Eine Stunde mit ... RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Feierabend am frühen Morgen ist

Anita Sokoliss ist für die RHEINPFALZ jede Nacht unterwegs.
Anita Sokoliss ist für die RHEINPFALZ jede Nacht unterwegs.

Pünktlich die RHEINPFALZ im Briefkasten oder im Zeitungsrohr abliefern. Dafür sind viele Austräger täglich in den Straßen des Kreises und der ganzen Pfalz unterwegs. Anita Sokoliss ist eine von ihnen – seit elf Jahren. Und Unvorhergesehenes passiert immer mal wieder.

Kein Vogel zwitschert. Vereinzelt schimmern Sterne am bewölkten Nachthimmel. Die Stille wird durch das Klappern eines Briefkastendeckels unterbrochen. Anita Sokoliss geht ihrer Arbeit nach. Sie ist seit etwa 2 Uhr unterwegs und trägt die RHEINPFALZ aus. „Heute kam der Fahrer über eine Stunde später. Da muss ich mich sputen“, sagt sie. „Die Leute wollen ihre Zeitung pünktlich, sie zahlen ja auch dafür.“ Normalerweise beginnt sie ihre Tour gegen 1 Uhr. Der Fahrer aus Ludwigshafen, der die Zeitungen bringt, ist meist gegen 0.30 am Übergabeort, an dem immer mehrere Austräger warten. Ob die Zeit reichen wird?

Zum Glück gibt es heute keinen Regen

Jetzt ist es 4 Uhr und hinter Anita Sokoliss liegen bereits drei ihrer sechs Bezirke – zwei in Sondernheim und einer in Germersheim. Drei weitere Bezirke müssen abgefahren werden. Alles mit dem schweren, blauen Fahrrad – sowohl im Lenkerkorb als auch im Korb auf dem Gepäckträger stecken viele Tageszeitungen. „Hier wird die Zeitung in den Briefkasten gesteckt, da vorne in das Zeitungsrohr“, weiß die 57-Jährige genau um die Wünsche ihrer Kunden. „Wir haben Glück, heute regnet es nicht, da müssen wir uns nicht unterstellen“, sagt sie und tritt in die Pedale. „Für mich ist die Arbeit optimal“, sagt die Mutter dreier erwachsener Kinder, die alle in der Nähe wohnen. „Auch die Enkel“, ergänzt sie und lächelt.

„Man ist sein eigener Chef, wird nicht kontrolliert“, fährt sie fort über die Arbeit zu sprechen. „Ich habe meine Ruhe. Das ist doch schön.“ Manchmal kann die RHEINPFALZ-Austrägerin die Zeitung vom Fahrrad aus in einen Briefkasten oder in ein Zeitungsrohr stecken, oftmals muss sie aber auch vom Rad absteigen und ein paar Stufen zum Briefkasten am Hauseingang hochlaufen. „Das kann im Winter gefährlich sein, da passe ich immer auf“, sagt Anita Sokoliss. Schlimm sei es, wenn kein Licht an ist oder es nicht angehe. „In Bellheim bin ich im Winter einmal gestürzt und war vier Wochen krank“, erzählt sie. Die Treppe sei glatt gewesen Das habe sie nicht gesehen. Beim weiteren Austragen hat sie gemerkt, „dass der Fuß dick wird. Aber ich habe die Bezirke fertig gemacht“, sagt die zuverlässige Austrägerin nicht ohne Stolz.

Wünsche der Kunden bekannt

„Wenn es regnet, ist ihr Briefkasten vorne immer nass“, sagt sie in meine Richtung. „Dann schiebe ich die Zeitung immer ganz nach hinten.“ Heute darf ich die Zeitung selbst einwerfen. Weiter geht es durch das vertraute Gebiet. Nahe der alten Schiffswerft sagt sie, dass dort am Wochenende, bei den Schrebergärten, immer viele Jugendliche sind. Deshalb müsse sie die Zeitung eines Abonnenten in den Briefkasten stecken – „weil sie manchmal geklaut wird“. Das geschehe aber auch an anderen Stellen. Heute wird viel erzählt und gelacht. Normalerweise ist es eher still. Dann sind wir schon in der Zeughausstraße und fahren Richtung Bahnhofstraße.

Plötzlich durchbricht ein Hupen den ansonsten stillen Morgen. Zuvor hat man scharfe Bremsgeräusche zweier Autos gehört, weil ein vorausfahrendes unvermittelt angehalten hatte. Einer der folgenden Fahrer regt sich auf, zurecht. Ein bärtiger Mann, der aussteigt, ruft etwas in Richtung der stehenden Autos, fuchtelt mit den Armen und geht in ein Haus. „Da erlebt man einiges, sowas kommt immer vor“, kommentiert Anita Sokoliss das Gesehene.

Mehrfach anderen Menschen geholfen

Sie habe schon mehrfach Hilfe geleistet – einmal war eine Frau in der Küche gestürzt und habe nach Hilfe gerufen und einmal war eine hilflose Person unterwegs. „Da hilft man“, sagt sie in einem selbstverständlichen Ton. „Angst darf man beim Austragen nicht haben“, fährt sie fort. „Da braucht man gar nicht anzufangen.“ Auch sei sie schon einmal von einem Mann verfolgt worden. Dann habe sie ihm deutlich gesagt, dass er verschwinden soll oder sie rufe Polizei. Auch gebe es dunkle Ecken auf ihrer Tour, „da gehen die Lampen nur an, wann sie wollen“.

Inzwischen ist kurz nach 5 Uhr und die Austrägerin ist in ihrem letzten Bezirk für diese Nacht angekommen. Hier ein paar RHEINPFALZ-Zeitungen, dorthin ein paar. „Manche warten schon auf die Zeitung, weil sie sie mit zur Arbeit nehmen wollen“, weiß Anita Sokoliss, die heute etwas später dran ist. Fünf Jahre hatte sie in Bellheim ausgetragen bevor sie nach Germersheim zog und nun seit sechs Jahren hier ihrer Arbeit nachgeht – „die ich gerne mache“, sagt sie wieder. Germersheim erwacht. Es fahren mehr Autos, Fußgänger und Radfahrer sind unterwegs. Der letzte Deckel eines Briefkastens klappert: Es ist kurz nach 5.30 Uhr und Anita Sokoliss ist für diese Nacht fertig. Jetzt warten eine Tasse Kaffee und das Frühstück – natürlich mit der RHEINPFALZ.

Manche Zeitungen müssen in den Briefkasten, nicht ins Rohr, weil sie entwendet werden.
Manche Zeitungen müssen in den Briefkasten, nicht ins Rohr, weil sie entwendet werden.
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