Kreis Germersheim „Wirtschaft und Politik feiern wir nicht“

Placeholder-Image

Wörth. RHEINPFALZ-Mitarbeiter Felix Mescoli sprach mit dem Vorsitzenden des Vereins Wörther Tafel, Thomas Stuhlik, über Armut, die Flüchtlingswelle, den Spaß am Helfen und die Feier am Samstag. Herr Stuhlik, zehn Jahre Wörther Tafel ... Das ist schon was: ein Armutszeugnis für Politik und Wirtschaft in unserer Region, andererseits ein Segen für unsere Hilfsbedürftigen. Und was bedeutet ihnen das Projekt „Tafel“ persönlich? Noch macht es mir Spaß. Das Leuchten in den Augen der Menschen, ihre Freude, wenn sie etwas bekommen, das ist schon schön. Wie hat sich die „Tafel“ in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? Wir haben 2005 mit 48 Bedürftigen angefangen. Ich war zwei Jahre zuvor mit 54 Jahren in Frührente gegangen und dachte, „einen Tag in der Woche kannst Du investieren“. Heute betreuen wir rund 800 Menschen und ich habe eine 70-Stunden-Woche. Von den unzähligen Stunden, die unsere 120 ehrenamtlichen Helfer leisten, ganz zu schweigen. Nicht nur der Nutzerstamm ist gewachsen, sondern auch das Angebot. Zu Anfang hatten wir ausschließlich Lebensmittel ausgegeben. Inzwischen führen wir auch Haushaltsartikel und Kleidung. Darüber hinaus betreiben wir eine Onlinebörse für sperrige Möbel. Und schließlich einen Heimlieferservice für unsere gehbehinderten oder gebrechlichen Nutzer. Hat sich auch Ihre Klientel gewandelt? Ja. Im November, Dezember vergangenen Jahres wurden wir von der Flüchtlingswelle nahezu überrollt. Da hat sich unsere Nutzerschaft nahezu verdoppelt. Das hat uns sehr viel Kopfzerbrechen bereitet, denn wir wollen und können unseren Fokus nicht auf die Flüchtlingshilfe legen. Bei uns werden alle gleich behandelt: Hartz-IV-Empfänger, Rentner oder Billiglohnempfänger. Sie sprechen von Flüchtlingen, nicht von Asylbewerbern. Warum? Jemand der wegen Krieg, Vertreibung oder politischer Verfolgung sein Heimatland verlassen hat, ist ein Flüchtling. Auf die Neuankömmlinge vom Balkan, die noch immer den Löwenanteil der Asylbewerber ausmachen, trifft das aber nicht unbedingt zu. Mag sein, aber in Wörth gibt es beispielsweise nur sehr wenige Albaner. Die meisten Asylbewerber stammen aus Eritrea, Somalia oder Ägypten – übrigens geflohene Christen – und jetzt kommen so langsam die Syrer. Und schließlich kann ja auch ein Asylbewerber, der vielleicht kein Flüchtling ist, trotzdem ein Bedürftiger sein. Wie gesagt, bei uns sind alle gleich. Ich will ihnen ein Beispiel nennen: Wenn Spender zu uns kommen und sagen, „ich habe hier Kleidung für Flüchtlinge“, dann sagen wir „nein, wir müssen das auch an andere verteilen dürfen“. Welchen Widerhall erfährt ihre Arbeit in der Bevölkerung? Die Hilfsbereitschaft ist hier wirklich groß. Wir hatten zum Beispiel eine „Topfaktion“, die ausnahmsweise exklusiv Flüchtlingen zugute kam, weil die keinen Hausrat haben. Da bekamen wir Sets, da war teilweise noch das Preisschild dran. Oder nehmen sie unsere Fahrradaktion, bei der wir Bedürftigen gespendete Fahrräder schenken, damit sie überhaupt zu uns kommen können. Demnächst geben wir das 300ste Fahrrad aus. Da muss man wirklich den Hut ziehen vor den Pfälzern, toll! Welche Menschen bekommen überhaupt etwas bei ihnen? Die Anforderungen sind streng. Eine alleinstehende Person darf nach Abzug der Miete noch 450 Euro zur freien Verfügung haben, der Partner 350 und jedes Kind noch mal 350. Wir lassen uns von den Bedürftigen den Hartz-IV- oder Rentenbescheid zeigen oder bei den Geringverdienern die Gehaltsabrechnung. Dazu den Mietvertrag und den jüngsten Steuerbescheid. All dies überprüfen wir einmal im Jahr. Wir müssen das tun, schon wegen des Finanzamtes, da wir eine gemeinnützige und mildtätige Organisation sind. Und natürlich, weil wir eine Verantwortung gegenüber unseren Spendern haben, von deren Unterstützung wir nahezu vollständig abhängig sind, und auch gegenüber der Bevölkerung. Es gab in jüngerer Zeit Meldungen, den „Tafeln“ gingen die Nahrungsmittel aus. Der Umstand, dass der Handel inzwischen Lebensmittel, deren Verfallsdatum bevorsteht, für 30 Prozent billiger verkauft, hat uns schon getroffen, aber damit können wir umgehen. Wir haben genug Brot, Kartoffeln, frische Tomaten und Paprika. Man muss auch dazusagen, dass wir keine Grundversorgung leisten. Wir wollen den bedürftigen Menschen ein Zubrot bieten, damit sie sich ab und zu ein bisschen was leisten können. Sei es ein Kinobesuch, ein Eis fürs Kind oder einen Gang zum Friseur. Wird das Jubiläum auch gefeiert? Ja, wir feiern unsere Helfer und Sponsoren – die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft können wir mit gutem Gewissen nicht feiern – am Samstag, 27. Juni, ab 13 Uhr gibt es ein großes Fest an unserem Gebäude in den Niederwiesen. Um 15 Uhr spielt der Fanfarenzug Schaidt und um 17 Uhr die Guggemusik aus Hagenbach. Würstchen vom Grill gibt es natürlich auch. Verteilen sie die umsonst wie ihre Lebensmittel? An die Helfer schon, aber die Reichen müssen natürlich bezahlen (lacht). Info Wer die Arbeit der „Tafel“ finanziell unterstützen möchte, richte seine Spende an Konto: 1000005726, BLZ: 54851440 Sparkasse Germersheim-Kandel .

x