Kreis Germersheim Städtische Maßstäbe gesetzt
Die Bismarckstraße gehört bestimmt nicht zu den Straßen derentwegen Kandel früher einmal Langenkandel genannt wurde. Doch wenn auch die Strecke von der Bahn bis zur Hauptstraße noch nicht einmal einen halben Kilometer lang ist, kann man doch manches über sie berichten.
Das beginnt beim Bau der Straße. Obwohl sie der direkte Weg von der Hauptstraße zum Bahnhof ist, erfolgte er viel später. Als ab 1864 die Züge fuhren, gab es nur einen unbefestigter Weg zum Bahnhof, obwohl in der Hauptstraße ein Haus abgerissen wurde, um Platz für eine Verbindungsstraße zu machen. Erst 1899 beschloss der Gemeinderat, diesen Weg zu verbreitern und höher zu legen. Wohl auch, weil südlich des Hintergrabens neben dem Weg das Elektrizitäts-Werk errichtet wurde. Obwohl der Weg 1900 den Namen Bismarckstraße erhielt, wurde er erst 1901 ausgebaut. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden an der neuen Straße die ersten Häuser gebaut, die meisten von ihnen von dem Kandeler Baumeister Franz Heußler. Drei der Häuser stehen unter Denkmalschutz, bilden mit anderen ein Ensemble. Sowohl Renaissance- und Barock- als auch Späthistorismus- und Jugendstileinflüsse sind zu finden. Damit wurde in dem damals dörflich-kleinstädtischen Milieu von Kandel ein neuer architektonischer Maßstab gesetzt. Als Beispiel dafür sei das „Bahnhofhotel“ an der Ecke Georg-Todt-/Bismarckstraße genannt, das zu den denkmalgeschützten Häusern gehört. Für viele Besucher Kandels ist, wie bei Stadtführungen zu hören war, die Bismarckstraße vor allem wegen dieses Häuserensembles die schönste Straße der Stadt. An der Ecke Bismarckstraße/Hauptstraße steht das ehemalige, heute in das Anwesen vom Schuhhaus Grahn integrierte Gasthaus „Zum Stern“. Dessen hinterer, ganz in der Bismarckstraße gelegener Teil ist als Fachwerkhaus ebenfalls denkmalgeschützt. In der Bismarckstraße haben sich schon immer gerne Ärzte niedergelassen. Zwar arbeiten heute dort nur die beiden Zahnärzte Dr. Holger Gehrig und Dr. Fritz Herrmann, deren Väter und Großväter schon hier ihre Praxen hatten, sowie die Frauenärztin Stephanie Waibel. Es gab aber auch schon Zeiten, da gab es dort mit Dr. Georg Ehmer einen dritten Zahnarzt, mehrere Hausärzte, darunter auch Dr. Ali Abu Laila, der sich selbst einen „Kandeler Palästinenser“ nannte, und den von den Altkandelern heute noch geschätzte Dr. Bernhard Ölschlägel, einen Kinderarzt sowie mehrere Tierärzte. Früher gab es in der Bismarckstraße auch die Volksbank, ein zweites Forstamt und ein kleines Altersheim als Vorgänger des Willi-Hussong-Hauses. Mit der Firma Adolph Voltz hatte auch Kandels erste „Maschinen- und Eisenhandlung“ dort ihren Platz. Sie hatte laut Anzeigen stets „ca. 500 Stück Maschinen aller Art“ am Lager. Übernommen wurde die Firma später von Alfred Roth, dessen Sohn sie vor kurzem geschlossen hat. Doch auch das Werk 2 der Firma Eichenauer hatte seinen Platz neben dem „Bahnhofhotel“. Heute ist dieses Anwesen jedoch auf die Georg-Todt-Straße hin orientiert. Heute befindet sich im ehemaligen Anwesen der Volksbank neben einer Wohnung noch die „Tagesstätte Seelische Gesundheit“ der Arbeiterwohlfahrt. Schließlich ist fast am Ende der Bismarckstraße noch der „Saubrunnen“ zu finden. Er erinnert an den Schweinemarkt, der am Gasthaus „Zum Stern“ über lange Zeit abgehalten wurde. Dass es an diesem Platz eine öffentliche, wenn auch später nicht mehr zu benutzende Toilette gab, sollte auch noch erwähnt werden, zumal man ja heute in Kandel solche Einrichtungen suchen muss. In der Bismarckstraße wohnten auch Bürger, die sich durch ihr ehrenamtliches Engagement verdient gemacht haben. Alois Wiebelt und Klaus Göck waren Mitglieder des Stadtrats. Emil Hoock war 2. Bürgermeister der Stadt und viele Jahre lang Vorsitzender von Kandels ältestem Gesangverein, dem Männer- und Frauenchor, Kandel wie er sich heute nennt. Seine Tochter Inge Wüst war mehr als zwei Jahrzehnte lang Jugendleiterin beim TSV. Noch heute erzählen älter gewordene Kandeler gerne über die schöne Zeit bei „Tante Inge“. Ihr Nachbar in der Bismarckstraße, Walter Hott, hat die Tischtennisabteilung im TSV gegründet und lange geleitet. Sein Sohn, der Maler Armin Hott, hat auch einige Jahre in der Bismarckstraße gewohnt.