Wochen-Spitze Toilettenkunst: Den Gedanken freien Lauf lassen

Ein echter Klopoet.
Ein echter Klopoet.

Die Türen und Wände von öffentlichen Toiletten zu bekritzeln, das gehört sich nicht: Oder doch? In den Kandel ist es in der Adventszeit sogar ausdrücklich erwünscht.

Man hat sich ja daran gewöhnt, dass die Wände von öffentlichen Toiletten bekritzelt oder bemalt sind. Irgendwie ist das eine Arte Volkssport geworden, auf Toilettentüren oder -wänden seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Es soll ja Menschen geben, die stets einen Edding oder dicken Filzstift mitführen, um für den Gang zum stillen Örtchen gewappnet zu sein. Und dann wird sich auf den Wänden verewigt. Warum manche Zeitgenossen und Zeitgenossinnen diesen Drang haben, wurde sogar schon mehrfach wissenschaftlich untersucht. Ganze Abhandlungen gibt es darüber. Und was nicht verwunderlich ist: Männer und Frauen haben ein ganz unterschiedliches Mitteilungsbedürfnis.

Vor ein paar Jahren haben Studenten der Uni Regensburg die Kritzeleien an Klotüren wissenschaftlich untersucht. Vieles, was Menschen auf Klotüren oder -wände kritzeln, ist demnach banal. Manches auch regelrecht schwachsinnig. Oder weit unter der Gürtellinie. Aber es gibt auch Schmierereien, deren Analyse sich durchaus lohne, so die Studenten. Liebesbotschaften, Telefonnummern, politische Statements, Gedichte und sogar philosophische Höhenflüge sind dort zu finden. Tja, aber irgendwie sollte man trotz allem ein schlechtes Gewissen haben, wenn man einfach hingeht und die Wand oder Tür einer Toilette bekritzelt – es sei denn, es ist die eigene daheim.

Ein ernstes Thema

Wer an den Adventswochenenden den Christkindelmarkt in Kandel besucht, dem wird das schlechte Gewissen genommen. Denn dort gibt es neben Weihnachtsmusik, Glühwein und Lebkuchen auch die Mitmachausstellung „Wortwandelei“ im Rahmen der Aktion „Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe“. Besucher können in den Rathaustoiletten ihre Gedanken an einer Wand, einer sogenannten Free Wall hinterlassen. Die Wand besteht aus Kreidefolie.

Es geht dabei um ein ernstes Thema. 2022 wurden laut Amnesty International mindestens 883 Hinrichtungen in 20 Ländern dokumentiert. Das sei die höchste Anzahl gerichtlicher Hinrichtungen seit 2017 gewesen, heißt es in dem Bericht. Dabei handelt es sich bei den Hingerichteten häufig um Menschen, die sich für religiöse Toleranz, für Minderheiten und allgemeine Menschenrechte einsetzten. Die Besucher des Christkindlmarktes beziehungsweise der Toilette des alten Rathauses sind nun aufgefordert, ihre Gedanken zur Todesstrafe auf der Wand niederzuschreiben. Alle Ergebnisse werden laut Mitteilung der Stadt fotografisch dokumentiert. So entsteht eine außergewöhnliche Ausstellung.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich alle Toilettenbesucher jederzeit darüber im Klaren sind, was sie da niederschreiben. Zumal die Gedanken nach dem vierten oder achten Glühwein andere sind als in nüchternem Zustand. Und irgendwie steht auch zu befürchten, dass die stets mit Edding und dickem Filzstift bewaffneten Klopoeten den Weihnachtsmarkt besuchen. Und dann bleibt nur zu hoffen, dass diese in der Lage sind, ihren Schreibdrang in gesitteten Bahnen zu lenken.

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