Germersheim
Krieg zerreißt – auch innerlich
„Ich fühle mich karelisch“, sagt Olga Lenk. Seit Russlands Einmarsch in der Ukraine geht es ihr nicht gut. Die seit 2006 in Germersheim lebende Inhaberin der Tanzsportschule Yaroslava hat einen russischen Pass und fühlt sich innerlich zerrissen. Zerrissen wie das 1944 zwischen Russland und Finnland aufgeteilte Land aus dem ihr Vater, ein Karele stammt. Ihre Mutter ist Russin. In Karelien ist Lenk aufgewachsen, hier lebt ihre beste Freundin aus Kindertagen, mit der sie noch in Kontakt steht. Vor acht Jahren, als der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine seinen Anfang nahm, begannen auch die Probleme in dem Grenzgebiet, erzählt Lenk. Trotz jahrelanger teils enger Beziehungen der Menschen diesseits und jenseits der Grenze kam es plötzlich zu Spannungen.
Spannungen gibt es auch innerhalb der Familie, die größtenteils in Russland und in der Ukraine lebt. Es ist eine Militärfamilie, erzählt Lenk. Nicht nur ihr Vater und Ex-Schwiegervater, beide längst verstorben, sondern auch ihr Ex-Mann, ihr Bruder und ihr Patenkind waren teilweise sogar Berufssoldaten, teils in der ukrainischen, teils in der ehemaligen Sowjetarmee. Alle sind im Alter zwischen 18 und 60; folglich könnten sie einberufen werden und gezwungen sein, aufeinander zu schießen oder auch auf Freunde, Bekannte und Verwandte, die in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und Umgebung leben.
Angehörige wohnen an Kasernen
„Ich möchte, dass das stoppt. Ich möchte, dass meine Familie bei mir ist.“ Was Lenk nicht sagt, ihr aber anzumerken ist: Sie hat Angst, auch um ihre Freunde und Bekannten im Kriegsgebiet. Zuletzt war sie dort 2019 zu Besuch, vor Corona. Lenk möchte, dass der Krieg aufhört. Wobei sie selbst dieses Wort vermeidet, das Russlands Präsident Wladimir Putin hat auf den Index setzen lassen. Sie umschreibt: „In der extrem angespannten Lage geht die Wahrheit verloren, bleibt die Empathie auf der Strecke.“ Was die Angst der 58-Jährigen noch vergrößert: Mehrere Familienangehörige wohnen in Häusern, die unmittelbar an Militärgelände angrenzen und deshalb besonders gefährdet sind, unter Beschuss zu geraten.
Die ihr nahe stehenden Menschen sind über Russland und die Ukraine verteilt. Denn wie bei Soldaten üblich, wurden Lenks Vater und ihr Ex-Mann, ein Ukrainer, oft versetzt. Sie wechselten deshalb wiederholt die Wohnorte, lebten mal in der Ukraine mal in Russland. Dort, genauer in St. Petersburg, lebt nun ihr Ex-Mann und Lenk zuvor auch. Nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Abstammung der einzelnen Familienmitglieder vermied es Lenk nach eigenen Angaben, bei ihren regelmäßigen Besuchen dort über Politik zu reden. „Politik interessiert mich auch nicht sonderlich. Aber man macht sich so seine Gedanken.“ Bedauerlicherweise hatten Diskussionen über Politik in manchen Teilen der Familie zu teils heftigen Streitereien geführt. In Familien von Freunden und Bekannten gingen sich einige in der Folge sogar aus dem Weg. Als Streit unter Brüdern sieht Lenk letztlich auch die militärische Auseinandersetzung in der Ukraine.
Soziale Medien sind Katastrophe
Mit zunehmenden Abstand zur Familie hat Lenk, obwohl sie jedes Jahr länger zu Besuch dort war, inzwischen das Gefühl, nirgendwo mehr richtig dazuzugehören. Sie ist an verschiedenen Orten zu Hause, schreibt und spricht die jeweilige Sprache. Karelisch will sie noch lernen. Mittlerweile träumt sie sogar auf Deutsch, erzählt sie.
