Geschichten aus der Geschichte
Streit um Altäre ist passé
„Die Kirche befindet sich in dem allererbärmlichsten Zustande und kann wegen ihrer Baufälligkeit nicht mehr ohne Lebensgefahr betreten werden, indem das faule Gebälk und die Sparren des Dachstuhles nach und nach in die Kirche herabstürzen.“ Nein, das ist erfreulicherweise keine aktuelle Zustandsbeschreibung der Kirche in Erlenbach. Sie stammt vielmehr von der königlich bayerischen Regierung des Rheinkreises und wurde der Gemeinde am 19. Oktober 1818 übermittelt. Um eine Gefährdung der Kirchenbesucher abzuwenden, wurde die Kirche kurzerhand geschlossen. Gottesdienste fanden vorübergehend im Schulhaus statt. Doch die Erlenbacher bekamen schon bald eine neue Kirche, die am zweiten Sonntag im August 1821 eingeweiht wurde. An die Fertigstellung des neuen, im Stil des Klassizismus errichteten, Gotteshauses vor etwas mehr als 200 Jahren erinnerte man im Mai – coronabedingt verspätet– mit einem Festgottesdienst, bei dem Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst die Predigt hielt.
Eine Chance für die Ökumene
Die Kirche, die mitten im Dorf steht und deren Turm weithin sichtbar ist, war nicht das erste Gotteshaus für die Erlenbacher. Schon um 1472 ist eine katholische Dorfkapelle belegt, die nach der Reformation lutherisches-reformiertes Gotteshaus wurde. Der Calvinismus, so schreibt der frühere Pfarrer Martin Henninger in seinem Beitrag zur Orts- und Kirchengeschichte, blieb bis 1818 vorherrschend. In jenem Jahr kam es bekanntlich zur Union zwischen Reformierten und Lutheranern. Allerdings konnten auch die Katholiken seit 1697 die Kirche benutzen. Dieses Recht ist bis heute erhalten: Die Simultankirche von Erlenbach kann von der katholischen Pfarrgemeinde bei Beerdigungen und am Samstag vor der Kirchweih für einen Gottesdienst benutzt werden. Und überhaupt nichts spreche gegen weitere Veranstaltungen der katholischen Christen, sagt Pfarrerin Elke Maicher. Streitereien, etwa wegen des Läutens der Glocken spielen heute keine Rolle mehr, vielmehr sei das Simultaneum eine Chance für mehr Ökumene.
Der Neubau einer Kirche bedeutete für das Dorf eine gewaltige Kraftanstrengung, auf die auch Otto Runck in seiner Ortschronik 1996 hinwies. Der Presbyter und Organist berichtete von der Baugenehmigung aus dem Jahr 1820. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 12.300 Gulden, aber schon damals konnte dieser nicht eingehalten werden. Zur Finanzierung stellte man Forderungen an Österreich und Frankreich, nutzte den Erlös aus dem Holzverkauf, sammelte Spenden, lieh sich was von Wörth und verkaufte sogar ein Gemeindehaus.
Fenster mit den Reformatoren
Bald nach der Fertigstellung der Kirche äußerten die Katholiken den Wunsch nach einem Hochaltar – er wurde 1842 eingebaut. Das ging nicht ohne Blessuren! Denn um Platz dafür zu schaffen, musste der „evangelische“ Altar um 1,70 Meter in das Kirchenschiff verschoben werden. Man fürchtete damals, dass dieser bei manchen Gottesdiensten nicht ausreichen würde. Seitdem spricht man auch von der „St. Martins-Kirche“.
1864 lieferte die Firma Walcker eine Orgel, die bis zum heutigen Tag weitgehend unverändert erhalten ist. Demnächst muss sie aber überholt werden, weshalb die Kollekte beim Jubiläumsgottesdienst dafür verwendet werden soll.
Im Inneren der Kirche beeindrucken das schwebende Bronze-Kreuz des Speyerer Künstlers Wolf Spitzer. Dessen Balken haben die Gestalt eines geöffneten Buches und verweisen auf die Heilige Schrift als Grundlage und Richtschnur für die Gemeinde. Bemerkenswert sind auch die Reformatorenfenster, die die Köpfe von Martin Luther und Philipp Melanchthon zeigen und ebenso wie die weiteren Fenster aus dem Jahre 1928 stammen. Sie gesellten sich zum Christusfenster, das schon vor dem Ersten Weltkrieg eingebaut und heute wieder sichtbar ist. Der alte (aus Holz konstruierte) Kirchturm musste übrigens 1866 abgerissen und durch einen neuen, 47 Meter hohen, Kirchturm aus Mauerwerk ersetzt werden, der heute die drei Glocken trägt.
Für diesen war ein gutes Fundament notwendig, so dass man zunächst 12 Eichenstämme in die Erde rammte. „Diese schwere Arbeit wurde von 26 Männern ausgeführt“, schreibt Otto Runck und konnte sie noch namentlich erwähnen. Grundsteinlegung war am 30. Juli 1866. Freuen über „Wecke“ durften sich dabei vor allem die Kinder des Dorfes. Weitere 8000 Gulden kostete der Kirchturm mit einer Uhr, deren altes Werk noch heute erhalten ist. Die Uhr selbst wurde durch eine automatische ersetzt. Immer wieder waren erforderliche Unterhaltungsarbeiten am Kirchturm auch Streitpunkte zwischen der politischen und der Kirchengemeinde. Seit Langem gilt dabei der Grundsatz, dass die Ortsgemeinde sich um die Unterhaltung des Kirchturmes zu kümmern habe, die Kirchengemeinde müsse ihrerseits für das Kirchenschiff sorgen. Eine gute Absprache und ein weitgehend konfliktfreies Zusammenarbeiten erwiesen sich bei so manchen Vorhaben für beide Seiten von Vorteil.
Mehrfach musste im Laufe der Zeit Hand angelegt werden, um erforderliche Restaurierungen durchzuführen. So fand eine große Renovierung zwischen 1984 und 1987 statt und zuletzt im Jahre 2005, als Kirchendach und Außenwände aufwändig saniert wurden. Seitdem erstrahlt die Kirche wieder in ihrer alten „blauen“ Farbe und bildet gemeinsam mit dem Rat- und Bürgerhaus sowie dem Kindergarten ein lebendiges Dorfzentrum.