GERMERSHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine-Krieg: Frauen berichten vom Überleben nach der Flucht

Etwas Ablenkung bei Kaffee und Kuchen: Olga Lenk (dritte von links) lädt sonntags geflüchtete Frauen in ihre Tanzschule ein.
Etwas Ablenkung bei Kaffee und Kuchen: Olga Lenk (dritte von links) lädt sonntags geflüchtete Frauen in ihre Tanzschule ein.

Eine Kranführerin, eine Restaurantmanagerin, eine Dekorateurin: Diese ukrainischen Frauen sind in die Südpfalz geflohen. Eine private Initiative versucht sie aufzufangen. Im Gespräch wird deutlich, was sie wirklich zum im Leben nach dem Krieg brauchen.

Als eine Rakete das Nachbargebäude des Wohnhauses von Yuliia Suhak trifft, ist für die 44-jährige Restaurantmanagerin klar: „Das war’s“. Sie und ihre Tochter müssen aus Kiew fliehen. Am 23. März kommen beide Frauen in Germersheim an. Ohne Kontakte in Deutschland hatte ihr eine Facebookgruppe für Eiskunstlauf weitergeholfen. Auf ihren dort geposteten Hilferuf meldet sich eine Frau aus Germersheim, bei der sie unterkommen kann.

Ein ähnliches Schicksal teilt Suhak mit sechs anderen geflüchteten Ukrainerinnen, die an diesem Sonntag bei Olga Lenk in der Tanzschule Yaroslava in Germersheim an einem Tisch sitzen. Der Tanzsaal von Olga Lenk ist zu normalen Zeiten voller aufgeweckter Kinder unterschiedlichster Herkunft, die bei ihr zusammen das Tanzen proben. Seit einiger Zeit ist der Saal mit dem großen Spiegel noch viel mehr: ein Begegnungszentrum, ein Sprachzentrum und ein Ort, an dem sich aus der Ukraine geflüchtete Frauen unterstützen und auffangen können. Begonnen hat das Café der Fragen ganz schleichend. „Eine Bekannte aus dem Freundeskreis Asyl hat eine Beratungsstelle. Von dort hat sie eine ukrainische Frau zu mir geschickt“, erzählt sie.

Ein Ort für offene Fragen

Lenk ist gut in Germersheim vernetzt, sie spricht ukrainisch, ohne es je gelernt zu haben und russisch. Die Besitzerin der Tanzsportschule Yaroslava stammt ursprünglich aus Karelien, hat aber viele Jahre in der Ukraine gelebt. Seit 2006 lebt sie in Germersheim und seit 14 Jahren betreibt sie die Tanzschule. Wie bei vielen, die Beziehungen in beide Länder, Russland und der Ukraine haben, ist ihr Herz seit Kriegsbeginn zerrissen. Darum ist es ihr ein Anliegen zu helfen, auch, weil sie beide Sprachen spricht. Das Treffen heute ist das dritte, seit Lenk beschlossen hat, geflüchteten Frauen einen Ort zu geben, an dem sie ihre Fragen offen stellen können. Denn es fehle ihrer Meinung insbesondere an Schritt-für-Schritt-Informationen, die den Geflüchteten bei Ihrer Ankunft direkt weiterhelfen könnten. Gerade im Hinblick auf die ganzen Anträge für Kindergärten, Schulen und das Jobcenter, fehlten konkrete Hilfen, jenseits von Google und Sprachbarrieren.

Und an Fragen mangelt es den Frauen nicht. Suhaks Tochter zum Beispiel ist in Kiew noch an der Uni eingeschrieben und studiert online. „Muss sie sich trotzdem beim Jobcenter melden?“, fragt sie sich. Oder auch: „Welche Unterlagen werden von der Uni als Bestätigung benötigt?“ Weitere Fragen der Geflüchteten drehen sich um das alltägliche Leben in Rheinland-Pfalz. Was kostet sie ein Schwimmbad oder Museumsbesuch? Wo erhalten sie ein HelpUkraine-Ticket, für den Besuch Angehöriger? Die Liste gehe immer so weiter.

Eine speziell für solche Belange ukrainischer Frauen eingerichtete Stelle gebe es bis jetzt nicht, berichtet Lenk. Aber es gibt sonntags das Café in der Tanzschule. Heute ist Ziya Yüksel vom Beirat für Integration und Migration zugegen. Ebenso am Tisch sitzen Thorsten Böttcher, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands, und DRK-Frau Gülcan Donganay, die Lenk beim Spendenlauf für ukrainische Geflüchtete am Vortag kennengelernt haben. „Wir möchten uns gerne anhören, wie wir hier helfen können“, sagt Böttcher.