Mit der Familie und Freunden, Russen, Ukrainer, die teilweise in ihrem Heimatland leben, teils in Deutschland, steht sie über soziale Medien in Kontakt. Angst und Verzweiflung sind insbesondere bei den Ukrainern groß, weiß Lenk. Manchmal bis zum frühen Morgen erhält sie seit Kriegsbeginn vor über zwei Wochen ständig neue Nachrichten. An Schlaf ist oft kaum zu denken. Morgens quellen die virtuellen Briefkästen über mit ängstlichen und verzweifelten Nachrichten von Landsleuten. Insofern schätzt Lenk die sozialen Medien als gute Informationskanäle. Wenngleich man ihres Erachtens aufpassen muss, welche Informationen nachprüfbar richtig sind oder eben nur vom Hören-Sagen. Andererseits würden hier aber auch viele Menschen ihren Hass verbreiten. „Soziale Medien sind eine Katastrophe.“
Tanzen auf internationalem Parkett erlaubt
Als falsch bezeichnet es Lenk, dass die Sportler von Russland und Belarus von den Paralympics ausgeschlossen wurden. Vier Jahre hätten sich die Sportler darauf vorbereitet und nun dürften sie mit den Athleten der anderen Länder nicht ihre Kräfte messen. Die Tanztrainerin, die in Russland Sport mit dem Schwerpunkt Biathlon und Langlauf studiert hat und Mitglied der ukrainischen Nationalmannschaft war, kann mitfühlen. Zudem führt sie regelmäßig junge Tänzerinnen und Tänzer erfolgreich zu nationalen und internationalen Meisterschaften. Die Teilnahme an Letzteren wurde ihr vor wenigen Tagen von dem internationalen Tanzsportverband, dem sie angehört, zunächst untersagt. Weil sie einen russischen Pass hat. Dabei war sie in den letzten Jahren bei diesen Turnieren für Deutschland am Start, erzählt Lenk und hadert mit ihrem Schicksal. Protest von zahlreichen Seiten veranlassten den Verband aber dazu, in Deutschland lebende Russen antreten zu lassen.
Der Ausschluss von der Teilnahme hätte auch für ihre beiden Töchter gegolten, ebenfalls mit russischem Pass. Die Jüngere ist eine tanzende Profischauspielerin, die ihre Ausbildung, ihr Studium in Mannheim und St. Petersburg absolviert und bereits als Kind einen Weltmeistertitel errungen hat; vor wenigen Jahren wurde sie deutsche Vizemeisterin. Ihre ältere Schwester leidet unter einer Beeinträchtigung, tanzt aber auch gern und war zweimal Europameisterin. Beide leiden nach Aussage Lenks sehr unter der aktuellen Lage, zumal sie während Corona nicht auftreten konnten.
Skifahren gegen die Verzweiflung
Um diese Situation zu verarbeiten, beschreiten die drei Frauen unterschiedliche künstlerische Wege, sagt Lenk. Sie selbst hat mit einer Klavier-App begonnen, eine Melodie zu komponieren – disharmonisch. Ihre ältere Tochter malt, musiziert ebenfalls und schreibt Gedichte. Lenks jüngere Tochter hat mit Lesen und dem Anschauen von Komödien versucht, sich abzulenken. „Das klappt aber nicht richtig, weil das Handy daneben liegt“, erzählt Yaroslava und verweist auf die ständig ankommenden schlechten Nachrichten. Richtig abgelenkt von alldem hat sie nur das Skifahren im Urlaub. „Weil man sich konzentrieren musste, um nicht zu stürzen.“
Nun bereitet sich Lenk, die auch stellvertretende Vorsitzende der Migrationsbeiräte von Stadt und Kreis Germersheim ist, darauf vor, dass ukrainische Flüchtlinge hierher kommen. Denen möchten sie und ihre Beiratskollegen helfen. „Integration ist die einzige Möglichkeit, in Frieden miteinander zu leben.“