Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Stromsperre ist das letzte Mittel

Die Kosten für Strom und Wärme steigen. Auch die Versorger wissen, dass einige Kunden deshalb in Zahlungsnöte geraten werden.
Die Kosten für Strom und Wärme steigen. Auch die Versorger wissen, dass einige Kunden deshalb in Zahlungsnöte geraten werden.

Mit den steigenden Kosten wächst die Sorge, dass sich einige Menschen Strom und Wärme nicht mehr leisten können. Wie gehen die Energiewerke mit Kunden um, die nicht mehr zahlen können und wann gefährden Zahlungsausfälle die Versorger selbst?

Bis die Konsequenzen der hohen Energiepreise auf den Rechnungen der Verbraucher schwarz auf weiß auftauchen, wird es noch einige Monate dauern. Trotz der großen öffentlichen Diskussion um die Kostenexplosion nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine haben die Energieversorger in der Region noch keine steigenden Anfragen nach Zahlungserleichterungen zu verzeichnen. „Es gibt noch kein verstärktes Anfrageaufkommen“, sagt Jürgen Trauth, Werkleiter der Gemeindewerke Rülzheim. „Unsere Preiserhöhung läuft in mehreren Stufen und die zweite Stufe folgt erst im Januar. Die Erhöhung muss den Leuten erstmal bewusst werden.“

Geschäftsführer sieht Politik in der Pflicht

„Das Zahlungsverhalten unserer Kunden ist derzeit noch weiterhin gut und hat sich im Vergleich zu früheren Jahren bisher kaum geändert“, sagt Sebastian Körner, Regionalleiter der Thüga Energie. Bei den Stadtwerken Germersheim sieht Geschäftsführer Wolfram Baumgartner zur Bewältigung der hohen Energiepreise für die Verbraucher in erster Linie die Politik in der Pflicht. „Es braucht politische Antworten, das wir wieder auf ein normales Preisniveau kommen.“

Wenn Kunden der Stadtwerke in Zahlungsschwierigkeiten kommen, werde immer eine Lösung im Einzelfall gesucht. „Ja, wir sperren auch Kunden, aber das ist immer das letzte Mittel.“ Es gäbe deutliche Unterschiede unter den Privatverbrauchern. „Es gibt solche und solche Kunden. Wir haben ein Klientel, das würde gerne zahlen, aber kann es in dem Moment nicht. Andere werden von uns gesperrt und kommen direkt danach mit 500 Euro vorbei“, sagt Baumgartner.

Individuelle Lösungen bei Zahlungsausfällen

Die eleganteste Lösung bei Zahlungsschwierigkeiten seien Vereinbarungen mit den Sozialbehörden. „Oft betrifft das Personen, die ohnehin staatliche Leistungen beziehen.“ In dem Fall könnten direkte Vereinbarungen mit den Behörden getroffen werden. In anderen Fällen werde eine Ratenvereinbarung geschlossen, mit der die Kunden die offenen Rechnungen in kleinen Teilen abstottern können. „Wir schauen gemeinsam, wie kommt der Kunde wieder in den grünen Bereich“, sagt Baumgartner.

Manche Kunden würden aber auch einfach verschwinden, ohne die Rechnung bezahlt zu haben. „Wir empfehlen, dass der Kunde bei Zahlungsschwierigkeiten das persönliche Gespräch mit uns sucht“, sagt auch Körner. Individuelle Lösungen könnten dann auch unter Einbeziehung von Sozialverbänden, Schuldnerberatungen und weiteren Akteuren in der sozialen Arbeit gefunden werden.

„Kunden mit Zahlungsschwierigkeiten bewegen sich irgendwo in der Größenordnung zwischen zehn bis 15 Prozent, wird in der Branche angenommen“, sagt Trauth. In ungefähr jedem dritten Fall davon käme es zu einem Zahlungsausfall. Inwiefern sich diese Zahlen durch die massiven Kostensteigerungen auswirken, sei noch nicht absehbar. „Das jetzt ist mit der Situation aus der Vergangenheit kaum vergleichbar. Die Preiserhöhungen sind erheblich. Uns ist bewusst, dass es bei Kunden im Einzelfall sehr schwierig ist“, sagt Trauth. Im Extremfall könnten die Kunden ihre Energie nur noch gegen Vorkasse beziehen. „Von sogenannten Schlüsselzählerkunden wollen wir aber absehen“, sagt Trauth. „Die aktuelle Situation ist fatal für einige Kunden und sie können nichts dafür.“

Preise müssen politisch reguliert werden

Jenseits vom Einzelfall müsse die Politik daher geeignete Rahmenbedingungen schaffen, betont Baumgartner. „Es braucht Entlastungspakete, aber auch einen Deckel auf Erzeugungsebene.“ Die Verbraucher müssten entlastet werden. Dabei sollte aber auch die Lenkungswirkung der Preise berücksichtigt werden. „Wir sollten beim Kunden trotzdem auch ein Preissignal haben, damit zum Sparen animiert wird.“ Zudem müsse den „exorbitanten Gewinnen“ auf der Erzeugungsseite entgegengewirkt werden. „Der Ansatz ist klar, aber die Umsetzung ist viel schwieriger“, fordert er zwar schnelle Lösungen, die aber auch rechtssicher umgesetzt werden müssten.

In ihrer Existenz sehen sich die beiden Energiewerke nicht bedroht. „Für die Versorger sind gigantische Beträge erforderlich, um jetzt noch an Energie zu kommen. Wenn wir das Geld ausgeben, müssen wir es auch an die Verbraucher weitergeben. Tun wir das nicht, kommen auch wir in wirtschaftliche Schieflage“, sagt Baumgartner. Auch Trauth in Rülzheim baut auf die Politik. „Wenn es eng wird, müssen wir in eine politische Diskussion gehen. Wir hoffen auf einen Rettungsschirm von staatlicher Seite, das wäre jetzt angezeigt.“

In der Pflicht sieht er dabei den Bund. „Die Kostenexplosion ist zum Teil durch bundesgesetzliche Maßnahmen verursacht, daher wäre Unterstützung vom Bund angebracht.“ Auch Körner verweist hier auf die laufenden Gespräche zwischen Verbänden der Energiewirtschaft und der Politik über Maßnahmen zur Stabilisierung der Energieversorgungsunternehmen. „Sollten bei Energieversorgungsunternehmen erhebliche Liquiditätslücken auftreten, so könnte das bedrohlich werden“, hofft auch er auf Hilfe.

Viele Stadtwerke-Kunden seien schon selbst aktiv geworden, um die steigenden Energiepreise zu bewältigen. Auf die Kampagne der Stadtwerke hin hätten sich zahlreiche Kunden gemeldet. „Viele Kunden erhöhen gerade ihre Abschläge, um böse Überraschung im Frühjahr zu vermeiden“, sagt Baumgartner.

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