GERMERSHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Verlassene Heimat und Vertreibung als Motive

Kunst bewegt Grenzen, (v.l.): Banafshe Haidary, Amirreza Shadab, Mohamed Ferraouni, Hedayatollah Alizahi.
Kunst bewegt Grenzen, (v.l.): Banafshe Haidary, Amirreza Shadab, Mohamed Ferraouni, Hedayatollah Alizahi.

Viele Jahre nach einer Flucht spielen die Ereignisse noch immer eine Rolle bei den Menschen, die das erlebt haben. Bei der Interkulturellen Woche im Kreis wurde mit dem Projekt „Kunst bewegt Grenzen“ Raum für Erlebnisse und den damit verbundenen Gefühlen geschaffen. Die Ergebnisse werden zu sehen sein.

Unschlüssig stehen die Teilnehmer, Flüchtlinge und Migranten des Kunst-Workshops um die große weiße Fläche; wer traut sich zuerst zu zum kreativen Schaffen mit Pinsel und Farbe? Friedrich Riedelsberger, Bildhauer und Leiter des Workshops weiß, dass dieses Kunstprojekt über Länder- und Sprachgrenzen hinweg etwas Zeit braucht. „Schöpferisches Tun beginnt mit Sehen, Beobachten, Verstehen. Austausch von Ideen und kann neue Beziehungen schaffen.“

Optimistisches Blau in der Bildsprache

„Ich habe hier einen Freund gefunden“, schwärmt bereits Mohamed Ferraouni, der bereits vor 18 Jahren aus Algerien kam und in Kandel längst „angekommen“ ist. Er arbeitet unter anderem als Integrationshelfer und Übersetzer. Und wenn Worte nicht reichen, setzt er für bedeutende Momente im Leben seine Bildsprache, mit Zeichnungen, mit einem Hauch Kohle und optimistischem Blau ein. Blau sind auch seine Spiralen und kalligrafischen Elementen, die danach Hedayatollah Alizahi ans Werk rufen. Seine eigenen Bilder schraffiert er gerne mit Bleistift, oft entstehen nachdenkliche Motive wie zwei Bilder im Wald. Einerseits sieht man hübsche Schutz bietende Häuser im Wald, diese korrespondieren mit Menschen, die schutzsuchend unter Planen und Bäumen kauern; „Bittere Erinnerung“ nennt er es.

Tatsächlich spielen in vielen Motiven neben Städten und Landschaften der verlassenen Heimat auch Vertreibung und Flucht oft viele Jahre später noch eine Rolle, weiß Marita Schunder von Profes GmbH. Sie ist zusammen mit Dr. Irene Lamberz, Vorsitzende des Beirats für Migration und Integration der Stadt Kandel (BMI) Initiatorin dieser Aktion „Kunst bewegt Grenzen“ im Rahmen der „Interkulturellen Woche“ in Germersheim. Marita Schunder trifft beim Sprachunterricht oft Zuwanderer mit künstlerischen Fähigkeiten, deren Bilder mehr erzählen können, als es Sprache ermöglicht.

Mit Kunst Gefühle ohne Worte ausdrücken

So hat sie auch Amirreza Shadab zum Mitmachen motiviert. „Mit Kunst kann ich meine Fantasie, Gefühle und Worte ausdrücken“, auch und gerade, weil die Deutsch-Kenntnisse noch nicht ausreichen. In seinem Plakatdesign beklagt er Folter und Mord des diktatorischen iranischen Regimes. Noch hat es mit einer Arbeitsaufnahme in Deutschland nicht geklappt. Gerne würde er wieder fotografisch arbeiten, da er im Iran Grafikdesign studierte und früher Fotocollagen für T-Shirts gefertigt hatte.

Auch die beiden jüngsten Teilnehmer aus Afghanistan, Mohammad Reza Mohammadi (31 Jahre) und Banafshe Haidary (16 Jahre) möchten gerne professionelle Künstler werden. Mohammad studierte Bildhauerei, und „mangels Material“ biegt er inzwischen aus Aluminiumdraht anrührende „Lebensschicksale zurecht“. Banafshe besucht noch die Realschule und fällt durch eindrucksvolle Portraits auf. Trotz schlimmer Erfahrungen lacht die Jugendliche gerne und erwähnt Karate als ihr Hobby, um als Erinnerung an ihre alte Heimat zu ergänzen „Mit Karate kann ich mich gegen Männer wehren“.

Bilder bei Wanderausstellung zeigen

Wie man mit seinen Talenten beruflich in Deutschland Fuß fassen kann, beinhaltete eine Beratung für die Geflüchteten und Migranten bei ProSocialBusiness. „Allerdings wurden die Teilnehmer auch ’geerdet’, dass dies trotz Talenten kein einfacher Weg sein wird“, informierte Irene Lamberz. Und Marita Schunder ergänzt, dass das gemeinsame Projekt von BMI und Profes den zuwandernden Menschen Gelegenheit geben will, nicht nur als „Bittsteller“ wahrgenommen zu werden, sondern auch weitere Facetten ihrer Persönlichkeit zeige. Das vermittle Wertschätzung, deshalb werden jetzt eigene Bilder der Migranten und das Gemeinschaftswerk in einer Wanderausstellung im Landkreis zu sehen sein. Gerade auch weil in der öffentlichen Diskussion Zuwanderung meist mit Problemen und Vorurteilen behaftet sei, zeige die Ausstellung viele weitere Aspekte, die zu freundlichen Begegnungen und zu gegenseitigem Austausch beitragen werden. „Wie auch das Gemeinschaftswerk am Ende des Tages ein harmonisches, kooperatives und optimistisches Zusammenwirken war“, bilanziert Friedrich Riedelsberger.

Noch wird gemeinsam gearbeitet.
Noch wird gemeinsam gearbeitet.
Das Ergebnis ist bunt und voller Hoffnung.
Das Ergebnis ist bunt und voller Hoffnung.
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