Kandel Zu viel Bürokratie: Zahnarzt in vierter Generation hört auf
Wer als Patient auf dem Behandlungsstuhl des Zahnarztes Fritz Herrmann Platz nimmt, sieht nicht nur die üblichen Instrumente vor sich. Schaut man nach rechts, dann fällt der Blick schnell auf ein Bild, auf dem vier Männer zu sehen sind. „Die Zähne und ihre Pflege“ steht in großen Lettern darauf. Ein silberner Rahmen fasst das Bild ein, auf dem Instrumente abgebildet sind, mit denen es Zahnärzte gemeinhin zu tun haben und natürlich ein Behandlungsstuhl, wie ihn ältere Patienten noch kennen dürften.
Abgebildet sind Uropa, Opa und Vater des Zahnarztes Fritz Herrmann, der rechts die Reihe abschließt. Sie alle haben die Praxis geführt – man ist geneigt, von einer Zahnarzt-Dynastie zu sprechen. Uropa Johannes hatte 1896 begonnen, als Dentist, wie es damals hieß. Seine erste Praxis war in den Räumen, in denen sich heute die Buchhandlung Pausch befindet, auf der Kandeler Hauptstraße. Er wirkte bis in die 1930er-Jahre, ehe sein Sohn Fritz die Praxis, zwischenzeitlich bereits in der Bismarckstraße, übernahm. In den 1950er-Jahren folgte ihm wiederum sein Sohn, der vielen Menschen aus Kandel und Umgebung wohl noch heute bekannte Zahnarzt Walter Herrmann. Fritz Herrmann arbeitet also in vierter Generation und als Zahnarzt in Kandel, wo er neben der Praxis in der Bismarckstraße 14 auch wohnt.
Zahnarzthelferin: Früher ein Traumberuf
Doch Fritz Herrmann hat angekündigt, dass er seine Praxis zum Jahresende schließen und seine Tätigkeit beenden werde. Früher als er es ursprünglich geplant hatte. Eigentlich wollte er erst in einem Jahr aufhören, doch für das frühere Ende gab es so einige Gründe, sagt Herrmann im RHEINPFALZ-Gespräch. Vor allem die Bürokratie, die immer mehr zunehme, empfinde er belastend für sich selbst und seine Mitarbeitenden. Die bis ins Kleinste reichenden Vorschriften, der Zwang zur Dokumentation auch der einfachsten Tätigkeit, all das nerve ihn kolossal und binde zu viel Arbeitszeit, die er viel lieber seinen Patienten widmen würde. Dann passen die Sätze der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) seit langem nicht mehr zu den kontinuierlich steigenden Kosten.
Ein weiteres Problem sieht Fritz Herrmann darin, dass es immer schwieriger werde, geeignetes Personal zu finden. Früher sei der Beruf der Zahnarzthelferin für viele noch ein Traumberuf gewesen, auf die Zusage zur Ausbildung hätten sich die Bewerberinnen noch gefreut. Ein weiterer Grund für das vorzeitige Ende seien die räumlichen Bedingungen in der Praxis, in der er seit 35 Jahren arbeite; zunächst zusammen mit seinem Vater Walter, seit 2004, aber alleine. Die Räume seien nicht, wie gewünscht, ebenerdig und damit barrierefrei zu erreichen.
Zudem wäre wohl bald ein weiterer Behandlungsraum mit einem dritten Stuhl erforderlich, auch weil die Prophylaxe viel Zeit in Anspruch nehme. Ein solcher könnte aber nur im Obergeschoss eingerichtet werden, weil das Gebäude etwas beengt ist. Aber ein größerer Umbau lohne sich nicht mehr, nachdem er keine Nachfolge für die Übernahme der Praxis gefunden habe.
Instrumente werden verkauft
Deshalb werde die Praxis aufgelöst, das Instrumentarium und die Einrichtung verkauft. Seine Mitarbeiterinnen wüssten zum Teil schon, in welcher Praxis sie künftig arbeiten werden. Die, die noch auf der Suche sind, wollen in Kandel bleiben und hoffen hier auf einen Arbeitsplatz. Einerseits falle es ihm sehr schwer, künftig auf die Begegnungen mit Menschen und auf die Gespräche zu verzichten. Andererseits gewinne er aber etwas mehr Zeit für seine Hobbys, etwa zum Reisen, das Wandern, den Sport oder die Arbeit im eigenen Garten.
Langeweile fürchte er nicht, sagt der Zahnarzt, der für seine Patienten eine gute Versorgung in Kandel gesichert sieht. Anders als bei den Hausärzten, die immer weniger werden, gebe es bei Zahnärzten eine gute Versorgung in der Stadt und der Region. Er sei sehr gerne Zahnarzt gewesen, freue sich jetzt aber auch auf den Ruhestand nach dem Jahreswechsel, sagt der 63-Jährige. Den möchte er zusammen mit seiner Frau genießen. Dass er sich, nach einer gewissen Zeit des Abstandnehmens, auch ehrenamtlich in Kandel einbringe, könne er sich durchaus vorstellen.