Kreis Germersheim Wahlkampfauftakt mit schrillen Tönen und schrägen Zahlen

Draußen Demonstranten und viel Polizei ...
Draußen Demonstranten und viel Polizei ...

In einem hatte der südpfälzische AfD-Bundestagskandidat Heiko Wildberg (Kandel) sicher recht: Die etablierten Parteien wären froh über so einen Zustrom an Besuchern einer Wahlkampfveranstaltung, wie ihn die AfD am Freitagabend im Ziegeleimuseum erlebte. Ob sie auch froh über einige Dutzend Gegendemonstranten – Jusos, SPD, Antifa, Menschenrechtsgruppen – wären, wie sie bei der AfD auftauchten, steht auf einem anderen Blatt. AfD-Landesvorsitzender Uwe Junge machte es sich jedenfalls einfach, bezeichnete die jungen Leute, die draußen gegen die AfD und Rechts demonstrierten, einfach als „blöd“.

Vorwiegend ältere Semester waren es, die den Veranstaltungssaal füllten, knapp 400 schätzungsweise. Mehr als die Hälfte davon hob die Hand, als AfD-Landtagsabgeordneter und Moderator Jan Bollinger fragte, wer denn nicht Mitglied der AfD sei. Wenn so viele aus reinem Interesse kämen, sei das Motivation für die AfD-Politiker, so der Moderator. Diejenigen, die die Mahnwachen halten, seien die, die an Nazi-Zeiten erinnern, nicht die AfD, sagte Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter Matthias Joa (Lustadt) zum Auftakt der Veranstaltung. Sie wollten der AfD die Meinungsfreiheit beschneiden, sie seien die geistigen Brandstifter. Die AfD sei eine Partei der Themenvielfalt, sagte Wildberg. In Jockgrim drehten sich allerdings alle Reden nahezu ausschließlich um Muslime und warum man sie in Deutschland nicht wolle. Um Asylbewerber, die sich nur die Leistungen des Sozialstaates erschleichen wollen. Um innere Sicherheit, die durch eine große, von der Politik und der Polizei vertuschte Kriminalität der Flüchtlinge vor allem aus muslimischen Ländern gefährdet sei. AfD-typisch durchaus die Schelte auf die „mediale Landschaft“, die keinen seriösen Journalismus betreibe; andererseits holt sich die stellvertretende Bundesvorsitzende Beatrix von Storch als Hauptrednerin die Argumente für ihr Ziel, die deutschen Grenzen dicht zu machen, aus Zeitungen, die von 6,6 Millionen in Afrika wartenden Flüchtlingen berichten. Wie man sich die Welt passend machen kann, belegte Storch auch mit dem Hinweis, „60 Prozent der Türken in Deutschland wählten Erdogan“. Dass es 60 Prozent der Türken waren, die gewählt haben, was bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent eine eher geringe Zahl ist, bleibt unerwähnt. In Zahlen: 2,9 Millionen Türken leben in Deutschland. 1,4 Millionen davon waren beim Erdogan Referendum im April wahlberechtigt. Davon sind 46 Prozent (644.000) wählen gegangen. Und von diesen Wählern haben die genannten 60 Prozent, genau 63,1 Prozent (406.000), für Erdogan gestimmt. „60 Prozent der Türken in Deutschland“, wie von Storch vorgegaukelt, wären dagegen 1,74 Millionen Menschen. Dass diese 406.000 gerne in Erdogans Reich umziehen könnten, wie von Storch angeboten, mag dagegen nachvollziehbar sein. Ziemlich passend hatte zuvor Junge das Publikum aufgefordert, nicht einfach den Slogans der Parteien und ihrer Politiker zu glauben. „Die Propaganda der anderen wirkt“, sagte Junge. „Die Menschen sind nicht bereit, sich mit Politik auseinanderzusetzen.“ Genau das aber sollte geschehen. Die Leute sollten sich Grundsatz- und Wahlprogramm der AfD anschauen. Und auch die Programme der anderen Parteien, um sich ein wirklich gutes Bild machen zu können. Letzteres sagte Junge allerdings nicht.

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