Kreis Germersheim
Verhaltener Nachhilfebedarf trotz Lernrückständen
„Der Nachhilfe-Bedarf bei den Schülerinnen und Schülern ist sehr groß geworden“, sagt Roswita Kranzmann, die interimsweise den Studienkreis in Germersheim leitet. In der Nachhilfe setzt der Studienkreis verstärkt auf digitale Angebote. Dies unterscheide sich aber deutlich von den Online-Angeboten im Schulunterricht, sagt Kranzmann. „Das sind keine Videokonferenzen wie in der Schule, wir haben dort nur ein bis zwei Schüler, die wir auch online individuell betreuen können.“ Zudem stünden Lernvideos, Übungen und Chaträume zur Wiederholung in den Fremdsprachen oder bei den Hausaufgaben bereit.
Trotzdem bedauert sie, dass in Germersheim derzeit keine Präsenz-Nachhilfe möglich sei. „Durch den digitalen Fernunterricht sind die Schüler nicht mehr so motiviert, online zu lernen. Sie wollen lieber in Präsenz lernen.“ Je jünger die Schüler seien, umso schwieriger sei auch die Online-Nachhilfe.
Kein Verbot für Einzelunterricht
Beim Abacus-Nachhilfeinstitut in Wörth setze man daher vor allem weiter auf Einzelunterricht bei den Schülern zuhause, sagt Olaf Janich. „Online-Formate ersetzen keine Präsenzangebote“, ist er sich sicher. Ihr Angebot konnten sie während der Pandemie stets aufrechterhalten. „Es gab nie ein Verbot von Einzelunterricht, wir haben das durchgehend gemacht.“ Auch Janich sieht bestimmte Schülergruppen stärker vom Fernunterricht beeinträchtigt. „Schwächere Schüler leiden unter der Situation besonders. Für leistungsstärkere Schüler ist der Online-Unterricht leichter zu bewältigen.“ Die Einschränkungen und Formate des aktuellen Schulunterrichts hinterließen aber bei allen Spuren. „Jeder weiß, dass Defizite da sind“, sagt der Institutsleiter.
Auch das rheinland-pfälzische Bildungsministerium sieht das Problem: „Das Schuljahr 2020/2021 war noch schwieriger als das Schuljahr davor.“ Im Ministerium gehe man davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Schüler mit deutlichen Lernrückständen aus dem Schuljahr kämen. Nach einer bundesweiten Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung unter Lehrkräften hätten gar zwei Drittel der Schüler „messbare Lernrückstände“.
Lernrückstände können aufgeholt werden
„Es lassen sich alle Defizite immer aufarbeiten. Das ist nur eine Frage des Willens des Schülers und der finanziellen Möglichkeiten der Familien“, sagt Janich. Gemeinsam mit anderen Nachhilfeeinrichtungen wirbt er in Bezug auf seine Einrichtung für öffentlich finanzierte Gutscheine, die in der Krise auch sozial schwächeren Familien zu Gute kommen sollten. Die Landesregierung will dem mit dem Ausbau der Notbetreuung, Kooperationsparten wie den Volkshochschulen oder Sommer- und Ferienschulen entgegenwirken.
„Die Nachfrage der Eltern ist noch relativ verhalten“, konstatiert Janich das aktuelle Bedürfnis nach Nachhilfeangeboten. Dies bestätigt auch Kranzmann. „Wir müssen schon häufiger mal zwei bis drei Monate warten, bis die Eltern zusagen. Das ging früher schneller“, sagt sie und macht dafür auch die eingeschränkte Präsenzmöglichkeit verantwortlich. „Aufgrund der Infektionslage sind die Eltern zögerlicher und das Vertrauen in uns als Einrichtung lässt sich über den persönlichen Eindruck viel besser aufbauen.“ Kündigungen habe es in der Corona-Zeit nicht gegeben, aber es seien „weniger neue Schüler als sonst zu dieser Jahreszeit“.
Schülern fehlt etwas Leidensdruck
Es fehlten die Schüler, die kurzfristig ihre Noten verbessern wollten. Weil in der Schule „so wenig läuft, fehlt der Leidensdruck“, schätzt auch Janich. „Selbst wenn der Handlungsbedarf schon lange da ist, melden sich die Mehrzahl der Familien erst, wenn die Noten schlecht sind.“ Wenn aber im kommenden Schuljahr zum regulären Schulbetrieb zurückgekehrt werde, „werden sich die Lücken zeigen, dann erwarte ich viele Anfragen“, sagt er.
Die Regelungen für die Versetzung würden in diesem Schuljahr aber nicht wie noch im letzten Schuljahr gelockert, sagt die Landesregierung. Einigen Schülern könnte demnach das Sitzenbleiben drohen. Erweitert würde auch die Möglichkeit des freiwilligen Wiederholens der Klassenstufe. Ein solches zusätzliches Schuljahr würde aufgrund der aktuellen Situation nicht auf die maximale Verweildauer an der Schule angerechnet, teilte das Bildungsministerium auf Anfrage mit.
Der Studienkreis Germersheim bietet Schülern ab der fünften Klasse aktuell kostenlose Online-Crashkurse an. In den 90-minütigen Kursen in Deutsch, Englisch oder Mathematik sollen die „wichtigsten Themen des Schuljahrs“ geübt und wiederholt werden. Über den Chat könnten Schüler auch individuelle Fragen stellen. „Ging es vor der Pandemie vor allem darum, bekannten Schulstoff zu üben und zu vertiefen, so erlernen die Kinder und Jugendlichen in der Nachhilfe jetzt immer mehr neue Inhalte, die sie im Präsenzunterricht an ihrer Schule nie vermittelt bekommen haben“, begründet der Studienkreis das neue Angebot.