Kreis Germersheim Studieren mit Kind

Germersheim. „Virtueller Dolmetscherpool, Anna Kindler am Apparat, was kann ich für Sie tun? Ein Arabisch-Dolmetscher? Kein Problem. In spätestens zehn Minuten wird sich jemand bei Ihnen melden.“ Die Mutter eines vierjährigen Sohnes notiert schnell die Nummer auf ihrem blauen Dolmetscherblock und vermittelt den Kontakt weiter.
Seit Juni arbeitet die Germersheimerin als wissenschaftliche Hilfskraft im Modellprojekt der Uni Karlsruhe, das Behörden spontan einen Telefon-Dolmetscher zur Verfügung stellt. Das Masterstudium hat sie gerade abgeschlossen. Ihr Kind hat sie noch während ihres Bachelorstudiums am Fachbereich in Germersheim bekommen. Den Zeitpunkt hat sie sich dabei ganz bewusst ausgesucht: „Das man auch mit Kind studieren kann, wusste ich von meiner Schwägerin. Sie hat zwei Kinder während ihres Studiums bekommen und ist jetzt selbst Dozentin an der Uni Paderborn.“ Studieren mit Kind ist nicht mehr selten. Bundesweit gibt es über 230 Betreuungseinrichtungen mit mehr als 8000 Plätzen speziell für Kinder studentischer Eltern. Die aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt, das im Sommer 2012 rund vier Prozent der Studierenden ein oder mehrere Kinder hatten. „Übertragen auf die Hochschulstandorte des Studierendenwerks Vorderpfalz wären demnach fast 700 Studierende Mutter oder Vater“, schätzt Geschäftsführer Alexander Reiß. Der Großteil habe sich dabei bewusst für ein Studium mit Kind entschieden, betont Stephanie Hinz, Abteilungsleiterin Soziale Dienste und Kindertagesstätten. Ein Grund hierfür sei die Flexibilität, die im Studium oft wesentlich höher sei als später im Job. „Das Land Rheinland-Pfalz und das Bildungsministerium wollten aber auch ein Signal setzen: Studium und Familie sind vereinbar“, erklärt Hinz. „Man hat nämlich festgestellt, dass viele Akademikerinnen nach Studium, Praktika und Berufseinstieg keine Kinder mehr bekommen und wollte daher Möglichkeiten aufzeigen, wie ein Studium mit Kind aussehen kann.“ Ein Spielplatz direkt auf dem Campus, ein großer Gruppenraum, Küche und Schlafräume: In Germersheim werden Kinder von Studierenden in der Kita Zeppelin betreut. Einer von ihnen ist Kindlers Sohn Nikita. „Ohne den Uni-Kindergarten kann man nicht studieren“, erklärt die selbstbewusste junge Frau und erzählt: „Als ich meinen Master begonnen habe, war Nikita sieben Monate alt. Er war dann zunächst für drei Stunden pro Woche bei einer Tagesmutter – in der Zeit war ich vormittags an der Uni, nachmittags haben mein Mann und die Schwiegereltern sich um ihn gekümmert.“ Mit Beginn ihres dritten Mastersemesters sei Nikita dann in den Uni-Kindergarten gegangen. Sie selbst habe dadurch bis zu vier Veranstaltungen am Tag belegen können, darunter die Fachübersetzungsübung Recht russisch-deutsch. Ihre Masterarbeit schrieb sie über den sogenannten Petersburger Dialog, ein russisch-deutsches Wirtschaftsforum. Bei der Jobsuche setzt die Absolventin klare Prioritäten: „Bis es 18 ist, steht mein Kind an erster Stelle. Das heißt ja aber nicht, dass ich mich als Frau nicht auch in anderen Bereichen verwirklichen kann.“ Dass Bildung nicht selbstverständlich ist, war ihr von klein auf bewusst: Vor über zehn Jahren ist sie mit ihrer Familie aus Sibirien nach Paderborn umgesiedelt. „Meine Eltern sind mit uns nach Deutschland gekommen, um mir und meinen Brüdern eine Hochschulbildung zu ermöglichen“, so Kindler. „In Russland wäre das aus finanziellen Gründen nicht gegangen.“ Kann sie Kommilitonen, die sich Nachwuchs wünschen, ein Studium mit Kind empfehlen? Kindler überlegt kurz und nickt: „Ja, auf jeden Fall. An einer kleinen Universität wie in Germersheim sind Studium und Familie wirklich gut vereinbar. Man braucht aber auch ein Umfeld, auf das man sich verlassen kann: Einen selbstständigen Mann, der nicht nur hilft, sondern sich von sich aus aktiv um die Familie kümmert. Eine gute Freundin, Schwiegereltern. Und den Uni-Kindergarten – ohne den wäre es nicht gegangen.“ (kfa)