Kandel
Was Pflegeberufe verlangen und geben
Amend liebt seinen Beruf offenkundig. Anders lässt sich auch nicht erklären, dass er nach seinem Zivildienst vor 16 Jahren geblieben ist. „Ich wollte mich nach der Schule erst einmal ein bisschen orientieren, was ich beruflich machen möchte. Darum habe ich darum gebeten, meinen Zivildienst direkt antreten zu können und nicht erst nach Abschluss einer Ausbildung.“ Das zuständige Amt hat dem zugestimmt. So kam er in das Pflegeheim.
Nach einer Woche hätte er am liebsten alles hingeschmissen. „Das ist schon ein großes Kontrastprogramm für so junge Menschen. Man hat da ja meist auch noch gar keinen Bezug zu so etwas gehabt, das merke ich auch bei unseren Praktikanten.“ Aber er hat durchgehalten und den ihm angebotenen Ausbildungsplatz angenommen. Danach blieb er als examinierter Altenpfleger im Haus und entwickelte sich nach einigen Jahren zum Wohnbereichsleiter.
Stets weitergebildet
Das Pflegeheim hat drei Stationen mit je 34 Bewohnern. Für eine davon ist Amend zuständig und koordiniert das Personal. Er ist das Bindeglied zwischen Team und Geschäftsleitung. Da diese Aufgabe nur eine begrenzte Zeit ohne eine entsprechende Weiterbildung ausgeführt werden darf, bestand Handlungsbedarf. „Ich dachte mir, warum soll ich eine Weiterbildung für etwas machen, das ich schon tue?“ Also sagte sich Amend „wenn schon, denn schon“ und begann eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Pflegedienstleiter an der Abendschule – die Voraussetzung für die nächste Karrierestufe. 2022 übernahm er die kommissarische Leitung des Willi-Hussong-Hauses, seit 1. Juni 2023 ist er offiziell dessen Leiter.
„Gabriele Balz war wie ich seit 2007 im Haus und ich kannte während meiner ganzen Zeit dort keine andere Chefin.“ Nun müsse er, der lieber im Hintergrund agiert, sich erst mal daran gewöhnen, in erster Reihe zu stehen. „Aber zu der neuen Aufgabe gehört es eben auch, in der Öffentlichkeit zu stehen.“ Die meisten Mitarbeitenden seien schon sehr lange dabei. „Bei uns geht es sehr familiär zu, man kennt sich und alle haben das gleiche Ziel: Den Bewohnern soll es gut gehen.“ Um dies zu erreichen, seien unter anderem Flexibilität und Einsatzbereitschaft gefragt, ist der Wörther überzeugt. Und Aufrichtigkeit sowohl gegenüber dem Team als auch gegenüber Bewohnern und Angehörigen. „Man muss sich auf das verlassen können, was ich sage, sonst verliert man den Respekt der anderen.“ Trotzdem müsse er in seiner jetzigen Funktion manchmal auch Entscheidungen treffen, die nicht allen gleichermaßen gefallen. „Es ist ein Spagat zwischen Anordnungen umsetzen und dem persönlichen Bezug zu den Kollegen.“ Insbesondere jetzt, wo noch vieles neu ist, sei es nicht immer leicht, abzuschalten. Da sei ein guter Ausgleich umso wichtiger. Den findet der 33-Jährige bei seiner Familie und beim Sport. „Ich habe drei Kinder. Die Wochenenden sind meist mit deren Handballspielen verplant und auch ich selbst habe inzwischen als Ausgleich angefangen zu spielen.“
Bewohner motivieren
Seine Motivation, sich immer weiterzuentwickeln, resultierte aus dem Wunsch, mitzugestalten, „etwas bewegen zu können“. Er habe seit seiner Ausbildung noch keinen einzigen Tag gehabt, an dem er nicht gerne zur Arbeit gegangen sei. „Man bekommt so viel zurück – von den Bewohnern, aber auch von den Angehörigen. Das motiviert mich“, sagt Amend. Und: „Mir hilft es, dass ich weiß, unsere Bewohner können so versorgt werden, wie ich auch selbst in dieser Situation versorgt werden möchte.“
Das Willi-Hussong-Haus arbeite eng mit Ärzten und Palliativteams zusammen. Aber auch für die, bei denen die Gesundheit noch mehr zulässt, gebe es feste Kooperationen. So etwa mit den örtlichen Kindergärten, die regelmäßig zu Besuch kommen. Außerdem gebe es einen Besuchshund. Und an Fasching unterhielten die Fasnachter der Bikage die Bewohner. Mehr geht immer. Perfekt wären ein Physiotherapeut, ein Ergotherapeut, ein Friseur direkt im Haus „und eine Tagesmutter, bei der unsere Mitarbeiterinnen ihre Kinder lassen können, während sie arbeiten. Das wäre auch für die Bewohner schön“, äußert Amend Wünsche, von denen er annimmt, dass sie das erst mal bleiben werden.
Individuelle Arbeitszeitmodelle
Dennoch habe sich schon viel getan: Individuelle Arbeitszeitmodelle, etwa für Alleinerziehende, nennt er als Beispiel. Außerdem hätten die Teams recht viele Möglichkeiten, sich bei besonderen Anlässen selbst zu organisieren.
Verbesserungsbedarf
Schwierigkeiten, an neues Personal zu kommen und den Nachwuchs sicherzustellen, habe auch „seine“ Einrichtung. – Das Willi-Hussong-Haus in Kandel ist eine Einrichtung der Diakonissen Speyer und bietet 100 vollstationäre Pflegeplätze, 26 seniorengerechte Wohnungen sowie einen Kurzzeitpflegeplatz. – Verbesserungsbedarf sieht Kevin Amend zum Beispiel bei dem hohen Aufwand für Dokumentation und Administration, der auf den Pflegekräften lastet. Dennoch zeigt er sich überzeugt, dass Pflegeberufe und die Bezahlung deutlich besser sind als ihr Ruf. Pflege sei etwas für Menschen, die bereit sind, auch dann zu arbeiten, wenn andere frei haben. Es sei ein Job, den man wollen müsse, der einem dann aber auch sehr viel gebe. „Pflege ist so viel mehr als das vielzitierte Menschen, Pardon, den Hintern abzuwischen, und entwickeln kann man sich in jedem Beruf, wenn man bereit ist, sich einzubringen und zu engagieren.“