RÜLZHEIM
Traditionsbäckerei Harder schließt am Samstag
Da Sohn Henry lieber Landschaftsgärtner lernte und im Spätjahr ein Landschaftsarchitekturstudium beginnen will, entschlossen sich Edi und Ingrid Harder, ihr Geschäft, das von fünf Generationen betrieben wurde, zu schließen.
Der Stammbaum der Familie Harder geht bis ins 16. Jahrhundert zurück, denn es existiert ein Familienwappen aus dem Jahr 1560. Auf der Urkunde steht, dass die Familie ursprünglich aus Mainz stammt und ein „altes gutes Patriziergeschlecht“ gewesen war. Das Original befindet sich heute in der Pinakothek in München. Wann die Vorfahren nach Rülzheim gekommen sind, ist nicht bekannt. Dort betrieben sie zuerst da, wo heute die Gaststätte „Eulenburg“ steht, eine Kürschnerei. Als die Geschäfte nicht mehr so gut liefen, weil sich große Teile der Bevölkerung Lederwaren nicht leisten konnten, verlegten sich die Harders auf ein Produkt, das alle Menschen brauchen: Mehl.
Also zogen sie nach Bellheim und übernahmen dort die Obermühle. Im Mai 1877 zog dann einer der Söhne, Andreas Harder, nach Rülzheim, kaufte in der Mittleren Ortsstraße 99 ein Haus und richtete dort eine Bäckerei ein. Sie war der Grundstein zur späteren Bäckerei Brandl, die im Jahr 2016 ihren Betrieb einstellte. Andreas Harder hatte zehn Kinder, sieben Jungen und drei Mädchen. Der älteste Sohn Josef lernte Bäcker und machte sich dann auf Wanderschaft. Da er aber lange Zeit nicht zurückkehrte, übernahm sein jüngster Bruder Jakob das Geschäft.
Bäcker, Bürgermeister und Ehrenbürger
Dieser Jakob Harder war von 1927 bis 1929 und von 1946 bis 1948 Rülzheimer Bürgermeister und wurde später zum Ehrenbürger ernannt. Als Josef von seiner Wanderschaft nach Hause kam, war die elterliche Bäckerei also bereits vergeben. Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte er in der Mittleren Ortsstraße 41, also im Unterdorf, ein landwirtschaftliches Anwesen und eröffnete dort seine Bäckerei, der Grundstein für die heutige Bäckerei Harder. Sein Sohn Eduard übernahm später die elterliche Bäckerei ebenso wie auch dessen Sohn Josef, Edis Vater.
Eduard betrieb anfangs nebenbei noch eine kleine Landwirtschaft und baute als einer der ersten Rülzheimer Spargel an. Da die klassische Bäckerei alleine nicht existenzfähig war, entstand der Gedanke, noch ein Café zu eröffnen. Sohn Josef wollte eigentlich Lehrer werden, musste sich aber dem Wunsch des Vaters beugen und das Bäckerhandwerk erlernen. Im Jahre 1948 heiratete er Katharina, die sich besonders im Café engagierte, das damals „so richtig brummte“, wie Edi Harder erzählt. Die Speisekarte konnte sich mit jeder anderen Gastwirtschaft messen, weshalb Harder zunächst auf Betreiben der anderen Rülzheimer Gastwirte die Konzession für den Ausschank alkoholischer Getränke verwehrt wurde. In den Jahren 1950 und 1955 kamen Tochter Helga und Sohn Edi zur Welt.
In die Backstube der Liebe wegen
Da Josef eigentlich nie hatte Bäcker werden wollen, riet er seinem Sohn „lern blouß känn Bäcker“. Doch Edi absolvierte nach Abschluss der Mittleren Reife beim Vater eine Bäckerlehre, machte dann das Abitur nach und studierte Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaft. Dass er am 1. Januar 1988 dann doch die elterliche Bäckerei übernahm begründet er lapidar: „Dann esch mei Ingrid dezwischekumme“, die er 1984 geheiratet und mit der er drei Kinder hat. Seine Meisterprüfung legte er „nebenbei“ im Jahr 1985 ab. 1989 wurde das Café geschlossen.
Als dann bei Edi eine Mehlstauballergie diagnostiziert wurde, entschloss er sich, die Bäckerei aufzugeben und verpachtete den Laden von 2002 bis 2004. Danach übernahm Ehefrau Ingrid wieder das Geschäft. Brot und Brötchen wurden von einer Hatzenbühler Bäckerei bezogen, der Kuchen wurde weiter selbst gebacken. Edi Harder war dann sieben Jahre lang für die Handwerkskammer als Mediator zur Vermeidung von Ausbildungsplatzverlusten tätig, bevor er in die Bäckerei zurückkehrte.