Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Was tun, wenn der Igel Hilfe braucht?

Stacheliges Kerlchen: Dieser Igel darf bald ins Außengehege der Pflegestation umziehen. Ihm geht es mittlerweile gut.
Stacheliges Kerlchen: Dieser Igel darf bald ins Außengehege der Pflegestation umziehen. Ihm geht es mittlerweile gut.

Ein verletzter Igel im Garten – und nun? Bärbel Bohl-Neu nimmt sich den besonders schweren Fällen an und gibt Tipps für die Erste Hilfe am Tier.

Igel-Dame Henriette ist krank. Eingekuschelt liegt sie in ihrem kleinen Häuschen, über der Kiste spendet eine Rotlichtlampe Trost und Wärme. Doch die rasselnden Atemgeräusche des etwa zweijährigen Weibchens lassen keinen Zweifel: Henriette kämpft mit einer schweren Lungenentzündung. „Sie ist noch nicht über den Berg, aber die Chancen stehen gut“, sagt Bärbel Bohl-Neu, die sich um ihre stachelige Patientin kümmert. Die Pflege ist aufwendig: Mehrmals am Tag wird mit Thymian-Tee oder Emser Salz inhaliert, dazu eine Kombination aus Medikamenten, darunter Antibiotika und eine gezielte Entwurmung. Bärbel Bohl-Neu ist bestens ausgestattet – mit einem Sauerstoffgerät, einem Infusionstropf und jeder Menge Erfahrung. Sorgfältig dokumentiert sie jede Medikamentengabe und jeden Messwert, um im Austausch mit dem Tierarzt stets den Überblick zu behalten. „Die Lungenentzündung wurde wahrscheinlich durch Parasiten wie Lungenwürmer ausgelöst“, erklärt sie.

Mit „Miss Piks“ fing alles an

Seit über 20 Jahren widmet sich Bärbel Bohl-Neu den schwierigen Fällen. Alles begann mit einem kleinen Igel, den sie selbst fand. „Das war eine Odyssee“, erinnert sie sich. Die Suche nach einem Tierarzt, der sich mit Igeln auskennt und nach zuverlässigen Informationen war mühsam. Um anderen diese Hürden zu ersparen, liegt es Bohl-Neu am Herzen, Menschen zu begleiten, die einen verletzten oder geschwächten Igel finden.

Bärbel Bohl-Neu
Bärbel Bohl-Neu

Ihr erster Schützling, Miss Piks, wurde von ihr mit der Flasche großgezogen und später erfolgreich ausgewildert. Danach folgte der nächste Igel. Und so wuchs die Pflegestation in ihrem Einfamilienhaus in Germersheim stetig. Aktuell beherbergt sie sieben Igel. In der Intensivbehandlung sind außer Henriette noch zwei Männchen: eines mit einer Bisswunde und eines mit Lähmungserscheinungen. „Sobald sie stabil sind, dürfen sie ins Außengehege und dann beginnt die langsame, behutsame Auswilderung“, erklärt Bohl-Neu.

Ein wichtiger Partner für ihre Arbeit ist die Organisation Pro Igel. „Auf der Website gibt es Medikamentenlisten, ein hilfreiches Handbuch für die Pflege und über die Auswilderung“, so die Tierschützerin. Auch für Laien, die einen hilfsbedürftigen Igel finden, bietet Pro Igel praktische Tipps an. Denn die Bedürfnisse eines dehydrierten Jungtiers unterscheiden sich grundlegend von denen eines verletzten oder parasitenbefallenen Igels.

So sollte eine Igel- Notfallkiste aussehen.
So sollte eine Igel- Notfallkiste aussehen.

Um dieses Wissen weiterzugeben, zeigt Bohl-Neu eine Notfallbox, mit der sie auch in Kindergärten Erste-Hilfe-Maßnahmen demonstriert. Ein Karton mit Zeitungsschnipseln dient als Schutzraum, eine Öffnung ermöglicht den Zugang zu Wasser. Eine zusätzliche Wärmequelle wie eine Kompresse hilft, den tierischen Patienten Stabilität zu geben. Aber Vorsicht: „Wenn ein Igel aus der Kälte ins Warme kommt, explodieren die Würmer im Körper. Das ist extrem belastend für das ohnehin geschwächte Immunsystem“, warnt Bohl-Neu. Wenn sich das Tier, in der menschlichen Hand gehalten, am Bauch handwarm anfühlt, sei es „aufgewärmt“.

Große Gefahr: Mähroboter

Für eine erste Hilfe rät sie, dem Tier etwa 250 Milliliter abgekochtes Wasser oder Fencheltee anzubieten, eventuell mit einem viertel Teelöffel Honig oder Traubenzucker. Wenn Futter angeboten wird, wirklich nur in sehr geringen Mengen. „Mehr ist kontraproduktiv“, betont Bohl-Neu. Niemals zwangsfüttern! Und der Igel sollte umgehend zu einem Tierarzt gebracht werden. „Der Vorteil eines Kartons ist auch, dass Flöhe und Ungeziefer darin bleiben und sich nicht im Auto ausbreiten“, ergänzt sie.

Zu den häufigsten Verletzungen bei Igeln gehören Verletzungen durch Mähroboter. „Bitte lassen Sie diese Geräte abends und nachts stehen, wenn die Igel unterwegs sind“, appelliert Bohl-Neu eindringlich. Besonders zwischen Juli und September, wenn die meisten Igelbabys geboren werden, ist Achtsamkeit gefragt. Immer wieder werden Jungtiere auch versehentlich eingesammelt, obwohl die Mutter in der Nähe unterwegs ist.

Info

Unter www.pro-igel.de gibt es Hilfe und Unterstützung für alle, die einen Igel finden

.

x