Minfeld
Pfälzer Hausarzt berichtet: Wie es ist, selbst ein Patient zu sein
Es begann schleichend. „Im späteren Frühjahr habe ich gemerkt, dass ich zu den Mitarbeiterinnen seltsam wurde. Meine Zündschnur wurde immer kürzer“, erinnert sich der Mediziner Peter Nienhaus. Anfang August kamen Unterbauchschmerzen dazu. Dann ging es in den Urlaub, auf die niederländische Insel Texel. „Eigentlich eine sichere Nummer zum Entspannen“, sagt der 64-Jährige mit Blick auf Erfahrung aus vorherigen Jahren. Doch die Schmerzen blieben und der Mediziner musste feststellen: „Du entspannst dich nicht.“ Der Akku wollte sich nicht mehr aufladen, die Erschöpfung wollte nicht mehr verschwinden.
Zurück in der Pfalz zitterten auf einmal seine Beine, als er vom Parkplatz zur Praxis lief. Schnell suchte Nienhaus einen Fachkollegen auf, um das vermeintlich organische Leiden abzuklären. Doch der Kollege versicherte ihm: Da ist nichts, es ist alles in Ordnung. „Irgendwann wurde mir dann klar, dass es etwas anderes sein muss.“
Mit der Endlichkeit konfrontiert
Die vergangenen Jahre waren fordernd, privat und beruflich. Im Frühjahr 2022 war Nienhaus im Urlaub auf Teneriffa wegen Herzflimmern auf der Intensivstation gelandet. Eine Erfahrung seiner Endlichkeit, wie der Hausarzt sagt. Dann kam Ende 2022 die Enkelin auf die Welt. Bei der Geburt gab es Komplikationen, das Mädchen hätte sterben können. Inzwischen gehe es der Kleinen sehr gut, sagt Nienhaus und zeigt Fotos von einer strahlenden Einjährigen. Dem Opa hilft der Kontakt zu der Kleinen. Doch ansonsten berührt ihn zu wenig. „Das zeigt, was für eine Macht solche Störungen haben. Ich habe nicht gedacht, dass es so ist“, sagt er. Die Freude ging, eine tiefe Traurigkeit kam. „Ich empfinde mich als nicht mehr schwingungsfähig“, umschreibt er. Die Diagnose lautet Erschöpfungsdepression. Nienhaus betont, dass er genau so offen darüber sprechen würde, wenn er an Krebs erkrankt wäre.
Immer wieder gibt es Panikattacken. Nienhaus beobachtet sich, stellt fest, dass er mehr trinkt als früher – der Alkohol als Angstlöser. „Wenn man das nicht beobachtet, sich nicht kümmert, dann kann man irgendwann nicht mehr“, sagt der Arzt. Gerade hört er viel zeitgenössische deutsche Musik, AnneMayKantereit, Von wegen Lisbeth, immer wieder, in Endlosschleife. In den Texten geht es um Menschen, die das Gefühl haben, die Welt auf ihren Schultern zu tragen. „Da habe ich mich gesehen“, sagt er und gesteht offen ein: „Auch suizidale Gedanken gehören dazu.“ Über diese Gedanken müsse man reden, wenn der Impuls da ist, lautet sein Appell an andere, die ebenfalls an Depressionen erkrankt sind. „Und wenn das zu stark wird – das Pfalzklinikum hat 24 Stunden, rund um die Uhr geöffnet.“ Aufklärung über das Thema ist ihm nun wichtiger denn je.
Corona hat etwas verändert
Im Beruf nahm die Belastung zu. Ein Faktor war die Corona-Pandemie, „da veränderte sich etwas“. Er hatte zunächst damit gerechnet, dass man das Virus schnell in den Griff bekommen würde. Doch dann war es umgekehrt, das Virus hatte die Welt im Griff. Der Mediziner erinnert sich an einen Bereitschaftsdienst, der ihn während dieser Zeit in ein Altenheim nach Speyer geführt hatte, in dem es viele Corona-Tote gab. „Danach bekommt man ein anders Verständnis vom Gesundheitssystem.“ Alle in seinem Praxis-Team hatten schon mindestens drei Mal Corona – und abgesehen vom Arzt selbst waren auch alle schon in Reha-Maßnahmen. Auch das gehört zu den Erfahrungen: Seine Frau habe auf die dritte Impfung mit Rheuma reagiert, sagt Nienhaus.
Doch es war nicht nur die Pandemie. Derzeit zählt seine Praxis in Minfeld etwa 1400 Patienten, im Jahr 2005 waren es noch zirka 660. „Wir sind nach den Praxisschließungen in Kandel überrannt worden“, erinnert er sich. Ein verbreitetes Problem: Im Bereich Neustadt fehlen 22 Ärzte, in Germersheim im Nordkreis 12,5 im Südkreis 4,5, berichtet Nienhaus von seinen jüngsten Gesprächen mit den Südpfalzdocs.
Bürokratie und Investitionen belasten
In seiner Praxis arbeiten drei Vollzeitkräfte und eine Teilzeitkraft, außerdem ist seit langen Jahren eine Ärztin mit 15 Stunden pro Woche im Boot. So laufe die Praxis auch während seiner krankheitsbedingten Auszeiten weiter, sagt Nienhaus. Dabei könnten seine Mitarbeiterinnen in der Industrie oder Verwaltung deutlich mehr verdienen können, als derzeit in der Praxis, gibt er zu bedenken.
Überhaupt ist Geld ein Thema: „Ich bin nicht Arzt geworden, um reich zu werden“, sagt der ehemalige Vorstand im Hausärzteverband ganz offen. „Nur weil man ein guter Arzt ist, muss man noch kein guter Kaufmann sein ...“ Nun müsse er in den kommenden Jahren noch rund 60.000 Euro nachzahlen, für Investitionen, die er getätigt hatte. „Idealerweise least man Geräte, das habe ich erst spät gelernt.“ Für einen gesetzlich versicherten Patienten bekomme er 65 bis 70 Euro im Quartal, Kosten wie Miete oder Löhne seien gestiegen, man müsse sich um eine zeitgemäße Einrichtung kümmern, dazu kommt die überbordende Bürokratie. Auch dies sind für den Mediziner Gründe dafür, warum Praxen keine Nachfolger finden.
Es belastet ihn, weniger Zeit für die Patienten, für die Gespräche zu haben. Allerdings ist er konsequent, wenn Vertreter der Pharmaindustrie in der Tür stehen. „Dafür habe er keine Zeit“, sagt er. Die Patienten kämen oft mit viel zu vielen Tabletten aus der Klinik, „ich habe keine Probleme damit, etwas zu streichen“, sagt er. „Aber da fühlt man sich wie ein einsamer Kämpfer auf weiter Flur.“ Da ist sie wieder, die Last auf den Schultern. Nienhaus hofft, dass ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer bayerischen Klinik Linderung verschafft. Danach will er wieder in seine Praxis. „Ich möchte das noch ein paar Jahre machen, ich mache das gerne. “