärgert sich noch immer über das Unverständnis bei der Marktleitung, die ihre Beschwerde abgewimmelt und wenig Verständnis gezeigt hätte.
Das Unternehmen beruft sich auf die verfassungsrechtlich geschützte Pressefreiheit, die auch eine freie Verbreitung umfasst. „Das Sortiment an Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen in unseren Märkten wird deshalb grundsätzlich nicht durch den Marktleiter oder uns zentralseitig zusammengestellt oder gepflegt, sondern durch den örtlich zuständigen Grossisten, die als Großhändler für Zeitungen und Zeitschriften Pressefreiheit und Pressevielfalt garantieren und fördern“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens Marktkauf auf RHEINPFALZ-Anfrage.
Meldestellen für sexistische Darstellungen
Auch die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Germersheim Lisa-Marie Trog sieht kein grundsätzliches Problem. „Jeder Mensch kann sich anziehen und kleiden, wie er möchte. Dazu zählt auch, dass sich Frauen und Männer nackt darstellen können, wenn dies in einem Rahmen passiert, in dem keine bei uns geltenden Gesetze gebrochen werden.“ Beim Verdacht auf frauenfeindliche Darstellungen verweist sie auf festgelegte Kriterien und institutionalisierte Kontrollstellen. „Die Grenzen sind dort, wo Menschenwürde oder Rechte verletzt werden. Sollte dies der Fall sein, wird dies von anderen Stellen geprüft, wie zum Beispiel vom Deutschen Werberat.“
Sollten Menschen als Ware dargestellt werden oder die Werbung frauenfeindlich sein, stünden weitere Meldestellen zur Verfügung. „Neben dem Deutschen Werberat gibt es seit August 2017 das vom Bundesfamilienministerium geförderte Webformular werbemelder.in zum einfachen Melden sexistischer Werbemotive – die hier eingehenden Beschwerden gehen online, womit transparent wird, welches Unternehmen wo und wann mit Sexismus wirbt“, sagt Trog.
Teil einer „perfiden Erziehung“
Schneider will derweil aber nicht nur als Lehrerin für ein allgemeines Umdenken arbeiten. „Werbeplakate mit Frauen in Unterwäsche haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.“ Solche Motive und die Darstellungen in einigen Zeitschriften würden sich bei jungen Menschen einbrennen und seien Teil einer „perfiden Erziehung“, die einem modernen Frauenbild und einem würdevollen Umgang mit Frauen im Weg stünden. „Es muss einen Wandel geben. Aber solange solche Hefte und Bilder noch da sind, kann sich nichts ändern.“
Schneider will damit helfen, „die Welt zu einem sicheren und guten Ort des würdevolleren Miteinanders machen“. Ein erster Schritt sei die Verbannung von erotischen Zeitschriften aus den breiten Supermarkt-Sortimenten. „Wenn es um Sex geht, sollten die Zeitschriften im Sex-Laden bleiben.“