Wer betreut die Kinder?

Schnell wird klar, einige Dinge sind kompliziert wie die Betreuung der Kinder, während die Mütter einen Sprachkurs besuchen. Bei manchen Frauen fehle es an einem Kindergartenplatz, um einen Sprachkurs besuchen zu können. Dem entgegen stehen die allgemein sehr langen Wartelisten für Kindergartenplätze in den Gemeinden. Die Kinder ukrainischer Frauen vorzuziehen sei mit Hinblick auf entstehenden Unmut ein heikles Thema, heißt es. Jede der sieben Frauen kam über Kontakte nach Deutschland und alle waren zunächst bei Freunden oder entfernten Bekannten untergekommen. Die jeweiligen Lebenssituationen sind in einigen Fällen schwierig und bringen Konflikte mit sich, die nur ein Umzug in eigene Räumlichkeiten lösen könnte.

„Die Frauen brauchen Ruhe“, sagt Lenk. Aber: Wohnraum ist im Kreis Germersheim für geflüchtete schwer zu finden. Das sorgt zum Beispiel für die 34-jährige Hanna Kolodiazhna aus Charkiw für ein immenses Logistikproblem. Die Mutter zweier Kinder von drei und vier Jahren kam zunächst in Sondernheim unter. Als das nicht mehr ging, musste sie nach Freimersheim umziehen. Dort sei der Anschluss an den öffentlichen Verkehr sehr schlecht, der nächste Lebensmittelladen vier Kilometer entfernt. Die junge Mutter könne kaum Besorgungen erledigen und suche dringend eine Wohnung in Germersheim. Sie habe in der Ukraine in der Touristikbranche gearbeitet. Die Arbeit fehle ihr nun. Aus diesem Grund treibe sie viel Sport. „Das hilft so manches zu überleben“, übersetzt Olga Lenk die junge Mutter.

Maryna Bereza aus Dnipropetrovsk Gebit ist mit ihrer 12-jährigen Tochter geflohen. Wie und wann sie ihren Mann wiedersieht, kann ihr niemand sagen, denn der gebürtige Marokkaner musste die Ukraine sieben Tage vor Kriegsbeginn verlassen und lebt momentan in Marokko. Da er kein Ukrainer ist, ist eine Familienzusammenführung in Deutschland unklar. Tetiana Hulaienko ist mit ihrem ebenfalls 12-jährigen Sohn Anfang März aus Dnipropetrovsk Gebit nach Germersheim gekommen. Auf die Frage nach ihrem Beruf zieht sie ihr Handy aus der Tasche und zeigt ein Video, auf dem eine lavaartige Flüssigkeit aus einiger Höhe in einen großen Behälter fließt. „Ich bin seit 18 Jahren Kranführerin“, sagt sie auf ukrainisch und wirkt dabei für einen Moment fast wie gelöst.

Nicht alleine schlechte Nachrichten hören

Denn, auch wenn man es den Frauen nicht sofort ansieht, sagen sie selbst, dass sie dringend therapeutische Hilfe bräuchten. Die Ereignisse in der Heimat und das Erlebte verfolge sie. Wie ihnen geht es vielen, besonders den jungen Geflüchteten, die glaubten, sie könnten nach einem Monat zurückkehren. „Wenn sie kapieren, dass sie so schnell nicht zurück können, dann werden sie depressiv“, berichtet Lenk. Wenn das Zuhause zerstört wurde, sei das psychisch besonders belastend. Wenn dann noch ein Verwandter anrufe und von einem Bombenangriff erzähle, sei es gut, wenn keine der Frauen alleine in der noch fremden Wohnung sitze. Umso wichtiger sei es, dass die Frauen eine Beschäftigung haben.

Das von Lenk ins Leben gerufene Café findet jeden Sonntag um 13 Uhr statt. Sie stellt die Räumlichkeiten, dazu Kaffee, Tee und Gebäck. Noch gibt es keine finanzielle Unterstützung oder Spenden. Unter der Woche zeigt Lenk die Grundlagen der deutschen Sprache. Einfache Sätze wie „Ich habe Schmerzen“ oder „Wo finde ich...“, sollen den Ukrainerinnen die Furcht vor den noch fremden Worten nehmen und den Alltag etwas erleichtern. Die Frauen wollen die Sprache schnell lernen und arbeiten gehen. Jede der sieben Geflüchteten hat konkrete Ziele für die Zukunft. So möchte Nataliia Zaharova ihre Arbeit für das Rote Kreuz wieder aufnehmen, für das sie bereits in der Ukraine tätig war. Olga Komar wünscht sich, Arbeit als Dekorateurin zu finden und Olena Helman wieder als Erzieherin arbeiten.

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